Von Menschen, Toten und Untoten
Wenn US-Studios das Horrorszenario einer weltweiten Seuche entwerfen, mutiert für die gebeutelten Helden der Alltag zum ständigen Überlebenskampf.
Mehr als Zombiehorror: In "The Walking Dead" geht es nicht nur um Fleisch- sondern auch um Werte-Verfall
Nerven aus Drahtseil - die sollte man schon haben, wenn man sich plötzlich in einer Welt wiederfindet, in der nichts so ist wie bisher. Insofern hat es Rick Grimes (Andrew Lincoln) eigentlich ganz gut getroffen. Denn der Mann weiß, was er tut. Beziehungsweise tun muss. Nach einer Schussverletzung erwacht der Provinzpolizist aus dem Koma. Das Krankenhaus, durch das er irrt, ist menschenleer und gleicht einem Schlachtfeld. Als er endlich auf Lebende trifft, merkt er umgehend: Diesen Wesen sollte man lieber aus dem Weg gehen.
"The Walking Dead", die TV-Serie nach dem gleichnamigen Comic von Robert Kirkman und Tony Moore, beginnt wie der klassische Zombiehorror. Eine Seuche hat fast die gesamte Menschheit ausradiert, die wenigen Nicht-Infizierten kämpfen um ihr Überleben. Tatsächlich bietet das Serienformat aber einen komplett neuen Ansatz. Die Comicvorlage hat mittlerweile epische Ausmaße, seit Oktober 2003 erscheint Monat für Monat ein neues Heft. Die Serie greift diese fortlaufende Handlung auf - zwar nicht ansatzweise in dem Ausmaß, wie es mit dem Comic gelingt, aber doch weitaus effektiver, als es jeder Zombiefilm oder dessen Fortsetzung könnte.
Der Blick wandert nach Innen
Sechs Episoden umfasst die erste Staffel, sieben die zweite. Und mit jeder Folge taucht der Zuschauer tiefer in das Horrorszenario ein, das für Rick Grimes Alltag bedeutet. Schnell wird klar: Die Zombies sind nicht das einzige Problem, mit dem die Überlebenden fertig werden müssen. Die menschlichen Abgründe, ihre Beziehung zueinander, das Abstumpfen und der sich entwickelnde Sadismus von Einzelnen stellt ein nicht minder schweres Problem dar.
"Carriers", das Regiedebüt der Brüder Alex und David Pastor, verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Zombies sieht man hier gar nicht. Die Seuche bringt den Tod, sie ist die unsichtbare Gefahr, die den Überlebenden im Nacken sitzt. Es ist also der subtile Horror, der in dem Seuchenthriller dominiert. Nicht Zombies, sondern die Angst regiert in dieser Welt. Und zum tödlichen Virus hat sich der nicht minder tödliche Verlust von Moral und Mitgefühl gesellt.
Nach diesem Film weiß man wirklich nicht mehr, was besser ist: In der Gruppe um das Überleben zu kämpfen und zumindest die vage Hoffnung auf ein Stückchen Geborgenheit und Rückhalt zu haben oder vollkommen allein auf sich gestellt zu sein und so zumindest nicht Gefahr zu laufen, hinterrücks betrogen zu werden. Ein Hund, wie er in "I Am Legend" Will Smith zur Seite steht, scheint eine gute Alternative zu sein. Allerdings lehrt dieser Film, dass auch die loyalsten Tiere nicht unsterblich sind und dass der Verlust eines solchen Sidekicks zu irrationalen Handlungen in einer ohnehin schon komplett irrationalen Welt führen kann.
Die Geißel der Menschheit
"I Am Legend" ist auch ein sehr schönes Beispiel dafür, wie sich der Fokus von Seuchenfilmen verstärkt auf die Innenansicht der zur Verdammnis verurteilten Antihelden konzentriert. Zieht man etwa die auf dem gleichen Roman basierenden Endzeitklassiker "The Last Man on Earth" oder "Der Omega Mann" zum Vergleich heran, merkt man, dass in den älteren Verfilmungen der Horror vorrangig von den infizierten Untoten ausgeht. "Twelve Monkeys" hingegen spielt wieder ganz wunderbar auf der surreal-albtraumhaften Klaviatur der inneren Verlorenheit von Einzelkämpfer Bruce Willis.
Aber vollkommen egal, ob man nun den analytischen Blickwinkel bevorzugt, den realistischen Ansatz wie in "Outbreak" und der dritten Staffel von "24" oder den klassischen Zombieterror à la "28 Days Later" und "28 Weeks Later" - von der Vorstellung, dass Seuchen die Geißel der Menschheit sind, kommt die amerikanische Film- und Serienindustrie nicht los. Und solange all das nur Vision bleibt, kann man sich auch getrost auf den nächsten Albtraum freuen.
Jeden Monat die schönsten Seiten des Kinos: Deutschlands größte Kinozeitschrift Treffpunkt Kino liegt kostenlos in den Foyers der größten Kinoketten und vielen weiteren Kinos aus. Diesen Monat gibt's Treffpunkt Kino auch online.