Einen Kessel Buntes verspricht auch das diesjährige Filmfest. Der Direktor über das Programm und völlig neue Blickrichtungen.... http://images.kino.de/newspics/289/148289_1/b150x150.jpg Die Berlinale ist internationaler denn je

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Dieter Kosslick im Gespräch

Die Berlinale ist internationaler denn je

Selbstbewusst, politisch und multikulturell präsentiert sich die dritte Berlinale, die Dieter Kosslick mit seinem Team zusammengestellt hat.

Großansicht Zufrieden mit dem Ergebnis: Berlinale-Chef Dieter Kosslick

Zufrieden mit dem Ergebnis: Berlinale-Chef Dieter Kosslick

» Wie war das vergangene Filmjahr und das Angebot für die Berlinale?

DIETER KOSSLICK: Es fing sehr schleppend an. Die Reise, die ich im Sommer angetreten hatte, war zwar effektiv in Hinblick auf große US-Filme, aber wir hatten nicht so viele Independent-Filme. Dafür kam das Ende umso dicker: Wir hatten die Rekordzahl von 2900 Einreichungen, hinzu kamen 3500 einminütige Filme beim Berlinale Talent Campus. Das Angebot wurde immer besser! In den letzten zwei Monaten ging es steil nach oben, und auch die Kooperation der Berlinale mit dem Sundance Festival über die US-Independent-Filme hat voll durchgeschlagen. So hatten wir zum Schluss die Qual der Wahl. Wir haben einen sehr interessanten Wettbewerb programmiert, hatten so viele Filme, dass wir drei fest programmierte Filme an Cannes abgeben konnten.

» Welche Schwerpunkte hat der Wettbewerb aus dem Angebot gebildet?

Er ist superinternational und gönnt sich zwei tiefere Blicke, die man in diesem Jahr mehr als zuvor im Zusammenhang mit den Programmen von Forum und Panorama sehen muss. Die Blicke gehen nach Lateinamerika und Südafrika. Nach zehn Jahren haben wir vergessen, wie brutal das Apartheidsystem war oder wie die Wahrheitsfindungskommission gearbeitet hat. Über diese Kommission läuft im Wettbewerb "Country of my Skull" von John Boorman. Aus Afrika werden in den einzelnen Sektionen noch mehr Filme gezeigt. In Zusammenarbeit mit dem Hebbel-Theater zeigen wir z.B. nigerianische Filme. Der lateinamerikanische Schwerpunkt entstand erst während des Sichtens der Filme. Wir hatten zwar einen Blick auf diese Region, weil sie in den vergangenen Jahren unterrepräsentiert war, was übrigens auch für Afrika gilt. Beides haben wir nun korrigiert. Was Lateinamerika angeht, so wird es wirklich Zeit, dass man dort einen Blick hinwirft. Die Globalisierung kennt weder Grenzen noch Opferzahlen. Aus Lateinamerika kommt etwa "El abrazo partido" des Argentiniers Daniel Burman, der sonst im Panorama vertreten war, und aus Kolumbien "Maria, llena de gracia". Und der argentinische Filmemacher Fernando Solanas erhält den Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk. Aus diesem Anlass wird Solanas' eindrucksvoller Dokumentarfilm "Memoria del saqueo" als Erstaufführung gezeigt. Wir haben 18 Weltpremieren bei 26 Wettbewerbsfilmen, darin drei außer Konkurrenz. Damit sind wir erst einmal zufrieden mit dem Ergebnis im Kampf um Weltpremieren.

» Sie haben im Vorfeld verkündet, die Berlinale werde verstärkt gesellschaftspolitisch Stellung beziehen.

