Jason Reitman über "Up in the Air"
Er kam, zeigte und siegte: Jason Reitmans Comedy-Überflieger "Up in the Air" mit George Clooney als Prämien- und Meilenjunkie war auf dem Filmfestival von Toronto Publikums- und Kritikerliebling und gilt als vielversprechender Oscar-Kandidat.
Jason Reitman war bereits mit seinen ersten beiden Komödien "Thank Your for Smoking" und "Juno" erfolgreich.
Drei Filme, drei Erfolge...
JASON REITMAN: Ja, ich habe wirklich Glück. Andererseits heißt das aber auch, dass mir Flops noch bevorstehen. Dessen bin ich mir durchaus bewusst. Ideal wäre vermutlich, wenn ich jetzt sterben würde, idealerweise bei einem Flugzeug-Absturz. Stellen Sie sich mal die ungeheure Publicity für "Up in the Air" vor. Ich würde jeden nur erdenklichen Oscar bekommen. Sogar den fürs beste Make-up.
Sie, respektive George Clooneys Ray Bingham, fliegen mit American Airlines. Haben Sie bewusst diese Fluglinie ausgesucht?
Nein. Wir haben bei verschiedenen Fluglinien nachgefragt, und American Airlines war am kooperativsten. Ich wollte eine Airline, die wirklich existiert, nichts Fiktives, beispielsweise Sunshine Airlines, sonst wäre mein Film ja zur Satire geraten.
Entsprechend sind Sie auch in "Thank You for Smoking" vorgegangen. Da wurde Marlboro geraucht.
Filme wie "Thank You for Smoking" und "Up in the Air" müssen realistisch sein. Hier wollte ich in richtigen Flugzeugen und echten Terminals drehen. American Airlines flog uns sogar mit einer Boeing 757 nach St. Louis, damit ich an Bord filmen konnte.
Wie kamen Sie darauf, einen Film über einen Vielflieger zu drehen?
Die Idee zu dem Film hatte ich schon als 25-Jähriger vor rund sieben Jahren, denn ich bin selbst Meilenjunkie. Dann war da noch dieses Buch, "Der Vielflieger" von Walter Kirn. Aber die Vielfliegergeschichte macht ja nur einen der sechs oder sieben Handlungsstränge aus. Es geht um Massenentlassungen, Wirtschaftskrise, Familie und Liebe.
Haben Sie die anderen Erzählstränge auch so nahe an der Realität angesiedelt?
Absolut. Nehmen Sie die Hochzeit. Wir haben da, wenn Sie so wollen, eine richtige Hochzeit gefeiert, vor Ort einen Hochzeitsplaner engagiert, einen Priester, eine Band. Dann haben wir Schauspieler und Crew in eine Kirche verfrachtet und die ganze Feier mit drei Videokamerateams aufgenommen. Realistischer kann man gar nicht vorgehen.
Realismus ist die eine Sache, die andere, dass die Figuren Ihrer Filme in gewisser Weise Kontrollfreaks sind.
Ja, das trifft wohl zu. So habe ich das zwar noch nie gesehen, ich würde mich aber sicher auch als Kontrollfreak bezeichnen. Sogar auf "Juno" traf das zu: Sie wollte die Schwangerschaft zu ihren Bedingungen durchziehen. Lassen Sie es mich so sagen: Alle meine Figuren haben eine klare Meinung zu den Dingen, die sie tun, gehen ihre Probleme konkret an und denken nicht wie die Allgemeinheit in vorgefassten Kategorien.
Ihre Figuren stehen gern am Scheideweg. Bingham steht vor einer existentiellen Frage: Soll er, und wenn ja, wie soll er sein Leben ändern?
Das ist ein entscheidender Grund für mich, Filme zu machen: die Frage, wie der Mensch in der Welt steht, wie die Verbindung zu seinen Mitmenschen aussieht. Ich stelle in meinen Filmen gern Fragen. Ich zeige, wie Leute lernen, Dinge erkennen. Aber, und das ist ganz wichtig, ich gebe keine Antworten. Die zu finden, ist Aufgabe meiner Zuschauer.
George Clooney funktioniert als sich infrage stellender Sunnyboy-Siegertyp hervorragend. Vielleicht hat man ihn noch nie besser gesehen als hier.
Ich glaube, das wirkt so, weil George den Charakter, den er hier spielt, perfekt versteht, bis zu einem gewissen Punkt diesem sogar wesensverwandt ist. Darauf achte ich auch. Ich versuche keine Schauspieler zu besetzen, die privat 100 Prozent anders sind als die Rolle, die sie spielen. Ich suche immer nach echten Schnittstellen zwischen Rolle und Darsteller.
Es fällt auf, dass bei Ihnen Männer und Frauen auf gleicher Augenhöhe operieren.
Sind wir doch ehrlich, in der kurzen Geschichte des Kinos wurden die meisten männlichen Geschichten schon erzählt. Ich erzähle gern neue Geschichten. Mit Frauen ist das einfacher. Mich interessieren starke, kluge Frauen, ich habe so eine geheiratet (2004 heiratete Reitman Michele Lee; Anm. der Red.). Nicht zu vergessen meine Mutter. Die Figur der Natalie, die ist toll, die ist schlauer als die ganzen Jungs in ihrer Umgebung.
Hat Ihre Frau Sie zu Natalie inspiriert? Sie scheinen diese Figur wirklich ins Herz geschlossen zu haben.
Natürlich. Meine Frau ist Natalie. Sie kommt aus der Geschäftwelt, ist tüchtig, taff und zupackend. Nein, natürlich ist sie viel herzlicher. Aber in der Szene, in der sich Ryan, Alex und Natalie über ihre Traumpartner unterhalten, meiner Ansicht nach die Schlüsselszene des Films, habe ich quasi wortwörtlich für Natalie ins Drehbuch geschrieben, was mir meine Frau - sie ist heute 36 - über ihren Wunschmann als 18-Jährige erzählt hat.
Noch einmal Familie. Wie weit mischt sich Ihr Vater Ivan Reitman in Ihre Arbeit ein?
Eigentlich gar nicht. Ivan steuert immer nur kleine Ideen bei, erinnert mach daran, dass die Geschichte reichhaltig und dicht sein muss. Am wichtigsten vielleicht aber ist, dass er mich gelehrt hat, mich nie an Material zu klammern. Wenn etwas nicht funktioniert - weg damit. Film ist Rhythmus und Spannkraft.
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