Nach Auszeichnungen beim Spanischen und Europäischen Filmpreis, im Wettbewerb von Venedig und bei den Golden Globes gewann Alejandro Amenábar nun den Oscar als bester nicht englischsprachiger Film für sein bewegendes Sterbehilfe-Drama "Das Meer in mir". Zu recht: Trotz seines Themas strahlt es eine enorme Lebensfreude aus.
Will das Publikum auf eine Reise mitnehmen: Regisseur Alejandro Amenábar (Foto: Kurt Krieger)
ALEJANDRO AMENÁBAR: Ich habe Filme immer als Weg angesehen, um einem breiten Publikum etwas zu vermitteln. Warum soll man die Dinge betont kryptisch und schwierig verpacken? Ich liebe "E.T." genauso wie einen Bergman-Film und habe nie verstanden, warum Kommerzialität im Widerspruch zu Tiefgründigkeit stehen soll.
Ich greife Themen auf, die mir wichtig erscheinen und versuche, sie ansprechend für das Publikum aufzuarbeiten. Dieser Film weist interessante Themen auf: die Sicht auf Leben und Tod, Würde, Freiheit, Liebe. Die Frage war: Wie kann man das dynamisch rüberbringen?
Ein durch und durch faszinierender Mensch: Ramón Sampedro, dargestellt von Javier Bardem (Foto: Tobis)
Ich habe einen Bericht über Ramón Sampredo im Fernsehen gesehen. Seine Art zu reden, beeindruckte mich. Er war so ruhig, lief nicht davon. Dann habe ich sein Buch gelesen, das ich brillant fand. Ich konnte mir jedoch noch nicht vorstellen, wie man es filmisch umsetzen könnte.
Doch dann erfuhr ich immer mehr über den Menschen Ramón: Seinen Sinn für Humor, die feine Ironie, mit der er dem Tod entgegensah, all die Frauen, die sich in ihn verliebt haben, seine Träume, die Bedeutung des Meeres für ihn als Metapher des Lebens. Sein Gedanke, fliegen zu können. Das waren Dinge, die man gut in Bilder umsetzen kann. Das ergab alles eine Reise und ich will das Publikum auf eine Reise mitnehmen.
Nachdem wir das Drehbuch fertig hatten, überlegten wir, wer das spielen könnte. Wir wollten in Spanien drehen, also musste es ein Spanier sein. Javier Bardem ist der beste spanische Schauspieler, wenn nicht einer der besten Schauspieler der Welt. Er hat natürlich einen ganz anderen Körper als Ramón ihn hatte, ist jünger, spricht einen anderen Dialekt. Aber er hat das nötige Einfühlungsvermögen und hat er daran gearbeitet, seine Hände wie ein Querschnittsgelähmter zu bewegen.
Wir haben natürlich auch getrickst. Es gibt eine Szene, wo man Javier nackt sieht. Es ist sein Körper, aber wir haben ihn digital nachbearbeitet. Wir haben in vielen Szenen auch seine breiten Schultern am Computer schmäler gemacht. Einmal haben wir statt seinen die Füße des Regieassistenten aufgenommen.
Je mehr ich über ihn erfuhr, desto mehr hatte ich das Bedürfnis, mein Wissen mit anderen Menschen zu teilen. In den letzten zwei, drei Jahren wurde ich viel mit dem Tod konfrontiert. Man muss sich mit dem Thema beschäftigen. Der Film hat mir dabei geholfen. Er ist einem Freund von mir gewidmet, der vorletztes Jahr starb. Ich hoffe, dass der Film auch anderen Leuten hilft, die einen Menschen verloren haben.
Der Tod selbst interessiert mich nur als Teil des Lebens und wie wir damit umgehen. Ich würde mich, wie Ramón, als Agnostiker bezeichnen. Ich weiß nicht, was nach dem Tod kommt, ich glaube nichts. Aber darum geht es mir auch nicht.
Ich denke nicht an eine bestimmte Nation, wenn ich einen Film mache. Ich stelle mir beim Schreiben vor, was ich nächstes Jahr gerne im Kino sehen würde. Das ist für mich die Maßgabe. Wir wollten uns jedoch an die Gegebenheiten der Geschichte halten, sie z.B. in Galizien stattfinden lassen und nicht in die USA verlegen. Gleichzeitig ist das Thema so universell, jeder Mensch muss sich früher oder später mit dem Tod auseinandersetzen.
Ich bin mir sicher, dass ihn das verändert hat. Er wurde zu einer Art Philosoph, der das Leben vieler Menschen veränderte. Als junger Mann stand für ihn Bewegung im Mittelpunkt, er reiste um die Welt. Nach dem Unfall ging er auf eine intellektuelle Reise. Das fand ich sehr außerordentlich.
Ich glaube nicht, dass man ein Remake von dem Film machen sollte. Ich bin Koproduzent und würde die Rechte nicht verkaufen. Von meinem Film "Open Your Eyes" wurde ein US-Remake gemacht, "Vanilla Sky". Aber hier geht es um eine wahre Geschichte und ich würde es als Verrat an Ramón Sampedro empfinden, sogar als Verrat am internationalen Kino. Die Geschichte verdient es, in Spanien gedreht zu werden.
Ich bin sehr glücklich, dass ich diesen wunderbaren Beruf ausüben kann. Was mich bewegt und antreibt, ist es, die Leute auf eine Reise mitzunehmen. Der Punkt ist für mich nicht, nach L.A. oder New York zu gehen um dort mit Megastars zu arbeiten. Die Frage ist, wie erreiche ich mein Publikum? Was erzähle ich ihm? Das ist die entscheidende Frage vor jedem neuen Projekt.
Als ich an "The Others" arbeitete, haben mich viele Spanier gefragt, warum ich den Film auf englisch gedreht habe. Meine Produzenten haben mich jedoch schnell davon überzeugt, dass es stimmiger und glaubwürdiger ist, dem Film eine angelsächsische Atmosphäre zu geben.
Bei "Das Meer in mir" ist es genau umgekehrt. Wenn ich den Film auf Englisch gedreht hätte, hätte er natürlich automatisch einen größeren Markt. In Zukunft würde ich auch wieder Filme auf Englisch drehen, möglicherweise auch auf Französisch, wenn es die Geschichte vorgibt. Französisch müsste ich allerdings erst lernen.
Überwältigende Landschaftsaufnahmen "entschädigen" für das an die Nieren gehende Thema (Foto: Tobis)
Eine der zentralen Fragen, die ich mir zu Beginn des Projekts stellte, war: Wie stellen wir eine Dynamik her, wenn sich der Film um jemanden dreht, der nicht nur nicht laufen kann, sondern sich auch nicht aus seinem Zimmer wegbewegen will?
Normalerweise kreiert man Dynamik und Realismus mit Handkamera und einem kleinen Filmformat. Ich wollte es genau umgekehrt machen: Ich wollte Panorama-Bilder, den Film so visuell ansprechend wie möglich machen. Dem Publikum etwas als Entschädigung bieten für das nicht besonders angenehme Thema.
Introvertiert und nachdenklich: Regisseur Alejandro Amenábar an der galizischen Küste (Foto: Tobis)
Momentan habe ich noch keine. Ich habe natürlich Ideen. Ich liebe das Stadium, in dem man Projekte andenkt. Das bedeutet, dass ich mir Zeit nehme, diszipliniert über etwas nachdenke. Das bedeutet auch, dass ich nicht darüber rede und keine Interviews gebe!