Chris Kraus im Gespräch
"Vier Minuten" räumte Preise von München bis Shanghai ab. Das Drama um eine hochbegabte, aber brutale Gefängnis-Insassin und deren Klavierlehrerin ist der zweite Spielfilm von Drehbuchautor und Regisseur Chris Kraus.
Hannah Herzsprung und Monica Bleibtreu teilen die Freude an der Klaviermusik (Foto: Piffl)
» Es hat vier Jahre gedauert bis zur Endfassung von "Vier Minuten". Woran lag das?
CHRIS KRAUS: Ich musste zwar nicht unbedingt Klinken putzen, aber die Produktionsgeschichte ist absoluter Wahnsinn. Ursprünglich sollte Jeanne Moreau die Hauptrolle spielen. Sie wollte gern mitmachen und wir waren uns einig. Dann zog sich alles endlos hin, sodass ich nach anderthalb Jahre entschied, der Film wird so nie fertig, und wir trennten uns. In solch einer Situation muss man umsatteln.
» Wie kam der Film dann doch zustande?
Ohne die Redakteure von Arte, BR und SWR, die das Projekt durchgeboxt haben, würde der Film heute noch auf Eis liegen. Das Budget lag unter dem eines "Tatort". Die restlichen Gelder trieben wir durch Bettelei auf, ein Superstress!
Wir arbeiteten dauernd am Rand des Abgrunds, die Dreharbeiten waren ständig von Abbruch bedroht, es fehlte an den notwendigen Mitteln. Eine große Belastung. Wir haben alles Geld rausgepulvert, um den Film abzudrehen, anschließend blieb kein Cent mehr übrig. Aber es kam mir keine Sekunde in den Sinn, die Sache hinzuschmeißen. Ich finde Regie weniger schwer als das Schreiben und mag mich auch nicht beschweren oder jammern, sondern halte es für ein großes Privileg, dass ich meine Filme verwirklichen darf. "Vier Minuten" ist sehr persönlich.
» Inwieweit erschwerten die Produktionsbedingungen die Besetzung?
Es war ein großes Geschenk und eine große Ehre, dass mich alle diese fantastischen Schauspieler 100-prozentig unterstützten und renommierte Leute wie Peter Davor oder Dietrich Hollinderbäumer sich mit Winzigrollen begnügten. Wenn Schauspieler merken, dass eine Vision hinter dem Projekt steht und der Regisseur auf keinem Selbsterfahrungstrip ist, engagieren sie sich.
» Entschädigen Preise wie de Jin-Jue Preis in Shanghai für all die Mühen?
Solch eine Auszeichnung tut natürlich gut. Wir können von Glück reden, dass Luc Besson den Juryvorsitz hatte. Er hat den Film sofort gekauft und will ihn größer herausbringen als wir in Deutschland, was wiederum den Auslandsverkäufen einen weiteren Schub gab. Preise sind Glückssache. Man muss in der Lostrommel ganz oben liegen.
» Für Hannah Herzsprung bedeutet "Vier Minuten" das große Sprungbrett. Steht sie für eine neue Generation?
In Deutschland können wir auf hervorragende Talente in allen Altersstufen zurückgreifen. Das Augenmerk richtet sich derzeit auf Schauspielerinnen. Das begann mit Franka Potente, dann folgten Julia Jentsch oder Sandra Hüller oder jetzt Hannah Herzsprung.
Sie ist ein sehr interessanter Typ mit einer unheimlichen Kraft und hat keine Probleme, sich auch hässlich darzustellen. Der Nachwuchs muss sich nicht mehr nach diesem früheren rigiden Schönheitstypus richten. Ich hoffe nur, dass alle diese tollen Schauspielerinnen auch Arbeit finden.
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