Die Berlinale bietet genau das richtige Forum für Akins "Gegen die Wand". Der Regisseur über ein erzählerisches Experiment und türkische Einflüsse.... http://images.kino.de/newspics/406/148406_1/b150x150.jpg "Türkische Musik hat viel mit Punk gemeinsam"

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Fatih Akin im Gespräch

"Türkische Musik hat viel mit Punk gemeinsam"

Mit seinen Filmen liefert Fatih Akin einen wichtigen Beitrag zum deutsch-türkischen Austausch. Nach "Kurz und schmerzlos", "Im Juli" und "Solino" folgt mit "Gegen die Wand" sein vierter Spielfilm. Mit Spannung erwartet der preisgekrönte Regisseur, wie sein neues Drama über die zweite türkische Einwanderergeneration auf der diesjährigen Berlinale aufgenommen wird.

Großansicht Begeistert von der Berlinale: Fatih Akin

Begeistert von der Berlinale: Fatih Akin

» Nachdem Sie 2001 Mitglied der Berlinale-Jury waren, kehren Sie jetzt mit einem eigenen Film in den Wettbewerb zurück. Was bedeutet Ihnen diese Festival-Auswertung?

FATIH AKIN: Sie ist sehr wichtig - für mich persönlich, für den Film und für unsere Produktionsfirmen Corazón und Wüste Film. Ich weiß nicht, wie ein erzählerisches Experiment wie "Gegen die Wand" an der heimischen Kinokasse funktioniert. Deshalb braucht man für die wichtige Auslandsauswertung ein Forum wie die Berlinale.

» Ist "Gegen die Wand" eine Rückkehr zu Ihren künstlerischen Wurzeln?

Ich wollte nach "Solino" zu Hause, also in Hamburg-Altona, einen Film drehen und mit einem kleineren Apparat befreiter arbeiten. Gleichzeitig wollte ich aber auch alles anwenden, was ich bei den großen Filmen gelernt habe. Insofern war es für mich eine Weiterentwicklung.

» Die Idee zu "Gegen die Wand" hatten Sie bereits vor einigen Jahren. Damals hatte die Geschichte jedoch einen komödiantischen Grundton. Wie wurde daraus eine Tragödie?

Ich glaube, dass Komödie und Tragödie eng beieinander liegen. Das war auch schon in "Kurz und schmerzlos" so. Ich habe mich vor "Gegen die Wand" sehr stark mit dem türkischen Kino auseinander gesetzt und Parallelen zum Neorealismus gesehen. Da ist es oft so, dass das Tragische nah am Komödiantischen liegt.

» War das türkische Kino eine der Inspirationsquellen?

Auf jeden Fall. Eine weitere war Birol Ünel. Er ist ein genialer Mensch mit viel Talent. Ich wollte unbedingt einen Film drehen, in dem er die Hauptrolle spielt; in "Im Juli" hatte er ja bereits eine kleine Rolle übernommen.

» Wollten Sie die Rolle der Sibel von Anfang an mit einer Laiendarstellerin besetzen?

Viele deutsch-türkische Schauspielerinnen, die für die Rolle in Frage kamen, waren nicht bereit, sich vor der Kamera auszuziehen. Deshalb haben wir ein Streetcasting durchgeführt. In Essen haben wir dann zufällig Sibel Kekilli entdeckt.

» In einer Nebenrolle ist der türkische Filmstar Meltem Cumbul zu sehen. Wie kam es dazu?

Ich habe Meltem vor ein paar Jahren am Set von "Im Juli" kennen gelernt. Seitdem wollten wir miteinander arbeiten. Aber erst jetzt hat es geklappt. Ich möchte mit dem Film - wie mit meinem nächsten Projekt, der Musik-Doku "Crossing the Bridge - The Sound of Istanbul" - eine Brücke schlagen. Gerade für das deutsch-türkische Kino in Deutschland ist es wichtig, dass ein Austausch mit dem türkischen Kino stattfindet.

» Was bedeuten Ihnen die Traditionen, die Ihren Figuren im Film so zu schaffen machen?

Was Traditionen angeht, gehöre ich zur loyalen Opposition. Bestimmte Traditionen sind sehr schön und ich will sie auch pflegen. Aber genauso viele sind sehr destruktiv, diese möchte ich gern aufbrechen. Es muss eine Aufklärung stattfinden, gerade in der islamischen Welt. Ich möchte meinen Teil dazu beitragen.

» Eine Hauptrolle in "Gegen die Wand" spielt auch die Musik.

Ich wusste schon während des Schreibens, welchen Song ich zu welcher Szene haben möchte. Für die Schauspieler gab es später den Soundtrack zum Drehbuch. Bei den Dreharbeiten habe ich die Szene der Musik angeglichen.

» Ein weiteres Element ist die Band, die zwischen den Akten zu sehen ist.

Das ist eine Hommage an das türkische Meisterwerk "Muhsin Bay". Dieser Chor hat mir auch geholfen, die fünf Akte von "Gegen die Wand" besser zu verbinden. Bei der Musik selbst handelt es sich um einen Roma-Gypsy, den ich vor drei Jahren in einem Punk-Club in Istanbul gesehen habe. Damals ist mir aufgefallen, dass traditionelle türkische Musik viel mit Punk gemeinsam hat.

» Ein Thema, dem Sie in "Crossing the Bridge" nachgehen werden?

Exakt. Die Dreharbeiten beginnen im Mai. Aber da sich die Finanzierung hinzieht, wird es ein Langzeitprojekt sein. Ich werde zwischendurch voraussichtlich den Film "Soul Kitchen" drehen, eine Komödie, die in Hamburg-Altona spielt. Das wird die erste reine Corazón-Produktion sein.

» Welche weiteren Projekte stehen noch an?

Ich plane die Fortsetzung der "Liebe, Tod und Teufel"-Trilogie, dessen erster Teil "Gegen die Wand" ist. In dem "Teufel"-Teil, der den Arbeitstitel "Alamut" trägt, geht es um die ersten Selbstmordattentäter der Geschichte. Ich möchte den Film auf Englisch drehen, daher verhandeln wir mit US-Produzenten. Auch der Actionfilm "Backgammon" ist als amerikanisches Projekt geplant. Für 2005 ist "Nichts geht mehr" in der Pipeline, das Regiedebüt von Moritz Bleibtreu. Außerdem planen wir "Ich bin nicht du" nach einem Roman von Regina Schilling.

» Wie gefällt Ihnen die neue Rolle als Produzent?

Ich habe viele Träume und Ideale und muss abwarten, wie viele sich davon verwirklichen lassen. Hauptsächlich geht es darum, meine eigenen Filme so umzusetzen, wie ich es möchte.

sw, Hamburg, 19.01.2004, 12:00

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