Natürlich wird die Berlinale durch diese Auswahl politisch. Doch zuallererst entscheidet die Qualität der Filme. Alles andere entwickelt sich daraus. Unser Publikum besteht ja nicht aus unpolitischen Hupfdohlen, die sich nur einen Streifen reinzie-hen wollen, der nichts aussagt. Für Leute, die einen anderen Schwerpunkt haben, wie: Liebe, Sehnsüchte - erfüllt und unerfüllt, epische Größe und große Bilder, dramatische Beziehungsschmerzen, Mord und Totschlag - haben wir das volle Programm. Es kommt keiner zu kurz. Und, ja: Es ist richtig, wir werden aus uns heraus politischer. Ich kann einen Film programmieren, in dem ein 16-jähriges kolumbianisches Mädchen im Akkord in einer von Pestiziden verseuchten Fabrik Gerbera sortiert, die wir dann unserer Liebsten schenken, und dieses Mädchen verdingt sich in ihrer Not als Drogenkurier. Ich kann es aber auch bleiben lassen. Aber dadurch, dass wir ihn programmieren, wird "Maria voll der Gnade" zu einer Symbolfigur, die etwas ganz Bestimmtes aussagt über eine Gesellschaft und ihre Opfer. Dann gibt es ganz private Sachen wie "Primo amore", die ein Problem zeigen, das auch ein gesellschaftliches Problem ist. Hier, dass bestimmte Männer versuchen, ihre Frauen nach ihrem Willen zu formen. In diesem Fall hungert sich ein Mädchen beinahe zu Tode, um ihrem Freund, der nur dürre Mädchen mag, zu gefallen. Dieser starke Film hat ein so universelles Thema, dass wir ihn genommen haben. Und so hat sich am Ende herausgestellt, dass die Wettbewerbsauswahl mal wieder ernster ausgefallen ist, als ich dachte.

» Wird es durch die Vorverlegung der Oscar-Verleihung, deren Nominierung in die Mitte der Berlinale fällt und ihr zu zusätzlicher Aufmerksamkeit verhilft, eine Veränderung geben?

Es gibt Vorgänge, auf die wir reagieren müssen. Die Verlegung hat noch keine dramatischen Auswirkungen auf uns, doch haben wir die zusätzliche Aufmerksamkeit durch die Nominierungen verloren. Diese Veränderungen haben einen Einfluss auf die Strategie, die Programmierung und die Präsentation der Filme, da es nun während der Berlinale Termine in Hollywood gibt, bei denen die Stars anwesend sein müssen. Wir haben die Programmierung in diesem Jahr jedoch so hinbekommen, dass sie in die Terminkalender der Talente passt, und gleichzeitig so, dass die Mischung über den Festivalzeitraum ausgewogen ist. Es wird zu keinem Zeitpunkt eine Produktenttäuschung geben. Es ist nicht so, dass wir auf Grund der vorgezogenen Oscar-Verleihung die Talents nicht bekommen. Wir brauchen die großen Filme und Stars. Das ist wichtig für das Festival und die Öffentlichkeit. Wir programmieren das Festival seit zwei Monaten. Immerhin synchronisieren wir 26 Wettbewerbsfilme mit den 340 anderen Filmen des Festivals und sorgen dafür, dass die 26 Filmteams der Wettbewerbsfilme präzise zu bestimmten Zeiten auf dem roten Teppich vor dem Berlinale-Palast erscheinen. Das ist ein kleines Kunstwerk.

» Scheinbar war es schwierig, nach "Die Nacht singt ihre Lieder" weitere deutsche Wettbewerbsfilme zu finden. So heißt es, "Erbsen auf halb 6" sei zurückgezogen worden, weil der Produzent ihn nicht als Abschlussfilm haben wollte.

Dazu kann ich nichts sagen, bis auf: Wenn alles gut geklappt hätte, hätten wir drei deutsche Filme im Wettbewerb gehabt. Aber wir haben 58 deutsche Filme im Gesamtprogramm, und es wird niemand das Gefühl haben, dass der deutsche Film nicht auf der Berlinale vertreten sein wird. Dass die Teilnahme von "Gegen die Wand" erst spät verkündet wurde, ist nichts Ungewöhnliches. "Halbe Treppe" kam gerade erst die Treppe runter, da waren wir schon auf dem roten Teppich. Wir machen das Festival ja nicht nur für uns hier, sondern für die Weltöffentlichkeit. Da gehört etwas Suspense in den Bekanntgaben schon dazu. Ansonsten kann jeder selbst entscheiden, wenn wir einen Film in allerletzter Minute bekannt geben, ob es an der angespannten Situation lag oder ob wir die Situation anspannen wollten.

stei, Berlin, 05.02.2004, 14:45

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