Nicole Kidman, Sean Penn und Clint Eastwood verlassen die Croisette mit leeren Händen - das I-Tüpfelchen auf einem Festival des kollektiven Kopfschüt... http://images.kino.de/newspics/450/134450_1/b150x150.jpg Na servus!

News

Cannes am Ende

Na servus!

Mit einer höchst kuriosen Preisvergabe ging eines der schwächsten Filmfestivals von Cannes zu Ende, das Kritiker und Zuschauer mehr und mehr erboste.

Großansicht Zumindest er ist gut gelaunt: Arnold "Ich komme wieder" Schwarzenegger

Zumindest er ist gut gelaunt: Arnold "Ich komme wieder" Schwarzenegger

"Na servus!" antwortete Arnold Schwarzenegger jovial bei einem Dinner zu Ehren von "Terminator 3" auf der Budweiser-Yacht, als ihm seine Publicity-Dame eine Gruppe deutscher Journalisten mit den Worten "More Germans" vorstellte.

"Na servus!" will man auch dem diesjährigen Festival de Cannes zurufen, das durch die Bank als womöglich schlechtester Jahrgang in der 56-jährigen Geschichte des größten Filmfestes der Welt gewertet wurde.

"Na servus!" ist auch die gängige Reaktion auf die Palmen-Vergabe der Jury um Patrice Chéreau - und das sicherlich weniger, weil der große Favorit Lars von Trier und dessen radikales Drama "Dogville" völlig leer ausging, sondern weil gerade mal vier Filme des 20 Titel umfassenden Wettbewerbs für auszeichnungswürdig befunden wurden.

Nachdem Gilles Jacob 1991 nach dem dreifachen Palmengewinn von "Barton Fink" die Regel festgelegt hatte, dass zwei Preise für einen Titel nur noch möglich sind, wenn einer dieser Preise ein Darstellerpeis ist, musste sich Chereau für die womöglich kontroverseste Entscheidung erst die Erlaubnis der Festivalleitung holen: Gus Van Sant erhielt für sein Highschool-Drama "Elephant", das einen Schüler-Amoklauf in den banalen Schulalltag eindringen lässt, nicht nur völlig überraschend die Goldene Palme, sondern auch noch den Regiepreis.

Großansicht Siegerfilm: Sonst geht's an der High School aus "Elephant" mächtig brutal zu

Siegerfilm: Sonst geht's an der High School aus "Elephant" mächtig brutal zu

Der Film war heiß diskutiert worden und hatte auch flammende Fürsprecher - war aber nie als ernsthafter Palme-Kandidat gehandelt worden. Genauso wenig wie das Entfremdungsdrama "Uzak" von Nuri Bilge Ceylan und "Die Invasion der Barbaren" von Denys Arcand. Dass beide Titel jeweils zwei Preise abräumen würden, hatte allerdings niemand erwartet. Und dass die mit Preisen bedachten Darsteller tatsächlich besser gewesen sein sollen als beispielsweise Sean Penn in Eastwoods "Mystic River", Ludivine Sagnier in "Swimming Pool", und Nicole Kidman in "Dogville", das ist schlichtweg ein Witz.

Dieser schale Abschluss ist die unrühmliche Krönung eines Festivals, das den hohen Ansprüchen nur selten gerecht werden konnte. Entsprechend harsch fielen schon am Vortag die Urteile der Kritiker aus:

Großansicht Gestürzter Favorit: Lars von Triers extremes Kammerspiel "Dogville"

Gestürzter Favorit: Lars von Triers extremes Kammerspiel "Dogville"

"Die Wettbewerbsauswahl wird als schlechteste angesehen, an die man sich erinnern kann - und ein paar dieser Erinnerungen reichen immerhin 40 Jahre zurück", resümierte Allan Hunter von Screen. Todd McCarthy von Variety attestierte dem Festival einen "verheerenden Zustand".

Natürlich sind die Festivalmacher vom Angebot abhängig. Aber wenn die 20 ausgewählten Titel tatsächlich die Crème de la Crème der 900 eingereichten Filme sind, dann will man nicht wirklich wissen, wie die anderen 880 aussehen.

Dabei war der vielgescholtene "The Brown Bunny", der weniger mit seiner Oralsex-Szene, als mit der ungeheuerlichen Reaktion aus schallendem Gelächter und spöttischem Szenenapplaus in die Annalen von Cannes eingehen wird, noch nicht mal der Tiefpunkt des Festivals.

Großansicht Dummer Senioren-Sexismus in "Les Cotelettes"

Dummer Senioren-Sexismus in "Les Cotelettes"

Denn immerhin waren da noch der unerträglich sexistische Altherrenschwank "Les cotelettes" von Bertrand Blier oder Bertrand Bonellos überkandidelter Mythenunsinn "Tiresia", die um diesen zweifelhaften Titel konkurrierten. Oder der vielleicht als Popcornunterhaltung funktionierende, aber als Cannes-Erföffnungsfilm absolut unpassende "Fanfan la Tulipe". Oder Pupi Avatis "Il cuore altrove", der angeblich nur deshalb in den Wettbewerb gerutscht ist, weil Avati einige Fellini-Filme für die große Retrospektive beschafft hat - was man nach Ansicht seines melodramatischen Kitschstreifens sofort glaubt.

