W. Wenders im Gespräch
Western, Roadmovie und großes Gefühlskino - all das ist Wim Wenders' neuer Film "Don't come knocking", der in Cannes vom Publikum mit 20 Minuten langen Standing Ovations gefeiert wurde. Das Werk knüpft an Wenders' großen Erfolg "Paris, Texas" an und überzeugt vor allem durch tragikomische Zwischentöne und beeindruckende Bilder.
Publikum und Kritiker lieben ihn: der deutsche Star-Regisseur Wim Wenders (Foto: Kurt Krieger)
» In "Don't Come Knocking" heißt es: "Ich ziehe das Leben im Film dem wahren Leben vor." Wie steht es mit Ihnen?
WIM WENDERS: Wir tun alle so, als könnten wir Kino und Leben so fein unterscheiden. Die größten Probleme haben die Schauspieler, die ständig in Rollen rein- und wieder rausschlüpfen.
Wir sind alle von den Bildern aus Film und Fernsehen und dem Mythos Kino beeinflusst. Da ist es kein Wunder, dass viele von uns neben dem eigenen Leben stehen und darin nicht die Haupt-, sondern nur die Nebenrolle spielen.
» Sie nennen "Don't Come Knocking" Ihren besten Film.
Ich habe leichtsinnigerweise gesagt, dass ich nicht weiß, was ich an Don't Come Knocking noch besser machen soll. Da ist was dran. Ich habe nie länger an einem Drehbuch gearbeitet, fast vier Jahre. Dadurch, dass wir den Film zweimal - 2002 und 2003 - verschieben mussten und erst 2004 drehten, ist er wie ein guter Wein gealtert und richtig gereift.
Nur weil wir so lange warten mussten, bekam ich die Besetzung, die ich von Anfang an wollte. 2003 hätte ich Jessica Lange nicht gehabt. Sam Shepard und ich tüftelten noch einiges am Drehbuch und verbesserten es um Klassen.
Dreharbeiten sind oft mit Stress und Angstzuständen verbunden. Ich sitze jeden Abend in meinem Hotelzimmer und mache mir Sorgen über den nächsten Drehtag, entwerfe Zeichnungen und überlege, wie löse ich diese oder jene Szene morgen auf, oder ich beschäftige mich mit dem Drehplan. Bei "Don't come knocking" bin ich jeden Abend ins Bett gefallen und habe wunderbar geschlafen. Das ist mir noch nie passiert.
Der alternde Western-Star merkt, dass Drugs, Sex and Rock 'n' Roll für ihn vorbei sind (Foto: UIP)
» Woher nahmen Sie die Sicherheit?
Ich wusste, ich habe einen Dialog, an dem ich nicht mehr viel verbessern kann, und Schauspieler, die sich alles abverlangen lassen. Die Orte waren die, an denen ich von Anfang an die Geschichte spielen lassen wollte.
» Wieso wurde die Produktion immer wieder verschoben?
Unser ursprünglicher Finanzplan hat sich als nicht realisierbar erwiesen, und so mussten wir den Drehplan bei einem geplanten Budget von elf Millionen Dollar runterschrauben.
Ich konnte den Film aber trotzdem in großer Freiheit drehen. 36 Drehtage sind für so einen komplizierten Film mit so vielen Schauplätzen schon sehr wenig. Das ist der Preis, den man zahlen muss.
Ich bin es außerdem gewohnt, schnell zu drehen. Zeit ist das teuerste. Wir konnten uns nie erlauben, irgendwo einen Tag festzuhängen. Zwei-, dreimal kriegte ich Muffensausen, weil das Wetter nicht mitspielte.
» Drängt sich bei der Konstellation Wenders/Shepard nicht ein Vergleich zu "Paris, Texas" auf?
Wir hatten uns an eine Art Pakt gehalten, nicht an "Paris, Texas" zu rühren und uns nicht zu wiederholen. Nach 20 Jahren durften wir die Selbstbeschränkung aufheben, finde ich. Und Howard Spence ist kein Travis, das Tempo der Geschichte ein anderes.
In meinem ersten Vorschlag war Howard ein erfolgreicher Börsenspekulant, der schmerzhaft realisierte, dass er sein Leben verpasst hat. Sam hat einfach keinen Zugang zu dieser Figur gefunden. Wir haben alles Mögliche ausprobiert und uns am Ende auf den abgehalfterten Western-Darsteller geeinigt, der sozusagen aus seinem eigenen Leben ausgestiegen ist und sich fragt, wo er hingehört.
Sam Shepard hat die erste Szene geschrieben. Das Drehbuch haben wir chronologisch entwickelt und uns zum Schreiben an den verschiedensten Orten Amerikas getroffen.
Ein verpasstes Leben kann man nicht nachholen: bittere Erkenntnis für Sam Shepard (Foto: UIP)
» Ein Cowboy, der am Ende des Films in die Abendsonne reitet - das erwartet man nicht von Ihnen.
Der Film ist von Anfang an ironisch. Selbst der Titel. Auf dem Schild am Trailer steht "Don't come knocking", darunter "if the Trailer is rocking", schon eine ziemlich anzügliche Bemerkung. Diese tragikomische Figur kann man doch nicht so richtig ernst nehmen. Ein Typ, der 30 Jahre zu spät einer Frau einen Heiratsantrag macht, ist nicht ganz dicht. Es sind die Frauen, die ihn zurechtstutzen.
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