http://images.kino.de/newspics/617/114617_1/b150x150.jpg Cannes 2002 - Auf der Suche nach dem Film der Filme

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Cannes 2002 - Auf der Suche nach dem Film der Filme

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Acht Tage. So lange dauerte es, bis der geneigte Autor den einen Film gefunden hatte, der Cannes zu Cannes macht, zum großartigen Festival, zum Ereignis des Weltkinos.

Den Film, der all das Hetzen von Termin zu Termin rechtfertigt, auf und ab die Croisette, immer auf der Suche nach dem großen Meisterwerk, den kleinen Preziosen, dem unentdeckten Geniestreich.

Den Film, der einem die Energie gibt, sich von einer Enttäuschung zur nächsten zu schleppen und doch nicht den Glauben zu verlieren an das Kino.

2000 war dieser eine Film "Tiger & Dragon", im letzten Jahr konnte man ihn sich sogar aussuchen:

Da wurde man im Wettbewerb mitgerissen (von "Moulin Rouge" bis "Mulholland Drive"), und man durfte am Rand (weil von der Auswahlkommission aus nach wie vor unerfindlichen Gründen abgelehnt) "Die fabelhafte Welt der Amélie" entdecken - von "Apocalypse Now Redux" und den ersten 20 Minuten von "Der Herr der Ringe" gar nicht zu reden.

[IMG#114617_2.jpg#Dramatisch, aber etwas zäh:
"All or Nothing"

#LEFT] Anno 2002 wird es einem ungleich schwerer gemacht, die Sucht nach Kino mit großen Highs zu erfüllen. Da muss man sich mit all den üblichen Verdächtigen herumschlagen, die Jahr um Jahr mit ihren jeweils neuen Werken an die Croisette reisen dürfen.

Das an sich ist kein Übel, wenn diese jeweiligen Werke dann nicht haargenau so aussehen würden, wie man es sich erwartet hat. Und manche erfüllen diese Erwartung nicht einmal.

Mike Leigh, Goldene-Palme-Gewinner von 1996 ("Lügen und Geheimnisse"), quälte sein Publikum mit seinem mehr als zweistündigen Sozialdramolett "All or Nothing".

Zumindest ab und zu für ein Lächeln gut: "Sweet Sixteen"

Zumindest ab und zu für ein Lächeln gut: "Sweet Sixteen"

Eine dröge Studie sozialer Verwahrlosung in einem Arbeiterklassenwohnblock, in der er seine Figuren als derart unappetitliche und vom Leben gepeinigte Karikaturen anlegte, dass man seinen - wohl gut gemeinten und engagierten - Ansatz als regelrecht anmaßend und herablassend ansehen muss. Trotzdem ein Liebling gerade der älteren Kritiker.

Dann schon lieber Ken Loach: Dessen "Sweet Sixteen" bot zwar auch nichts Neues, aber wenigstens stecken die Figuren seiner Geschichte voller Humor, Feuer und Leben: Ein 15-Jähriger in einem Elendsviertel von Glasgow gerät auf die schiefe Bahn, weil er seiner inhaftierten Mutter nach deren Entlassung ein würdiges Leben bieten will - und dann erst schlägt das Schicksal zu.

Ralph Fiennes in "Spider"

Ralph Fiennes in "Spider"

David Cronenberg, eigentlich immer interessant, bewies mit seinem "Spider" zwar erneut seine Klasse, aber der Zugang zu dem intensiven Porträt eines schizophrenen Mannes im Clinch mit Realität und seiner Fantasie, ist vielleicht doch zu langsam und unerbittlich erzählt - ein Kollege nannte den Film "An Un-Beautiful Mind" und traf den Nagel auf den Kopf.

In Cronenberg-Gefilden wilderte auch der Franzose Olivier Assayas mit seinem wilden Thriller "Demonlover", der meisterlich wie ein Film von Michael Mann beginnt.