Natürlich machten einige Filme auch Freude: Clint Eastwoods "Mystic River" zeigte den Routinier in Klasseform wie seit "Erbarmungslos" nicht mehr. François Ozons "Swimming Pool" erwies sich als mit leichter Hand inszenierter Erotikkrimi mit Anklängen an Highsmith und Chabrol, unter dessen sonnendurchstrahlter Oberfläche es kräftig brodelte.

Großansicht Wenig erhellend: In "Il cuore altrove" sucht ein Blinder nach Liebe

Wenig erhellend: In "Il cuore altrove" sucht ein Blinder nach Liebe

Und schließlich überzeugte auch Lars von Trier mit seinem vierten Cannes-Wettbewerbsfilm in sieben Jahren. Das radikale Drama, das sich ausschließlich auf einer 50 mal 50 Meter großen Bühne abspielte, ging ebenso zu Herzen wie an die Nieren. Der große Eklat war auch nicht der Film selbst, sondern erstens die launige Pressekonferenz, in der der wieder einmal mit Wohnmobil angereiste von Trier provokativ vom Leder zog, und zweitens eine überzogenen Besprechung des sonst stets besonnenen Todd McCarthy in Variety: Er warf dem Filmemacher Anti-Amerikanismus vor und betonte höchst peinlich die Vorzüge seiner großen Nation.

"Dogville" mag zwar in einer amerikanischen Gemeinde angesiedelt sein und im Abspann mit Fotos von Obdachlosen gezielt auf die USA Bezug nehmen. Letztlich befasst sich der Film aber doch eher allgemeingültig mit der Bestie Mensch, und zitiert dabei das Theater von Brecht und Dürrenmatt. So fand der Film auch prompt einen deutschen Verleiher.

Großansicht Von der Unfähigkeit, mit dem Terror umzugehen: "September"

Von der Unfähigkeit, mit dem Terror umzugehen: "September"

Auch die Nebenreihen "Un certain régard" und "Quinzaine" plätscherten lustlos und langweilig vor sich hin. Auch Max Färberböcks "September" hatte einen schweren Stand bei einem Publikum, das im Verlauf des Festivals zusehends weniger Freude am Gezeigten hatte.

Am auffälligsten waren noch der Sundance-Erfolg "American Splendor" über das Underground-Comic-Unikum Harvey Pekar und David Mackenzies beeindruckende Verfilmung des schonungslosen Noir-Romans "Young Adam" von Alexander Trocchi mit einem Ewan McGregor in Hochform - diese Filme wären auch im Wettbewerb nicht fehlplatziert gewesen. In der "Quinzaine" schlugen nur Roger Michells "The Mother" und Takashi Miikes völlig durchgeknallter "Gozu" Wellen.

Großansicht Ewan McGregor liebt sich als "Young Adam" in die Bredouille

Ewan McGregor liebt sich als "Young Adam" in die Bredouille

Bleibt nur zu hoffen, dass Arnies launiger Ausspruch nicht das Ende toller Cannes-Jahrgänge markiert, wie Harvey Weinstein schon vor Beginn des Treibens an der Croisette geunkt hatte. Schöner wäre es, die Macher an der Côte d'Azur würden sich an einen anderen berühmten Ausspruch der steirischen Eiche halten: "I'll be back..."

» Alle Preisträger

» Zum Special: Cannes 2003

Schultze, 27.05.2003, 16:28

treffpunkt kino kompakt

In der aktuellen Ausgabe: Die große Preview zu "Ice Age - Voll verschoben" und der erste Trailer zu "Skyfall"!

Zum Magazin

Das multimediale Kinomagazin jede Woche kostenlos per Mail - jetzt registrieren!

GO

Cannes 2012: Die schönsten Bilder vom Festival

Kostenloser Newsletter

Newsletter
  • Neustarts und Filmcharts
  • Neueste Trailer und Previews
  • Stars, Gerüchte & Geheimnisse
Jetzt kostenlos bestellen

Service

kino.de mobil

kino.de mobil

Das aktuelle Programm Ihres Lieblingskinos haben Sie überall dabei - kostenlos auf Ihrem Handy.
E-Magazin

Treffpunkt Kino - die neue Ausgabe jetzt auch online!

Jeden Monat die schönsten Seiten des Kinos: Deutschlands größte Kinozeitschrift Treffpunkt Kino liegt kostenlos in den Foyers der größten Kinoketten und vielen weiteren Kinos aus. Diesen Monat gibt's Treffpunkt Kino auch online.