Stephen Daldry im Interview
Stephen Daldry hat auch mit "The Hours", seinem zweiten Film nach dem Erfolg von "Billy Eliot", ins Schwarze getroffen. Die Literaturadaption mit Nicole Kidman, Julianne Moore und Meryl Streep erhielt einen Oscar, zwei Golden Globes und die drei Ladies freuten sich in Berlin über den gemeinsamen Silbernen Bären als Beste Hauptdarstellerinnen.
» Haben Sie der Oscar-Nacht entgegengezittert?
STEPHEN DALDRY: Ich habe mich darauf gefreut, aber nicht gezittert. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich alle drei Hauptdarstellerinnen mit einem Oscar belohnt. Natürlich weiß ich um die Marketing-Power der Verleihungs-Zeremonie. Aber die Hauptsache ist, der Film bekommt seine Anerkennung - nicht nur durch Preise, sondern auch beim Publikum.
» Was prädestiniert einen Theaterregisseur für einen Film?
Als Theaterregisseur bringe ich meine Erfahrung mit Autoren und Schauspielern ein, meine Erzählbegabung. Film und Theater sind sehr unterschiedlich: Im Theater geht es darum, Echtheit zu erzeugen, der Rhythmus ist ein anderer. Das Kino funktioniert vor allem auf einer unbewussten Ebene, vermittelt Träume.
» Wie arbeitet man mit drei so glamourösen Stars?
Der Begriff "glamourös" trifft nicht zu. Sie sind mehr als Stars, sie sind fantastische Schauspielerinnen und man merkt sofort, dass sie schon auf der Theaterbühne standen. Meryl Streep ist geduldig und zielgerichtet, Nicole Kidman würde sich wohl als intuitive Schauspielerin bezeichnen, aber sie nutzt ihren Intellekt, Julianne Moore besticht durch unheimliche Präzision.
Bei den ausgiebigen Proben war der Drehbuchautor David Hare dabei und konnte ihre Vorschläge ins Skript einarbeiten. Beim Dreh sind wir dann sehr nah am Drehbuch geblieben, es gab eigentlich am Set keine Improvisationen.
» Inwieweit waren Sie am Drehbuch beteiligt?
David Hare und ich sind Freunde und ein eingespieltes Team. Ich habe sogar sein Schauspieldebüt in der One-Man-Show "Via dolorosa" inszeniert. Die Schwierigkeit lag in der Verknüpfung der drei Storys und darin, für jede einzelne Geschichte einen emotionalen Spannungsbogen zu finden - und nicht zuletzt die komplexe Innenwelt des Romans in eine filmische Form zu gießen.
Der Geist von Virginia Woolf schwebt über dem Film, aber es geht auch um andere Dinge - um die Kraft zum Schreiben oder um Literatur als Impuls. Die Lektüre von "Mrs. Dalloway" bringt die Hausfrau Laura Brown dazu, ihr bürgerliches Heim zu verlassen. Die Gefahr bestand darin, zu viel Virginia Woolf hineinzupacken, "The Hours" ist schließlich kein Biopic. Ich glaube, jeder von uns schafft sich in der Fantasie seine eigene Virginia Woolf.
» Lastete nach "Billy Elliot" großer Druck auf Ihnen?
Ich habe "The Hours" noch vor dem Erfolg von "Billy Elliot" geplant, also gab es keinen Grund, nervös zu sein. Scott Rudin sandte mir das Drehbuch und ich war begeistert, muss aber zu meiner Schande gestehen, dass ich Michael Cunninghams Roman noch nicht gelesen hatte. Pulitzer-Preisträger Cunningham ließ uns freie Hand.
» Miramax-Boss Harvey Weinstein mischt sich gern ein. Hat er Ihnen zugesetzt?
Ich habe den Film einmal Harvey Weinstein gezeigt und er machte einige Anmerkungen, die wirklich Hand und Fuß hatten. Das war's. Mit meinem Produzenten Scott Rudin fühlte ich mich auch vor Eingriffen beschützt. Es wird also keinen Director's Cut geben und auch keine zusätzlichen Szenen auf DVD. Was wir wollten, sehen Sie auf der Leinwand.
» Einige Ihrer Landsleute erlagen dem Werben Hollywoods und kehrten enttäuscht nach England zurück. Wo treibt es Sie hin?
Es kommt ganz auf die Geschichte an. "The Hours" ist mitnichten ein Hollywood-Film, er wurde zum großen Teil in London und Sussex gedreht, vor meiner Haustür. Ich bin weder für noch gegen Hollywood und hege auch keine Erwartungen. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, in Los Angeles herumzuhängen und zu warten, dass mich jemand anruft.
Ein Film dauert lange, man entwickelt eine enge Beziehung zu dem Material und den Darstellern. Ich muss große Lust verspüren, damit ich mich engagiere. Geld war noch nie eine motivierende Kraft in meinem Leben, beim Theater verdiene ich viel mehr.
» Was sind Ihre nächsten Projekte?
Mit Elton John arbeite ich derzeit am Bühnen-Musical "Billy Elliot", er hat schon zwölf Songs geschrieben. Das Drehbuch ist noch nicht fertig. Und dann verfolgt mich diese verrückte Idee, mal einen Film über einen Banküberfall zu drehen...
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