Regisseur Robert Rodriguez und die Stars des Kult-Comic-Films "Sin City" über Gewalt, abstrakte Kunst - und einen Dollar Gage.... http://images.kino.de/newspics/284/183284_1/b150x150.jpg "Ich möchte nicht in Sin City leben"

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"Ich möchte nicht in Sin City leben"

Star-Zeichner Frank Miller hatte eigentlich kein Interesse an der Verfilmung seines Kult-Comics. Doch dann kam Robert Rodriguez, der Regisseur fürs Extreme. Er realisierte "Sin City" ganz nah an Millers Vorlage - und plötzlich war auch Quentin Tarantino mit von der Partie.

Großansicht Gezeichnet: Die Bewohner von "Sin City" (Foto: Buena Vista)

Gezeichnet: Die Bewohner von "Sin City" (Foto: Buena Vista)

» Würden Sie in einer Stadt wie Sin City leben wollen?

CLIVE OWEN: Vielleicht ganz kurz. Es ist der wildeste, verrückteste und außergewöhnlichste Ort, den ich je gesehen habe. Aber ich würde mir in Sin City ziemlich schnell vor Angst in die Hosen machen. Hier könnte ich keinen Tag überleben.

JAIME KING: Ich würde keine Sekunde hier verbringen wollen. Ich will mich in meinem Leben sicher und gemütlich fühlen, und Sin City ist das glatte Gegenteil davon.

Großansicht Supermodel im Sündenbabel: Jaime King spielt Goldie (Foto: Buena Vista)

Supermodel im Sündenbabel: Jaime King spielt Goldie (Foto: Buena Vista)

» Aber Sie hatten keine Bedenken, Sin City als Filmfiguren zu besuchen.

OWEN: Ich wollte schon immer eine Detektivfigur wie in den alten Humphrey-Bogart-Filmen spielen. Außerdem bin ich ein Fan von Robert Rodriguez. Da passte einfach alles zusammen.

KING: Robert Rodriguez zeigte mir auf seinem Laptop die Eröffnungssequenz des Films, die er schon gedreht hatte. Normalerweise weißt du als Schauspieler nie, worauf du dich einlässt. Aber hier war von vornherein klar, wie fantastisch "Sin City" aussehen würde. Deshalb hatte ich keine Bedenken, als es hieß, dass ich auch Nacktszenen drehen müsste.

BENICIO DEL TORO: Robert kam bei einer Party auf mich zu und sagte nur: 'Hey, lass dir bloß nicht die Haare schneiden.' Ich dachte mir: 'Hat der Typ einen Sprung in der Schüssel?' Aber am nächsten Tag bekam ich einen Anruf, weil er sich mit mir treffen wollte. Da stellte er mir seine Pläne vor und zeigte auch mir die erste Szene. Da ich außerdem den Comic klasse fand, sagte ich sofort zu. Und ließ mir die Haare nicht schneiden.

Großansicht Sexy: Brittany Murphy mimt die Freundin von Clive Owens Figur Dwight (Foto: Buena Vista)

Sexy: Brittany Murphy mimt die Freundin von Clive Owens Figur Dwight (Foto: Buena Vista)

» Frank Miller war zunächst nicht so überzeugt, dass aus seinen Comics ein guter Film werden könnte.

ROBERT RODRIGUEZ: Völlig zu Recht. Miller hatte mit Hollywood schlechte Erfahrungen gemacht. Seine Drehbücher für "Robocop 2 & 3" wurden total verhunzt. Die Filme sind nun mal nicht so einfallsreich wie seine Bücher. Deshalb drehte ich die Eröffnungssequenz auf meine Kosten, damit er sehen konnte, dass ich seinem Konzept total treu bleiben würde.

» Dazu gehörten freilich auch drastische Gewaltszenen.

BRITTANY MURPHY: Ich fand sie eher amüsant, weil sie so überzeichnet sind. Aber das mag auch an meinem eigenartigen Sinn für Humor liegen.

