Im Endspurt des Berlinale-Rummels ging Richard Flanagans berührender Debutfilm über Erinnerungen an eine verlorene Kindheit, die Suche einer jungen Frau nach Identität, leider unter. Zu Unrecht. Denn dieses filigrane Familienmelodram ist bestes Gefühlskino.
Produzent Rolf de Heer, der selbst Regie führte bei "Dingo" oder "Bad Boy Bubby", soll beim Lesen des Drehbuchs in Tränen ausgebrochen sein und auch nach der Vorführung dieses australischen Wettbewerbsbeitrag wurden im Zoo-Palast Taschentücher verschämt hervorgekramt, gab es reihenweise rote Augen.
Die traurige Geschichte beginnt im Tasmanien (einer gottverlassenen Ecke des Fünften Kontinents) der frühen 50er Jahre und endet 1989. Sonja (Kerry Fox, Hauptdarstellerin in Jane Campions "Ein Engel an meiner Tafel") kommt nach 20 Jahren wieder in ihre Heimat zurück, schwanger mit einem ungewollten Kind; dorthin, wo ihre Eltern aus Slowenien emigrierten und auf ein besseres Leben hofften. Das bestand aber nur in harter Arbeit und sozialer Ausgrenzung. Die Mutter verschwand, als Sonja drei Jahre alt war, das Kind wuchs erst bei Pflegefamilien, dann als Klotz am Bein beim Vater auf, der seinen Frust und Mißerfolg seitdem in Alkohol ertränkt. Irgendwann wollte sie ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen und zog nach Sydney in der Erwartung auf einen (vergeblichen) Neubeginn. "Um eine Zukunft zu haben, mußt du die Vergangenheit vergessen", hämmerte man dem kleinen Mädchen ein, das als erwachsene Frau jetzt den umgekehrten Weg einschlägt, die Bruchstücke ihres Lebens zu einem Ganzen zusammenfügen will, wie die Teile eines zerschlagenen Puppengeschirrs aus ihrer Kindheit, das sie vorsichtig wie einen Schatz in einem Tuch mit sich trägt. Das Erstlingswerk des renommierten australischen Schriftstellers Richard Flanagan, der auch das Drehbuch schrieb und erst nach Abschluß der Dreharbeiten den gleichnamigen Roman, entwickelt trotz leicht kitschiger Überfrachtung eine nachhaltig wirkende Faszination. Auf verschiedenen Zeitebenen erzählt er in leisen Zwischentönen vom vergeblichen Kampf um Liebe und Anerkennung, von Heimatlosigkeit und der Sehnsucht nach einem Zuhause, von einem schmerzhaften Vater-Tochter-Konflikt. Am Ende einer spannenden Reise durch Innenwelten voller Verzweiflung und Selbstverachtung stehen trotz aller psychischen Verletzungen so etwas wie gegenseitiges Verständnis und eine ungewohnte Zärtlichkeit. Flanagan - selbst mit einer Slowenin verheiratet und in Tasmanien ansässig - verknüpft geschickt Vergangenheit und Gegenwart, schlägt den Bogen vom Zweiten Weltkrieg in Europa bis zu den daraus resultierenden Traumata der Arbeitsemigranten im fernen Australien. Der zurückhaltende 36jährige, der die kreative Stille seines Arbeitszimmers dem oberflächlichen Filmbusiness vorzieht, will von weiteren Filmprojekten erst einmal Abstand gewinnen. Es sei denn, ein engagierter Verleiher nimmt sich der weltweiten Vermarktung dieses außergewöhnlichen Werkes an. Ein Versuch wäre es wert. mk.
| Darsteller: | Kerry Fox | als Sonja Buloh | |
|---|---|---|---|
| Rosie Flanagan | als Sonja, 8 Jahre | ||
| Kristof Kaczmarek | als Bojan Buloh | ||
| Evelyn Krape | als Jenja | ||
| Melita Jurisic | als Maria Buloh | ||
| Jacek Koman | als Picotti | ||
| Essie Davis | als Jean | ||
| Arabella Wain | als Sonja, 3 Jahre | ||
| Regie: | Richard Flanagan | ||
| