Glamourös
Die Mostra lief ohne größere Pannen ab und gab sich trotz erhöhter Sicherheitsmaßnahmen publikumsfreundlich. Ang Lee mit "Brokeback Mountain" und George Clooney mit "Good Night, and Good Luck" wurden ihrer Favoritenrolle gerecht.
"Ich bin so glücklich, dass der Film sich hier durchgesetzt hat" - für den zurückhaltenden Ang Lee, der den Goldenen Löwen fast verlegen entgegennahm, kommt das einem Emotionsausbruch gleich. Ihm gönnte man die Ehrung von Herzen, auch wenn die Italiener mehr für "ihren" am Comer-See residierenden Clooney (Drehbuchpreis) plädierten und ihn für den "moralischen Sieger" hielten.
David Strathairn bekam für seine Leistung als aufrechter Journalist in der McCarthy-Ära den Darstellerpreis. Nicht nachvollziehbar der Große Preis der Jury für "Mary", ein religiös verbrämtes Wirrstück. Abel Ferrara, der bei Interviews gerne ein Nickerchen hielt, erweckt nur noch Mitleid, vorbei die frühere Rebellion und Erneuerungskraft. Patrice Chéreau wäre mit seinem alle Konventionen sprengenden Ehedrama "Gabrielle" ein passenderer Kandidat gewesen.
Das Erfolgsteam von "Good Night, and Good Luck": Clooney, Heslov und Strathairn (Foto: Kurt Krieger)
Politische Filme richteten ihr Augenmerk zumeist auf die Vergangenheit, auf junge Post-Achtundsechziger in Philippe Garrels "Les amants réguliers" oder auf Jugendliche im St. Petersburg der Vorrevolutionszeit in "Garpastum" von Alexei A. German jr.. Nach den Chaostagen 2004 verlief das Festival in geordneten Bahnen. Auch wenn strenge Sicherheitsmaßnahmen die lockere Atmosphäre trübten, herrschte Feststimmung in der Festung.
Das Festival, das mit einem filmischen Feuerwerk begann, dümpelte dann die letzten Tage vor sich hin. "La Repubblica" titelte "Gebt Italien den Goldenen Löwen!". Die nationalen Beiträge lösten jedoch keine Begeisterung aus.
Meirelles, Weisz und Fiennes ließen sich für "Der ewige Gärtner" feiern (Foto: Kurt Krieger)
Ausgebuht wurde Roberto Faenzas Kitschschmonzette "I Giorni dell'abbandono", behäbig kam Pupi Avatis Nachkriegsnostalgie "La Seconda notte die nozze" daher, in das Inzestdrama "La Bestia nel cuore" packte Cristina Comencini zu viele Nebenstränge. Der Darstellerinnenpreis für Giovanna Mezzogiorno - eine Geste der Jury gegenüber dem Gastgeberland.
Festivalchef Marco Müller, der das Programm wohltuend entschlackte, kann die miserable Dramaturgie der Filmbiennale kaum ändern, will er nicht auf Glanz, Glamour und Stars verzichten.
Die gut gelaunte "Elizabethtown"-Crew: Dunst, Crowe, Sarandon und Bloom (Foto: Kurt Krieger)
Für späte Glanzpunkte sorgten nur noch Fernando Meirelles' "The Constant Gardener", ein Polit-Thriller nach dem John-Le-Carré-Bestseller mit einem fulminanten "englischen Diplomaten" Ralph Fiennes und Laurent Cantets "Vers le Sud". In Cantets Drama verkörpert Charlotte Rampling eine Sextouristin im Haiti der 70er-Jahre, die sich an muskulösen schwarzen Männern und Orgasmen erfreut, bis die Realität der Diktatur sie einholt.
Eine gekonnte Mischung aus Melancholie und Lebenslust gelang John Turturro. Er versammelte in seinem Musical-Melodram "Romance and Cigarettes" ein tolles Cast - von betrogener Ehefrau Susan Sarandon über Kate Winslet als rothaarige Schlampe bis zu James Gandolfini, dem der Verstand in die Hose gerutscht ist. Auffallend der Trend zu jungen Gesichtern, eine neue Schauspielgeneration steht in den Startlöchern.
Wirkte ohne seine dicke Brille aus "Alles ist erleuchtet" etwas ratlos: Elijah Wood (Foto: Kurt Krieger)
Der als Sexsymbol gehandelte Heath Ledger tauchte gar in drei Filmen auf ("Casanova", "Brokeback Mountain" und "The Brothers Grimm"), Jake Gyllenhaal in zwei ("Brokeback Mountain", "Proof"), Orlando Bloom brillierte als Karrierist in "Elizabethtown", "Frodo" Elijah Wood überraschte in "Alles ist erleuchtet" als sammelwütiger Amerikaner auf der Suche nach seinen Familienwurzeln in der Ukraine.
Ein Rätsel, warum Liev Schreibers sensibles Regiedebut "Alles ist erleuchtet" (Standing Ovations) nicht im Wettbewerb, sondern in der Reihe Orizzonti lief, wo auch Isabel Coixets "The Secret Life of Words" mit Sarah Polley und Tim Robbins das Publikum bewegte.
Entspannt: Tim Burton und Helena - "Corpse Bride" lief ja auch außer Konkurrenz (Foto: Kurt Krieger)
Stuart Gordons verstörende Tragödie über den durchschnittlichen "Edmond" nach dem Drehbuch von David Mamet wäre im Wettbewerb besser platziert gewesen, wie auch Tim Burtons und Mike Johnsons hinreißender Trickfilm "Corpse Bride".
Mag für Marco Müller das neue Hollywood in Asien liegen - es ist nicht besonders geschickt, wenn ein Festivalleiter seinen persönlichen Präferenzen frönt und andere Länder vernachlässigt. China und Japan, Hongkong und Korea stellten mehr als die Hälfte des Programms, eine Überproportionalität, die irgendwann den Zuschauer langweilte, zum Boykott trieb und in Nebenreihen wie die exzellenten "Giornate degli Autori" oder spannende Retros.
Die 62. Mostra: eine solide Mixtur von Unterhaltung und Arthouse, mit einigen Highlights und wenigen Ausschlägen nach unten. Ein Kompromiss zwischen Kunst und Kommerz eben.
Unser "blonder Basterd" Diane Kruger eröffnete die 62. Berlinale - und Stars aus der ganzen Welt wollten das sehen.