Der alte Mann Uncle Boonmee erinnert sich auf dem Sterbebett an seine vorangegangenen Leben. http://images.kino.de/flbilder/max10/auto10/auto35/10350126/b150x150.jpg Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben

Filmdetails

Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben

Der alte Mann Uncle Boonmee erinnert sich auf dem Sterbebett an seine vorangegangenen Leben.


Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben
Start: 30.09.2010

Originaltitel: Loong Boonmee Raleuk Chaat

Drama

Thailand/Deutschland/Großbritannien/Frankreich/Spanien 2010
Laufzeit: 113 Min.
FSK: o.A. (ohne Altersbeschränkung)

Thanapat Saisaymar
Jenjira Pongpas
Sakda Kaewbuadee

Regie: Apichatpong Weerasethakul
Verleih: Movienet

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Inhalt

Onkel Boonmee spürt, dass er in wenigen Tagen sterben wird. So bittet er seine Eltern, ihn zu sich nach Hause mitzunehmen, damit er nicht im Krankenhaus sterben muss. Im Haus seiner Kindheit wird er auch von den Geistern seiner verstorbenen Frau und seines Sohnes besucht. Sein Sohn erscheint ihm in Form eines Affen.


Kritik

Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben

Ganz Tim Burtons Welt: Mit "Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives" ging die Goldene Palme 2010 nach Thailand - in Würdigung eines imaginativen, assoziativen Kunstkinos um Themen wie Animation und Wiedergeburt.

Apichatpong Weerasethakul, der die erste Palme d'Or für sein Heimatland holte, zeichnet auch als Produzent und Drehbuchautor verantwortlich. Es geht um Erinnerungen und Wiedergeburt - sei es als Wasserbüffel, Wels oder Prinzessin - aber auch um politische Bezüge zur Gegenwart, wenn der 1970 in Bangkok geborene Filmemacher mit Fotos von uniformierten Soldaten die politische Situation in seinem Land evoziert.

Onkel Boonmee, der an akutem Nierenversagen leidet, hat beschlossen, seine letzten Tage im Kreis seiner nächsten Angehörigen in einem Haus auf dem Land zu verbringen. Dort erscheint den verblüfften Anwesenden der Geist seiner verstorbenen Frau, um sich seiner anzunehmen. Auch sein vor langer Zeit verschollener Sohn taucht wieder auf, in der nicht menschlichen Gestalt eines freundlichen, komplett behaarten Affengeistes (Chewbacca lässt grüßen). Boonmee setzt sich mit den Ursachen seiner Krankheit auseinander und schließlich folgt die Familie dem Geist der Verstorbenen in den Dschungel zu einer mysteriösen Berghöhle, die Boonmee als Geburtsort seines ersten Lebens wiedererkennt.

Filmemachen funktioniert für Weerasethakul ähnlich wie eine Zeitmaschine, es kann verschiedene Schichten der Erinnerung miteinander und mit der Erfahrung der Zuschauer verbinden, vergangene Leben erstehen und die Grenzen zwischen Mensch, Tier und Pflanze verschwimmen lassen. Boonmees Erfahrungen, die auf den in einem Buch festgehaltenen Geschichten eines alten Mannes basieren, der während der Meditation seine früheren Leben an sich vorüberziehen sieht, stehen für eine vom Aussterben bedrohte Kultur, der Weerasethakul eine Stimme verleiht. Bewusst bezieht er die Imaginationskraft des Zuschauers in sein Rezeptionskalkül mit ein. Dabei gelingen ihm eindringliche Bilder exotischer Schönheit. Tiere, Pflanzen, Menschen bewegen sich in Dimensionen, in denen die Grenzen zwischen den Geschöpfen verfließen. So magisch ist diese mystische Dschungelwelt, dass die Rückkehr am Ende des Films in die Realität eines nüchternen, überhellen Hotelzimmers, in dem die Familie nach Boonmees Beerdigung zusammentrifft, geradezu schmerzhaft ist.

Die internationale, vom World Cinema Fund geförderte Koproduktion (von deutscher Seite The Match Factory und Geissendörfer Film- und Fernsehproduktion), der der Kurzfilm "A Letter to Uncle Boonmee" von 2009 vorausging, ist Teil des Primitive Project, eines Kunstprojekts, das Weerasethakul mit Teenagern in einem Dorf im Nordosten Thailands realisiert. Die Weerasethakul-Usuals Jenjira Pongpas und Sakda Kaewbuadee spielen neben Laiendarstellern wie dem Dachdecker Thanapat Saisaymar als Boonmee. Auch die Crew (Kamera, Schnitt, Postproduktion und Sounddesign) rekrutiert sich aus bewährten Apichatpong Mitstreitern, die für stimmig visuelle Umsetzung und lebendigen Dschungel-Sound sorgen. Für Joe, wie der Regisseur mit dem unaussprechlichen Namen der Einfachheit halber meist genannt wird, ist es bereits der dritte Cannes-Auftritt - jeder preisgekrönt: 2002 wurde "Blissfully Yours" in Un Certain Regard geehrt, 2004 gewann er den Jury-Preis für "Tropical Malady". Und 2010 die Krönung. Überraschend, aber verdient. boe.

Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben

Darsteller:  Thanapat Saisaymar   als Boonmee
  Jenjira Pongpas   als Jen
  Sakda Kaewbuadee   als Tong
  Natthakarn Aphaiwonk   als Huay (Boonmees Frau)
  Geerasak Kulhong   als Boonsong (Boonmees Sohn)
  Kanokporn Thingagam   als Roong
  Samud Kugasang   als Jaai
  Sumit Suebsee   als Soldat
  Vien Pimdee   als Bauer
 
Regie:  Apichatpong Weerasethakul  
Drehbuch:  Apichatpong Weerasethakul  
Produzent:  Apichatpong Weerasethakul  
  Simon Field  
  Keith Griffiths  
  Charles de Meaux  
Koproduzent:  Hans W. Geißendörfer  
  Luis Miñarro  
  Michael Weber  
Kamera:  Yukontorn Mingmongkon  
  Charin Pengoanich  
  Sayombhu Mukdeeprom  
Schnitt:  Lee Chatametikool  
Musik:  Koichi Shimizu  
Produktionsdesign:  Akekarat Homlaor  
Kostüme:  Chatchai Chaiyon  
Casting:  Panjai Sirisuvan  

Triumph des poetischen Kinos

Lange war gerätselt worden, welcher Film des Wettbewerbs dem diesjährigen Jurypräsidenten Tim Burton am besten gefallen könnte ...

Großansicht Goldene Palme für das meditative Kunstwerk "Uncle Boonmee" (Foto: Illuminations Films)

Goldene Palme für das meditative Kunstwerk "Uncle Boonmee" (Foto: Illuminations Films)

Würde er ein verspieltes Werk wählen, das seinen eigenen Filmen gleicht, oder würde als Kontrastprogramm eher ein knallhart-realistischer Film das Rennen machen? An letzteren herrschte im diesjährigen Cannes-Jahrgang kein Mangel. Politischer als in den Vorjahren präsentierte sich das Weltkino an der Croisette, mit Filmen über den Algerienkrieg, den islamischen Fundamentalismus, über Irakkriegs-Söldner und politische Kriegstreiber, den Überlebenskampf in den Metropolen oder in der postsowjetischen russischen Provinz.

Schließlich vergaben Tim Burton und seine acht Jurykollegen die Goldene Palme an einen poetischen Film aus Thailand: "Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives" (auf deutsch: "Onkel Boonmee, der sich an seine vergangenen Leben erinnern kann") von Apichatpong Weerasethakul. Der Film folgt einem schwerkranken alten Mann in den Dschungel, wo er mit seinen Angehörigen in aller Seelenruhe seine letzten Tage verbringt, den Geist seiner verstorbenen Frau und ein freundliches Zottelmonster trifft. Ein traumtänzerischer Film, der den Zuschauer hinter die Dinge blicken lässt und dem Tod seinen Schrecken nimmt - Filmkunst im besten Sinne, die leider viel zu selten jenseits der Festivals zu sehen ist.

Der große Preis der Jury ging ebenfalls an einen wunderbar ruhigen Film mit starken und transzendentalen Bildern, die im Gedächtnis haften bleiben: "Des hommes et des dieux" ("Von Menschen und Göttern"). Xavier Beauvois zeichnet hier die wahre Geschichte einer kleinen Gruppe katholischer Mönche nach, die in den neunziger Jahren im Atlas-Gebirge in Algerien leben. Gezeigt wird der Alltag der Brüder, die ein harmonisches Miteinander mit den muslimischen Einheimischen führen. Bis eines Tages der Bürgerkrieg das verschlafene Dorf erreicht und die Mönche von islamischen Fundamentalisten bedroht werden. Nun ist die essentielle Frage: Bleiben oder fliehen? Die Brüder entschließen sich zum Bleiben und in einer erhebenden Szene, die an das letzte Abendmahl erinnert, fängt die Kamera - untermalt mit Tschaikowskis "Schwanensee" - noch einmal liebevoll jedes einzelne Gesicht des starken Ensembles ein.

 
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Verdient ist auch der Schauspielpreis an Penélope Cruz' bessere Hälfte Javier Bardem, für seine Rolle als krebskranker Drogendealer in Alejandro González Iñárritus düsterem Drama "Biutiful". Es bleibt das Geheimnis der Jury, warum Bardem sich diese Auszeichnung mit Elio Germano teilen musste. Letzterer gibt in dem beschwingten italienischen Beitrag "La nostra vita" überzeugend einen jungen Underdog, der sich nach dem Tod seiner Frau mit seinen drei Kindern allein durchschlagen muss, doch er kann Bardem nicht das Wasser reichen.

Bei den Damen machte Juliette Binoche als überspannte Antiquitätenhändlerin in "Copie conforme" ("Beglaubigte Kopie") das Rennen, Abbas Kiarostamis raffiniertem Vexierspiel über das Auseinanderleben eines Paares, das womöglich in Wahrheit gar keines ist, sondern die Ehekrise nur spielt.

Die große Sensation des in diesem Jahr mit vielen allzu mittelmäßigen Filmen bestückten Programms war indes "Carlos - Der Schakal", der außer Konkurrenz startete. Ein atemberaubender epischer Thriller über den Terroristen "Carlos" (großartig gespielt von Edgar Ramirez), der in den siebziger Jahren zweifelhaften Weltruhm erlangte. Selten wurde Zeitgeschichte so spannend aufbereitet, und dies auf fünfeinhalb Stunden. Wem dies zu lang erscheint, der kann sich ab Herbst in den deutschen Kinos auch eine auf 160 Minuten gekürzten Fassung ansehen.

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