Alles rot
Der Himmel war mit einer tiefschwarzen Wolkendecke überzogen, die Temperatur fiel um zehn Grad und schon klatschte ein Regenguss auf die Croisette, der die Strandpromenade binnen Sekunden menschenleer fegte.
Es schien, als bereite sich Cannes eigens auf den düstersten Film des Wettbewerbs vor: "Sin City" von Robert Rodriguez und Co-Regisseur Frank Miller, dem Zeichner der Comic-Vorlage. Um die Stimmung perfekt zu machen, hätte es allerdings wie auf der Leinwand Blut regnen müssen.
"Geh durch irgendeine dunkle Gasse in Sin City, und Du kannst dort wirklich alles finden", heißt es bei Miller einmal. Das ist eine glatte Lüge, denn in Sin City ist alles gleich: Die Männer sind oberflächliche Schläger, die Frauen Engel oder Huren - in beiden Fällen nackt oder im billigen S&M-Look - die Sprüche markig und die bevorzugten Problemlösungen brutale Gemetzel.
Zugegeben, der Look des Werks ist einmalig. In Schwarzweiß gehalten sehen die Filmbilder aus wie Comic-Panele, nur Details werden eingefärbt: stahlblaue Augen, blonde Engelslocken und rote Blutfontänen, von denen es wie gesagt reichlich gibt.
Rodriguez hatte sein Werk daher vollmundig als bahnbrechende Weiterentwicklung des Noir-Genres angekündigt. Doch "Sin City" ist mit seinen klischeehaften Dialogen höchstens eine unfreiwillige Parodie auf Philip Marlowe, Sam Spade & Co.
Lauschen aufmerksam den Fragen der Journalisten: Brittany Murphy und Michael Madsen (Foto: Boris Sunjic)
Die drei erzählten Episoden ähneln sich auffällig: Mickey Rourke rächt den Tod einer Prostituierten, indem er die halbe Stadt abschlachtet, Clive Owen beschützt die restlichen Prostituierten vor dem Abgeschlachtet werden und Bruce Willis hindert einen Pädophilen am Mord an einer Elfjährigen - die später Gogo-Girl in Gestalt von Jessica Alba wird.
An guten Schauspielern mangelt es nicht, auf der Leinwand tummelt sich ein wahrer Allstar-Cast, die als einzige in allen Episoden zu sehen ist, sticht heraus.
"Ringe"-Fans werden sich über Elijah Wood als eiskalten Kannibalenmörder mit atemberaubenden Martial-Arts-Einlagen wundern. Benicio del Toro ist zumindest witzig als sprechende Leiche in einer Szene, die Gast-Regisseur Quentin Tarantino inszenierte.
"Ich bin ein Mann. Bei mir sind die Jungs hart, die Girls sexy und die Autos Oldtimer", verteidigte Autor Miller seine Vision auf die Frage, ob der Film sexistisch sei. Die Gewalt sei "nur stilisiert", meinte Rodriguez. Ein deutscher Journalist urteilte dagegen: "Dieser Film gehört nicht in den Wettbewerb von Cannes, sondern auf den Index."
Die Darsteller machten indes gute Miene zum bösen Spiel. Mickey Rourke wurde gefragt, welche Rolle er denn außer seiner eigenen gerne gespielt hätte. "Ich würde mich gerne so bewegen wie Jessica Alba", scherzte er. Darauf Rodriguez: "Igitt, DEN Film möchte ich lieber nicht sehen."
Manchem Festivalbesucher ging es ähnlich, als Rodriguez ankündigte, er plane bereits "Sin City 2": "Es geht um Franks Story 'A Dame To Kill'. Und da ich gerade alle Schauspieler hier in Cannes habe, sollte ich am besten gleich anfangen. Kann ich mir eine von Euren Kameras ausleihen?" Er bekam keine Antwort.
David Cronenberg, dessen "History of Violence" ebenfalls auf einer sogenannten "Graphic Novel" basiert, erklärte den gegenwärtigen Trend zur Comic-Verfilmung übrigens so: "Hollywood braucht dringend Material: Das Filmgeschäft ist ein Monster mit einem riesigen Maul, das Futter sucht. Bald verfilmen wir Kalender."
Gefühlvoller als in "Sin City" ging es in der französischen Komödie "Peindre ou faire l'amour - Malen oder Liebe machen" der Gebrüder-Dardenne zu: Ein Ehepaar zieht im Spätsommer des Lebens aufs Land und lernt, wenn auch zögerlich, die Freuden des Swinger-Daseins kennen. Ein sehr charmanter Wettbewerbsbeitrag, aber kein Meisterwerk.
Tagesgespräch war heute Sharon Stone, die zurecht mit guten Kritiken für "Broken Flowers" überhäuft worden war. Ein Journalist erlaubte sich eine Frage zu ihrem nächsten Projekt: Ob sie denn zehn Jahre nach "Basic Instinct" noch sexy genug für die geplante Fortsetzung sei? Stone antwortete gelassen: "Nein. Aber nett, dass Sie fragen."
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