Connie Nielsen als "Demonlover"

Connie Nielsen als "Demonlover"

Doch was sich zunächst als eindringlicher Spionagethriller anlässt, wird schon bald mit Anime- und Cybersex-Elementen angereichert und entgleist kurz vor dem dritten Akt, um in seiner nicht wirklich nachvollziehbaren Auflösung dann mit voller Wucht an die Wand zu donnern.

Zumindest bleibt "Demonlover" mit seiner hinreißend kühlen Hauptdarstellerin Connie Nielsen bis zum Schluss interessant und faszinierend - und seine Bilder wirken nach.

Gleiches gilt auch für Abbas Kiarostamis superminimalistischen "10", der in zehn Segmenten einfach nur eine Frau und ihre Beifahrer zeigt und trotzdem überzeugend sechs Frauenschicksale im Iran skizziert.

Woodys bemühte Seitenhiebe auf die Heimat: "Hollywood Ending"

Woodys bemühte Seitenhiebe auf die Heimat: "Hollywood Ending"

Was ist mit den Amerikanern? Zunächst einmal ist nur zu deutlich, dass Cannes den Studios (und speziell deren Blockbuster) in diesem Jahr deutlich zeigen will, wo der Filmkunsthammer hängt und wie unerwünscht der American Way of (Film-)Life an der Croisette ist.

Woody Allens Eröffnungsfilm "Hollywood Ending" lieferte Seitenhiebe gegen Hollywood im Dutzend und biederte sich mit seiner Schlusspointe bei den Franzosen an - markierte mit seinem Mangel an Timing, stringenter Handlung und guten Gags aber einen absoluten Tiefpunkt in Allens Karriere.

Adam Sandler in "Punch Drunk Love"

Adam Sandler in "Punch Drunk Love"

Michael Moores Doku "Bowling for Columbine" war hinreißend, aber eben doch auch geprägt von beißender (und sehr treffender) Kritik an Amerikas Obsession für Waffen und Gewalt.

Voll explodierender Aggression war auch ein Teil von Paul Thomas Andersons Komödie "Punch Drunk Love", in deren Mittelpunkt ausgerechnet Comedy-Star Adam Sandler haarsträubende Abenteuer auf dem Weg zur großen Liebe erleben durfte.

Meisterliche Szenen voller exzentrischer Einfälle wechseln sich hier mit banalen und auch etwas selbstgefälligen Momenten ab, sodass der zwischen Aggression und Zärtlichkeit oszillierende Film zwar Beifall verdient hat, die - nach "Boogie Nights" und "Magnolia" gewiss sehr hohen - Erwartungen aber nicht erfüllt.

[IMG#114617_8.jpg#"About Schmidt": Jack Nicholson in einer handfesten Lebenskrise

#LEFT] Besser schneidet Alexander Paynes tragikomischer und anrührender Roadtrip "About Schmidt" ab, in dem ein 66-jähriger Mann aufgrund mehrerer einschneidender Ereignisse (Pensionierung, Tod der Ehefrau, Tochter will Idioten heiraten) mit seinem Selbsthass und seinem lebenslangen Selbstbetrug konfrontiert wird. Gott segne Jack Nicholson - seit den 70ern war er nicht mehr so gut.

Wo bleiben die echten Highlights? Michael Winterbottoms "24 Hour Party People", schlägt mit viel Witz, Energie und großartigen Songs den musikalischen Bogen von Punk bis Rave und setzt auf dem Weg der Manchesterszene (Factory Records, Joy Divison, Happy Mondays) ein subversives Denkmal.

Musik &uuml;ber alles:<br />&quot;24 Hour Party People&quot;

Musik über alles:
"24 Hour Party People"

Er ist der beste Wettbewerbsfilm bislang, kommt aber nicht ganz an Lynne Ramsays hinreißenden "Morvern Callar" heran, der unerklärlicherweise nur in der (dieses Jahr sehr starken) Nebenreihe Quinzaine des Realisateurs zu sehen ist.

Die Geschichte einer schottischen Supermarktverkäuferin, die ihr Leben nach dem Selbstmord ihres Freundes in Spanien neu ordnen will, steckt voller herrlicher Szenen und hat mit Samantha Morton (in Kürze in "Minority Report") eine Hauptdarstellerin, die Steine zum Schmelzen bringt.

