Minghella im Gespräch
Mit "Unterwegs nach Cold Mountain" erlebte die Berlinale ihren standesgemäßen Auftakt. Anthony Minghellas dritte Romanadaption in Folge nach "Der englische Patient" und "Der talentierte Mr. Ripley" heimste sieben Oscar-Nominierungen ein.
Genießt seinen Aufenthalt in der Landeshauptstadt: Anthony Minghella (Foto: Kurt Krieger)
ANTHONY MINGHELLA: Ich suche nicht gezielt nach Büchern, die ich verfilmen könnte. Nur manchmal - und das reicht in meinem Fall, weil ich nur so wenige Filme drehe - stoße ich bei meiner Lektüre auf einen Stoff, der mich wie in einen Spiegel meiner augenblicklichen Gedankenwelt blicken lässt. Das finde ich unwiderstehlich.
Ich hatte begonnen, mich intensiv mit der Idee der Pilgerschaft zu beschäftigen. Mir gefiel die Idee, einen Film zu machen, in dessen Mittelpunkt eine Wanderschaft steht. Ich war in Toronto und machte mir Notizen über Pilgerschaft, Reisen, und wohin sie mich führen, als mir Michael Ondaatje den Roman "Cold Mountain" von Charles Frazier in die Hand drückte. Schon auf den ersten Seiten entdeckte ich, dass es ein Buch über Wanderschaft ist. Das fesselte mich und öffnete mir ironischerweise die Tür zu einer Welt, die ich sonst niemals erforscht hätte. Für mich war es so: Ich weiß nichts über den Bürgerkrieg, ich bin kein Amerikaner, ich hasse die Kälte, und ich kann Berge nicht ausstehen. Was will ich also mit diesem Buch? Der ewige Schüler in mir fühlte sich angesprochen. Ich wollte lernen, wie sich diese spezielle Welt dreht.
Blickt Renée Zellweger als taffe Ruby in "Cold Mountain" ihrem ersten Oscar entgegen? (Foto: Buena Vista)
Ich würde zunächst sagen, dass es keine typischen Charakteristika gibt, die meine Filme miteinander verbindet. Aber nach den anerkannten Theorien gibt es nun mal nur fünf Motoren für eine Geschichte: Jemand will etwas, jemand wehrt sich gegen etwas, jemand kämpft für etwas, jemand ergibt sich in etwas, jemand hofft auf etwas. Die Idee, dass jemand davon angetrieben ist, dass er sich nach etwas sehnt, gefällt mir.
Die Arbeit im Schneideraum betrachte ich als weitere Stufe des Schreibens; es entsteht einfach nur eine weitere Fassung des Drehbuchs, die auf der letzten Fassung basiert - mit dem kleinen Unterschied, dass der Film bereits gedreht ist. Ich finde es witzig, dass das Drehbuch, das mit dem Computerprogramm "Final Draft" geschrieben wurde, und der Schnitt, den wir mit dem Programm "Final Cut" absolvierten, sogar auf demselben Rechner entstanden.
Matt Damon alias "Der talentierte Mr. Ripley" und Cate Blanchett genießen das Dolce Vita (Foto: Kinowelt)
Als wir den Dreh abgeschlossen hatten, montierten wir tatsächlich zunächst alle Szenen in chronologischer Reihenfolge, um einen Überblick darüber zu erhalten, was wir da eigentlich haben. Ich bin ehrlich: Das war katastrophal langweilig. Wenn man linear erzählt, wie sich die beiden Hauptfiguren treffen, weiß man ganz genau, was passieren wird. Die Szenen wirken schier endlos, weil der Story die Dynamik fehlt. Dennoch ist jeder Moment zwischen den beiden wichtig. Es ist ohnehin schwer genug zu glauben, dass sich jemand auf diese Odyssee begibt, weil er drei Jahre zuvor einen einzigen kleinen Kuss bekommen hat. Aber wir sind rein instinktiv vorgegangen, als wir den Film zusammenstellten. Das ist sehr ungewöhnlich für mich, aber es trifft auf die Arbeit an dem gesamten Projekt zu. Ich habe meinen Instinkten vertraut, weil ich glaube, dass man als Filmemacher zum Scheitern verurteilt ist, wenn man zuviel weiß. 1000 falsche Entscheidungen einer Person sind besser als 500 richtige Entscheidungen von zu vielen Leuten. Der Stoff verliert auf diese Weise seine Stimme, seine Identität.
Als Produzent war Minghella an der bezaubernden Memoiren-Verfilmung "Iris" beteiligt (Foto: Buena Vista)
Ich würde das sehr gerne. Gleichzeitig muss ich aber sagen, dass meine drei letzten Filme zwar auf Stoffen Dritter basieren, jeder von ihnen aber unglaublich persönlich geworden ist, speziell "Der talentierte Mr. Ripley". Deshalb habe ich den Eindruck, dass es eigentlich egal ist, woher ein Stoff kommt.
Alle Filme, die ich gedreht habe, waren Projekte, die ein Gegengift oder eine Antwort auf vorangegangene Filme waren. "Ripley" war eine sehr klaustrophobische Erfahrung. Als ich den Film schrieb, fühlte ich mich regelrecht besudelt, weil ich mich sozusagen in einem Raum aufhalten musste, in dem es nur wenig Luft zum Atmen gab. Es war, als müsste ich mich den schlimmsten Seiten von mir selbst stellen, um der Figur des Tom Ripley auf die Spur zu kommen. "Unterwegs nach Cold Mountain" gab mir die Gelegenheit, mich mit meinen besseren Seiten zu befassen und darüber nachzudenken, wie ich gerne wäre. Am Ende von "Ripley" sagt Matt Damon, er fühle sich, als befände er sich in einem Keller. Haargenau so ging es mir. "Cold Mountain" gab mir die Gelegenheit, an die frische Luft zurückzukehren.
Sehr spät. Ich weiß, es klingt erbärmlich, aber während ich schreibe, sehe ich in allen Figuren eigentlich immer nur mich selbst. Ich bin Ruby, ich bin Ada. Und ich bin sehr überzeugend. Ibsen hatte als Inspiration angeblich einen kleinen Stall mit Tieren, die er hin- und herbewegte. Diesen kleinen Stall habe ich in meinem Kopf. Erst spät entdecke ich Menschen, denen ich diese Rollen übertragen kann.
Neun Oscars für "Der englische Patient" - darunter der für die beste Regie (Foto: Kinowelt)
In meinem Arbeitszimmer steht an einem Ende ein Schreibtisch, am anderen Ende ein Klavier. Wenn ich ein Drehbuch schreibe, bewege ich mich ständig zwischen diesen beiden Polen. Film und Musik kann man nicht voneinander trennen. Beide spielen mit Pausen, Rhythmus, Dynamik.
Ich bin immer wieder erstaunt, dass sich die Fragen, die sich junge Filmemacher stellen, eigentlich überhaupt noch von meinen eigenen Fragen unterscheiden.
Es scheint, als hätten die Mitglieder der Academy fünf andere Filme besser gefunden. Die Wahlen sind demokratisch. Damit muss man leben, und damit kann ich gut leben.
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