RODRIGUEZ: Die Gewalt in "Sin City" ist sehr stilisiert, so dass sie etwas von abstrakter Kunst an sich hat. Wenn du gelbes Blut spritzen siehst, dann ist das bizarr und schön zugleich. Mein Film ist auch eine Hommage an die Krimis der Schwarzen Serie der 40er und 50er, und die waren für damalige Verhältnisse völlig schockierend. Heute dagegen wirken sie eher zahm.

Großansicht Beim Dreh: Bruce Willis und Robert Rodriguez (Foto: Dimension Films)

Beim Dreh: Bruce Willis und Robert Rodriguez (Foto: Dimension Films)

» Die Dreherfahrung muss ziemlich bizarr gewesen sein. Alle Aufnahmen entstanden vor dem Greenscreen. Es gab keine Sets und nur ein Minimum an Requisiten.

MURPHY: Zuerst fühlst du dich ziemlich ungeschützt, doch dann gewöhnst du dich daran. Außerdem war Robert nicht von anderen Sachen abgelenkt, sondern konnte sich voll auf die Schauspieler konzentrieren.

DEL TORO: Das ist wie im Theater, wo du auch so tust, als würdest du dich in einem realen Raum befinden. Aber eine Szene war besonders absurd. Clive Owen und ich fahren Auto. Doch es gibt kein Auto, wir sitzen auf Apfelkartons, Clive hält ein Lenkrad in der Hand, und um uns herum ist nur die grüne Leinwand. Wir sahen uns an, und auf einmal mussten wir losprusten. Wir lachten so lange, dass wir die Szene fast nicht fertig drehen konnten.

Großansicht Parade-Fiesling: Benicio del Toro ist Jackie-Boy (Foto: Buena Vista)

Parade-Fiesling: Benicio del Toro ist Jackie-Boy (Foto: Buena Vista)

» Quentin Tarantino hat bei einer Szene Regie geführt. Warum bekam er nur einen Dollar Gage?

RODRIGUEZ: Das Ganze hat eine lange Vorgeschichte. 1994 zeigte Quentin mir die ersten Seiten von "Kill Bill", und ich bot ihm an, umsonst Musik dafür zu schreiben, weil er nicht gern mit fremden Komponisten zusammenarbeitet. Das fand er klasse, doch dann sagten meine Anwälte, dass man rechtlich gesehen nichts umsonst machen kann. Also zahlte er mir einen Dollar. Bei "Sin City" wollte ich, dass er ein bisschen digitales Filmemachen lernt. Er meinte: 'Klar, mache ich umsonst.' Und daraus wurde wiederum ein Dollar.

» Wie wichtig war es, Comic-Zeichner Frank Miller als Co-Regisseur dabei zu haben?

OWEN: Wir hätten den Film nicht ohne ihn drehen können - er kennt diese Welt und die Charaktere in- und auswendig. Er sagte uns, wenn die Dialoge nicht funktionierten oder wenn eine Szene nicht die Energie und Dynamik seiner Zeichnungen wiedergab.

MURPHY: In Wirklichkeit ist Frank übrigens viel sanfter, als man nach seinen Comics denken könnte. Er ist fast schüchtern. Passenderweise taucht er im Film als Priester auf.

Großansicht Rächt sich am Ex-Freund seiner Flamme: Clive Owen als Dwight (Foto: Buena Vista)

Rächt sich am Ex-Freund seiner Flamme: Clive Owen als Dwight (Foto: Buena Vista)

» Was halten Sie von dem fertigen Produkt?

KING: Ich möchte zwar keine Zeit in Sin City verbringen, trotzdem kann ich davon nicht genug kriegen. Ich habe den Film schon mehrfach gesehen. Irgendwie fällt es mir schwer, zu glauben, dass ich dabei sein durfte, deshalb muss ich mich immer wieder davon überzeugen.

MURPHY: So viele Leute sagen, dass es im Kino nichts Neues gibt. Dieser Film beweist das Gegenteil. Er wird noch in 20 Jahren Lehrstoff an Filmhochschulen sein, egal ob die Leute das jetzt schon kapieren. Ich fühle mich total privilegiert, dass ich ein Teil der Kinogeschichte geworden bin. Genauer gesagt, ein winziges Teilchen.

Rüdiger Sturm, 04.08.2005, 09:28

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