Last but not least der angekündigte Film des Festivals: Nachdem sich Mexiko im letzten Jahr mit "Amores perros", "The Devil's Backbone" und "Y tu mamá también" als Filmland der Gegenwart empfahl, ist jetzt Brasilien dran:

Samantha Morton in &quot;Morvern Callar&quot;

Samantha Morton in "Morvern Callar"

"Cidade de Deus" ("Stadt Gottes") von Fernando Meirelles wurde vor Tagen ohne große Fanfare außer Konkurrenz gezeigt und treibt die Filmfans mittlerweile dank Mundpropaganda in die inoffiziellen Marktvorführungen am Rand des Festivals.

Er hat die Wucht und Kompromisslosigkeit von "Scarface" oder "Good Fellas" und erzählt die Geschichte von Aufstieg und Fall der Gangs in den Armenvierteln von Rio - den Favelas - mit brutalem Tempo und inszenatorischer Genialität, die einem den Atem stocken lässt.

Der Film der Filme: &quot;Cidade de Deus&quot;

Der Film der Filme: "Cidade de Deus"

Während auf dem Soundtrack lässiger Brasil-Funk die zum Greifen echte Atmosphäre unterstützt, erlebt man die parallele Geschichte des Ganglords und des Erzählers, der später als Fotograf Karriere machen wird.

Dazwischen wuseln verdreckte Teenager und Kids in Badehosen durch die Slums, in denen ein Leben buchstäblich keinen Pfifferling wert ist: Denn jeder hat hier Knarren, aber keiner hat moralische Skrupel. Das ist Apocalypso Now, ein Kriegsfilm aus der Großstadt: "Cidade de Deus" muss in Deutschland gezeigt werden.

Doch auch "Gangs of New York" soll hier nicht verschwiegen werden. Offensichtlich ein Zugeständnis von Cannes an Hollywood - man hatte auf das Epos offensichtlich als Eröffnungsfilm gehofft.

Lang erwartet: &quot;Gangs of New York&quot; mit Cameron Diaz und Leonardo DiCaprio

Lang erwartet: "Gangs of New York" mit Cameron Diaz und Leonardo DiCaprio

Aber auch ein Zugeständnis von Martin Scorsese (der 1976 mit "Taxi Driver" die Goldene Palme gewann) an Cannes - der Regisseur kam mit seinen Stars Cameron Diaz und Leonardo DiCaprio, um 20 eigens für diesen Event fertiggestellte Minuten aus seinem längst sagenumwobenen Film vorzustellen (kino.de: "'Gangs of Cannes': Leonardo enthaltsam".

Ein bisschen ging es ihm auch darum, den wilden Gerüchten entgegenzuwirken, wo von anhaltenden Problemen mit dem Film die Rede war. Tatsache ist: Scorsese wird in den kommenden Tagen noch einige Inserts mit seinen Stars nachdrehen und danach den Schnitt für den zwei Stunden 44 Minuten langen Film vollenden.

Daniel Day-Lewis und<br />Leonardo DiCaprio

Daniel Day-Lewis und
Leonardo DiCaprio

Nun können 20 Minuten natürlich trügen, aber was Scorsese dem begeisterten Publikum da zeigte, war ziemlich überwältigend. Alle Handlungsstränge wurden angedeutet, und auch ein Vorgeschmack auf den Showdown war dabei, der während der schlimmsten Aufstände in der Geschichte von New York im Jahr 1864 angesiedelt ist.

DiCaprio und Diaz hinterließen einen starken Eindruck, aber vor allem über Daniel Day-Lewis als Bill "The Butcher" wird man reden: Wie er Gestik und Manierismen von Robert De Niro perfekt verinnerlicht, das ist echt beeindruckend.

Man darf sich also auf Weihnachten freuen, wenn "Gangs" vom Stapel rollt - und man Cannes 2002 längst vergessen hat - mit Ausnahme der erwähnten Highlights.

Schultze, kino.de, 22.05.2002, 21:24

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