Der Regisseur des vierten "Bourne"-Spektakels über Streit mit seinem Vorgänger, den Unterschied der neuen Hauptfigur zu Jason Bourne und Musicals als... http://images.kino.de/newspics/784/323784_1/b150x150.jpg "Actionfilme sind wie Musicals"
News

Tony Gilroy über "Das Bourne Vermächtnis"

"Actionfilme sind wie Musicals"

Tony Gilroy, der als Drehbuchautor das "Bourne"-Franchise entscheidend mitprägte, übernahm bei "Das Bourne Vermächtnis" zum ersten Mal bei einem Film der Reihe auch die Regie, nachdem Paul Greengrass als Regisseur und mit ihm Matt Damon als Hauptdarsteller ausstiegen.

Großansicht Schießen oder Singen: Das macht wenig Unterschied für Tony Gilroy, Regisseur des vierten Agentenspektakels "Das Bourne Vermächtnis" (hier Hauptdarsteller Jeremy Renner, der Matt Damon als Titelheld nachfolgt) (Foto: Universal)

Schießen oder Singen: Das macht wenig Unterschied für Tony Gilroy, Regisseur des vierten Agentenspektakels "Das Bourne Vermächtnis" (hier Hauptdarsteller Jeremy Renner, der Matt Damon als Titelheld nachfolgt) (Foto: Universal)

Inwieweit war Ihr Film bei dem ganzen Hin und Her auch eine Art Kompromiss?
TONY GILROY: Überhaupt nicht! Sehen Sie, im Grunde war ich nach "Die Bourne Verschwörung" bereits draußen. Es ist kein Geheimnis, dass Paul Greengrass und ich nicht miteinander auskamen. Bei "Das Bourne Ultimatum" war ich nur kurz involviert, als sie Skriptprobleme hatten. Zu der Zeit steckte ich mitten in der Vorbereitung und Produktion von "Michael Clayton". Erst Monate später, als die Verantwortlichen nach "Das Bourne Ultimatum" nicht weiterwussten und Greengrass und Damon bereits draußen waren, kamen sie zu mir. Ich hatte bis dahin "Das Bourne Ultimatum" nicht gesehen. Erst als ich das nachgeholt hatte, hatte ich eine Vorstellung, wie sich die Geschichte entwickeln könnte. Das Studio war mit ihr sehr froh, auch mit der Idee, "Das Bourne Ultimatum" und den vierten Film gegeneinander spielen zu lassen. Sie bezahlten mich dafür, dass ich mich zwei Wochen austobte, und plötzlich merkte ich, wie verdammt interessant die Möglichkeiten und Charaktere waren, die sich mir da eröffneten. Hinzu kam, dass ich seit "Duplicity - Gemeinsame Geheimsache" auf der Suche nach einem großen Projekt war, das sowohl mich als auch das Publikum interessieren würde.

Sie wollten keine weiteren unabhängig produzierten Filme drehen?
Mein Plan war, für Geld Drehbücher zu schreiben, was mir erlauben sollte, alle paar Jahre einen Film wie "Michael Clayton" zu verwirklichen. Das Problem ist aber, dass dieses Kino mittlerweile fast völlig verschwunden ist. Diese Art Geschichten zu erzählen, ist fast komplett ins US-Fernsehen abgewandert. Ich war also auf der Suche nach Material, mit dem ich mich zwei Jahre beschäftigen wollte. Und die Möglichkeiten eines "Bourne"-Films waren für mich unglaublich. Ich hatte ein motiviertes Studio hinter mir; sie ließen mir völlige Freiheit. Und wann gibt es schon die Chance, mit solchen Darstellern solche Charaktere zum Leben zu erwecken und dazu noch Fragen nach der Moral von Wissenschaft aufzuwerfen? Der Film war für mich also zu keinem Zeitpunkt ein Kompromiss!

Gerade die anfängliche Vernetzung von "Bourne Ultimatum" und "Bourne Vermächtnis" setzt ein Vorwissen der Zuschauer voraus. War das ein Problem?
Als wir "Das Bourne Vermächtnis" schnitten, zeigten wir ihn Leuten, die die anderen Filme nicht gesehen hatten. Unser Film funktioniert, wie ich finde, auch sehr gut allein und kann ohne Vorwissen gesehen werden. Zuschauer, die es aber haben, erkennen natürlich zusätzliche Dinge. Wobei ich überzeugt bin, dass selbst sie nicht alle Hinweise entdecken.

