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Filmjuwel der Berlinale

Die große Kraft einer kleinen Geste

Tretmühle Berlinale. Ein Termin hetzt den nächsten: Dabei würde man sich mit Filmen wie Richard Linklaters wunderbarem "Before Sunset" so gerne länger beschäftigen.

Großansicht Zauberhaft: Ethan Hawke und Julie Delpy in "Before Sunset" (Foto: Warner)

Zauberhaft: Ethan Hawke und Julie Delpy in "Before Sunset" (Foto: Warner)

Manchmal sind es die ganz kleinen Szenen, die den Film für den Betrachter ganz groß machen. "Before Sunset" von Richard Linklater besitzt viele dieser Szenen. Weswegen er zu recht mit minutenlangem Applaus und "Bravo"-Rufen gefeiert wurde.

Die Story des Filmes ist schnell erzählt: Es ist die Fortsetzung des Berlinale-Preisträgers "Before Sunrise". Neun Jahre nach ihrer romantischen Affäre in Wien treffen sich der Amerikaner Jesse und die Französin Celine in Paris wieder. In einem einzigen langen Gespräch referieren die beiden über die verpasste Chance, die Liebe, das Leben und die Macht des Schicksals.

Großansicht Der Mann mit dem Gespür für präzise Gesten: Regisseur Richard Linklater (Foto: UIP)

Der Mann mit dem Gespür für präzise Gesten: Regisseur Richard Linklater (Foto: UIP)

Weniger ist mehr

Dass das Ganze dann auch noch richtig Spaß macht, liegt neben einem gutem Drehbuch und tollen Schauspielern eben an den oben erwähnten kleinen Gesten. Wenn Julie Delpy sich beispielsweise nach etwa 10 Minuten das Haarband abstreift und ihre blonden Locken befreit, erschient es auch, als streift sie damit die Befangenheit der ganzen Situation ab. Eine unbedeutende Zigarette entwickelt sich wenig später zur Metapher der Beziehung zwischen den beiden Ex-Liebhabern.

Wenn Frau Delpy dann die Hand ausstreckt, um den desperaten Herrn Hawke zu berühren, im letzten Augenblick aber zurückschreckt, und die Sitzposition oder die Art, wie man sich die Haare zurechtstreicht, mehr über die Verfassung einer Figur aussagen, als Drehbuch-Autoren jemals in Worte fassen könnten - in eben diesen Momenten erschrickt man vor Anteilnahme.

Großansicht Die alte Vertrautheit ist immer noch da (Foto: Warner)

Die alte Vertrautheit ist immer noch da (Foto: Warner)

Du bist so schön, verweile doch!

Die Grenze zwischen Fiktion und Biografischem verschwimmt, das Parabelhafte tritt in den Hintergrund und die pure Kraft einer Geste vermittelt vielleicht sogar mehr als die Szene will. Wenn das alles in einem Film gleich mehrfach geschieht, dann sieht man einen guten Film.

So drängt sich denn auch der Wunsch zu verweilen in den Vordergrund. Doch dummerweise ist man schon wieder auf dem Weg zum nächsten Film und das einzig Tröstliche ist, dass es dem Nebenmann genauso geht.

Danke, Herr Linklater - und der nächste, bitte!

Tom Wimmer, Berlin, 10.02.2004, 09:00

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