Romuald Karmakar
Neben Regisseuren wie Christoph Schlingensief und Tom Tykwer hat Romuald Karmakar dem deutschen Kino neues Renomee im Ausland verschafft. Für "Der Totmacher", "Manila" und "Das Himmler-Projekt" mit Preisen überhäuft, stellt der Filmemacher auf der Berlinale sein neues Drama "Die Nacht singt ihre Lieder" vor.
ROMUALD KARMAKAR: Jon Fosse gibt mir die Möglichkeit, die Entfremdung von Menschen, die sich irgendwann mal geliebt haben, sich von der Schulzeit her kennen, eine Wohnung teilen und ein Kind miteinander haben, in noch stärkerer Entfremdung zu zeigen. Gerade im Kino gibt es den Kanon, dass sich zwei Leute, die sich in Hassliebe verbunden sind, gegenseitig anschreien, aufeinander einschlagen, sich im Einschlagen umarmen, über den Boden wälzen und anschließend lieben. Ich finde, für 2004 ist das zu einfach und zu primitiv. Bei mir berührt sich das Paar ein oder zwei Mal. Das ist auf einer nach unten offenen Gefühlsskala eine neue Dimension. Dies ist bereits bei Fosse angelegt, und das gefällt mir. Die Darstellung von Gefühlen im Kino stammt aus den sechziger Jahren, dies ist eine Weiterführung. Die beiden Protagonisten verletzen sich mit Worten, das finde ich viel schlimmer. Jeder weiß, wo er ansetzen muss, um den anderen noch tiefer zu treffen.
Die meisten Geschichten von Jon Fosse haben keinen bestimmten Ort, an dem sie spielen. Um eine Geschichte im Kino zu erzählen, muss man ihr einen Ort zuweisen. Es ist zwar immer einfacher, Geschichten mit unangenehmen Themen in die Peripherie der Gesellschaft zu legen. Da der Großteil der Gesellschaft aber die bürgerliche Mitte ist, habe ich die Geschichte dorthin verlegt. Es ist schmerzhafter. die Geschichte von dort zu erzählen. Alles ist toll, doch wie sieht es wirklich tief drinnen in diesen Personen aus? In dieser Schicht kann man viel besser mit Floskeln, Codes oder Leerstellen umgehen, als jemand, der nicht so gebildet ist und deshalb eruptiv und gewalttätig reagiert.
Mich fasziniert immer wieder, die wenigen Mittel voll auszunutzen, die ich zur Verfügung habe. In Deutschland können wir nicht leisten, was das US-Kino leistet. Ich kann nur mit Schauspielern eine Geschichte ohne Effekte von vorne bis hinten erzählen. Wenn es einem gelingt, dies durchzuhalten, kann das eine sehr hohe Intensität haben. Kino ist eine Kunst, die in ihrer Grammatik unglaublich reichhaltig ist. Dies im vollen Umfang zu nutzen, ist unsere Stärke.
Es gibt unterschiedliche Ansätze und Theorien, wie man Theater ins Kino bringt. Ich persönlich glaube daran, dass man im Kino die originäre Quelle nicht zu verleugnen braucht, wenn das Stück sehr stark ist. Nur so entsteht letztendlich das eigenständige Kinowerk. Wenn man die originäre Quelle nicht verleugnet, kann man zeigen, was das Kino vom Theater unterscheidet, indem die Unterschiede bewusst herausgearbeitet werden. Jede Geschichte braucht ihre eigene originäre Form, um zum Kunstwerk zu werden. Wenn es keine Beziehung zwischen Form und Inhalt gibt, ist das nicht genug, auch wenn es Filme gibt, die nur über den Transport vom Formen existieren. Auch wenn dies viel Spaß macht, so kann das Kino doch sehr viel mehr.
Das Stück spielt nur im Wohnzimmer. Es ist aber viel aufregender, ein Bild zu gestalten, wenn man die Wohnung und damit verschiedene Tiefen hat. Wir haben über Fenster und Balkon Bezüge nach außen geschaffen. Eine größere Wohnung verstärkt die Einsamkeit mehr als ein kleines Zimmer. Je größer die Wohnung, desto einsamer, trauriger und armseliger wird es. Wir haben einiges geändert. Ziel war jedoch immer, das Stück nicht zu verleugnen und als Film zu erzählen.
Es geht um die strafrechtliche Verfolgung von Angehörigen des Hamburger Reservepolizeibataillons 101, die 1942/43 in Südostpolen an der Deportation und Vernichtung von Juden beteiligt waren. Es handelt von der größten Mordkampagne des Zweiten Weltkriegs, bei der 1,7 Mio. Juden umgebracht wurden. Im Sommer 2003 bin ich nach Polen gefahren, um mir die Orte anzusehen, sie als Grundlage für die Weiterentwicklung des Projekts abzufilmen und sie dann den am Film Beteiligten zu zeigen. Aus dem DV-Material habe ich am Heimcomputer das Making Before geschnitten, das sehr anschaulich zeigt, wohin das Projekt geht. Der darüber geplante Spielfilm ist in der Entwicklung und soll noch in diesem Jahr in die Finanzierungsphase gehen.
Unser "blonder Basterd" Diane Kruger eröffnete die 62. Berlinale - und Stars aus der ganzen Welt wollten das sehen.