Als Sie den Hauptcharakter Aaron Cross entwickelten, befürchteten Sie da nie, nur eine Art Jason Bourne 2.0 zu entwerfen?
Nein. Sie sind völlig unterschiedlich. Jason Bourne weiß nicht, wer er ist. Er wacht auf, hält sich für einen guten Menschen und findet heraus, dass alles ganz anders ist. Der ganze zweite Film der Reihe dreht sich um das Thema Entschuldigung. Jason Bourne trägt ein großes moralisches Problem mit sich herum. Für Aaron Cross ist Moral hingegen kein Thema. Er möchte dazugehören. Er tut alles, was von ihm gewollt wird und erleidet dann den ultimativen Betrug. Ihm wird der Boden unter den Füßen weggerissen. Das ist auch etwas, das mir persönlich Aaron Cross viel näherbringt als Jason Bourne. Ich musste mich nie mit moralischen Fragen wie Bourne auseinandersetzen. Aber die Furcht vor dem Verlust dessen, was uns ausmacht, kann ich sehr gut nachvollziehen.

Bilder zu "Das Bourne Vermächtnis"

Fotos ansehen

Es ist Ihr erster Actionfilm als Regisseur. Eine besondere Herausforderung?
Ich hatte bereits am Set von Actionfilmen gearbeitet und wusste somit bereits einiges. Vor allem wusste ich, was ich nicht weiß. Und bei einem Projekt dieser Größenordnung ist man von einer unglaublichen Menge talentierter Leute umgeben, die einem helfen. Es gibt in Hollywood Filme, bei denen der Regisseur beim Dreh der Actionszenen nicht mal am Set ist. Das war bei uns natürlich anders. Grundsätzlich ist es aber auch so, dass sich ein Actiondreh nicht so sehr von anderen Drehs unterscheidet. Auch hier lautet die erste Frage, die man sich stellt, "Was möchte ich?". Bei uns war das beispielsweise die Entscheidung, dass wir keine objektiven Actionszenen wollten. Alle Szenen werden aus der Sicht einer der Personen gezeigt. Die weiteren Fragen, die du dir stellen musst, sind "Hast du genug Geld, für das, was du machen willst? Und hast du die richtigen Leute um dich herum?" Wir hatten mit Dan Bradley den gleichen Second-Unit-Director und Stuntkoordinator wie bei "Die Bourne Verschwörung" und "Das Bourne Ultimatum". Auch unser Kameramann, Oliver Wood, war bei den beiden Filmen bereits dabei. Ihre Arbeit ist unfassbar gut. Ich hatte also die richtigen Leute an meiner Seite. Und dann macht man einfach einen Schritt nach dem anderen.

Ihre anderen Regiearbeiten werden von der Handlung getrieben. Mussten Sie sich bei einem Actionfilm dabei zurückhalten?
Absolut nicht. Ein Actionfilm, hat viel mit einem Musical gemein. In einem Musical wird gesprochen und dann wird gesungen. Die Songs sind quasi die Actionszenen. Und in großen Musicals wird die Geschichte immer durch die Lieder erzählt. Wenn die Songs die Story nicht weiterbringen, und seien sie noch so gut, ist es ein schlechtes Musical. Und genauso ist es bei Actionfilmen. In guten Actionszenen lässt man nie die Geschichte los.

Es ist nun Ihre dritte Regiearbeit. Ist Regieführen Ihre neue Leidenschaft?
Ich weiß es wirklich nicht. Im Moment vermisse ich das Schreiben. Die letzten beiden Jahre drehten sich um "Die Bourne Verschwörung". Jetzt muss ich erst mal zur Ruhe kommen und mich wieder sammeln. Ich habe 20 Jahre als Autor gearbeitet, allein in einem Raum. Dann geht man raus, führt Regie und wird umsorgt. Es ist sehr sexy, jeder will dir helfen. Wenn man schreibt, ist man völlig auf sich gestellt. Es könnte nicht unterschiedlicher sein. Ich bin gespannt, ob ich es noch allein in einem Raum aushalte. Ich bin in der glücklichen Situation, dass ich mir meine Projekte aussuchen kann, ohne aufs Geld zu schauen. Ich habe nie eine Firma gegründet. Ich arbeite nie an mehreren Projekten gleichzeitig. Ich weiß nie, was als Nächstes kommt. Mein einziges Ziel ist es, etwas zu finden, das mich fesselt. Ich will besessen sein!

Matthias Hermann, 12.09.2012, 09:00
Treffpunkt Kino
Treffpunkt Kino
Jetzt neu
Reinklicken und Deutschlands großes Kinomagazin Treffpunkt Kino online erleben! In der aktuellen Ausgabe: "Mortdecai" und viele weitere Tophits!