Viva el cinema
Eigentlich machte dieses Jubiläumsfestival seinem Namen alle Ehre - bis fast zum Ende:
Lange nicht mehr war die geballte Kraft des Kinos so präsent wie beim 60. Festival de Cannes. Über zwei Drittel der langen Festivaltage (16. - 26. Mai) gab es kaum Enttäuschungen; es kam vor, dass man auch beim sechsten Film am Tag noch gebannt vor der Leinwand hing, statt ermattet wezuschlummern. Man war glücklich, dass das Kino seinen Anspruch, die Kunstform zu sein, die am aktuellsten reflektiert, was Menschen weltweit bewegt, eindrucksvoll bekräftigen konnte. Doch dann, zum Ende hin, ging ihm dem Festival doch noch die Luft aus, und bei der Preisvergabe herrschte Atemnot.
Die Entscheidungen der Jury unter Leitung von "Die Queen"-Regisseur Stephen Frears zeugen eher vom Bemühen, die Preise gleichmäßig zu verteilen denn von Enthusiasmus. Von Anfang an war der Rumäne Cristian Mungiu mit seinem erschütternd realitätsnahen Abtreibungsdrama aus der Ceausescu-Ära "4 luni, 3 saptamini si 2 zile" einer der Top-Palmenfavoriten, ebenso wie "Le Scaphandre et le papillon" des New Yorker Malers Julian Schnabel ("Before Night Falls"), der den Regiepreis erhielt, aber absolut Goldene-Palme-würdig war.
Für sein deutsch-türkisches Ensembledrama "Auf der anderen Seite" erhielt Akin den Drehbuchpreis (Foto: Kurt Krieger)
Atemberaubend inszeniert, erzählt er die wahre Geschichte des französischen Elle-Herausgebers Jean-Dominique Bauby, der nach einem Schlaganfall vollkommen gelähmt ist. Nur ein Auge kann er bewegen, und mit einer komplizierten Zwinker-Methode diktiert er seine bewegenden Memoiren. Glücklicherweise wird der Film auch bei uns ins Kino kommen.
Warum Fatih Akin für sein beeindruckendes "Auf der anderen Seite" (2. Oktober) "nur" mit dem Drehbuchpreis geehrt wurde, bleibt ein Geheimnis der Jury. Sie zeichnete stattdessen lieber zwei Filme mit wichtigen Preisen aus, die keiner wirklich dafür im Visier hatte: die Japanerin Naomi Kawase erhielt für "Der Trauerwald" den Großen Preis der Jury, der Spezialpreis ging an den iranischen Zeichentrickfilm "Persepolis". Schön der Sonderpreis zum 60. Geburtstag für Gus Van Sants "Paranoid Park", in dem der Cannes-Veteran stilistisch aufregend eine Coming-of-Age-Geschichte aus einer auswechselbaren US-Schreckens-City erzählt.
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