Michael Moore über "Kapitalismus"
Mit "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" knöpft sich Michael Moore diesmal die Bankenkrise vor und präsentiert Fakten und Hintergründe in bewährter Weise unterhaltend, polemisch und ganz und gar politisch unkorrekt.
Michael Moore, kein Freund leiser Töne, erklärt in "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" die Wall Street zur Crime Scene. (Foto: Concorde)
Ist Ihr Film ein Abgesang auf den "American Dream"?
MICHAEL MOORE: Der Begriff "American Dream" hat für mich mit Demokratie, Gerechtigkeit und Freiheit zu tun. Damit sieht es aber finster aus, wenn die Wirtschaft das Leben des Einzelnen bestimmt. Demokratie kann sich nicht darin erschöpfen, alle paar Jahre mal ein Kreuz in der Wahlkabine zu machen. Ich erzähle in "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" von Menschen, deren Existenz durch raffgierige Banker ruiniert und das Dach über den Kopf weggenommen wurde, die jeden Tag schuften und jetzt vor dem Nichts stehen.
Empfinden Sie sich als Rufer in der Wüste?
Überhaupt nicht. Ich mache Filme für ein großes Publikum, das sich am Freitagabend amüsieren will. Wenn ich dieses Ziel nicht erreiche, sollte ich einen Bürojob annehmen oder eine politische Organisation gründen. Wer ins Kino geht, muss die Wohnung verlassen, ein teures Ticket kaufen und womöglich einen Babysitter bestellen. Da habe ich die verdammte Pflicht, ihn zu überraschen und zu unterhalten - und zwar nicht ein elitäres Häuflein, sondern den Durchschnittsamerikaner. Die Zuschauer sollen lachen, weinen und nachdenken. Ich spreche ihnen aus dem Herzen. Da sind viele, die ein gelbes "Crime-Scene"-Band um die Wall Street ziehen und ein paar Banker ins Gefängnis bringen möchten.
Können Sie noch so unbehelligt wie am Anfang Ihrer Karriere arbeiten?
Es ist nicht mehr so leicht, an die "Täter" heranzukommen, bei meinem Ruf fallen aus Vorsicht schnell die Schotten.
Und die Freiheit in punkto Produktion?
Mir redet keiner in die Entscheidungen hinein. Die Studios oder Produzenten lassen mich in Ruhe, weil ich inzwischen ein Massenpublikum anspreche.
Kommt Ihr Film nicht zu spät? In der Wirtschaft geht es wieder aufwärts.
Im Moment befinden wir uns im Auge des Hurrikans. Das Schwierigste ist aber noch nicht vorbei. Es fehlt an Jobs, Hausverkäufe und Kreditkartenkrise gehen weiter. Als ich 2008 mit den Dreharbeiten begann, war noch alles in Butter, aber ich habe das Elend kommen sehen. "Glücklicherweise" in einem traurigen Sinn hat der Film nichts an Aktualität verloren.
Woher nehmen Sie trotz der Probleme Ihren Humor?Meine irischen Vorfahren flüchteten aus Wut über die sozialen Bedingungen in Humor, politisch übrigens eine starke Waffe. Filmgrößen wie Charlie Chaplin oder die Marx Brothers haben ihn gezielt eingesetzt. Linke Filmemacher mokieren sich über Humor, halten ihn für nicht seriös und intellektualisieren Probleme. Die Quittung: Das Publikum verweigert sich.
Eine Reihe von Filmen wirft Ihnen Manipulation vor.
Davon fühle ich mich nicht diskreditiert. Mein Erfolg an der Kinokasse ist einigen ein Dorn im Auge. Inzwischen gibt es zwölf Filme über und gegen mich. Vielleicht sollte ich mal, ein "Ich hasse Michael Moore"-Festival auf die Beine stellen.
Ihr Film könnte auch "Obama: Eine Liebesgeschichte" heißen, Sie sind voll des Lobes für den neuen Präsidenten.
Obama ist meine große Hoffnung. Er hat eine katastrophale Situation geerbt und braucht unsere Unterstützung. Als ich in Michigan für ihn gestimmt habe, musste ich heulen, konnte es nicht fassen. Unter Präsident Roosevelt nahm die Kultur einen sensationellen Aufschwung mit Ikonen wie Romanautor John Steinbeck oder legendären Regisseuren wie Frank Capra jr. und John Ford. So etwas könnte auch unter Obama passieren. Das Filmbusiness und Hollywood galten unter Bush ja nicht gerade als Widerstandsnest. Bis auf ein paar Ausnahmen wie Sean Penn oder Spike Lee hielten alle brav den Mund. Das Land braucht neuen Mut.
Und einen Spielfilm von Michael Moore?
Ich habe jedenfalls vor, mich auf neues Terrain zu begeben und einen Spielfilm zu drehen.
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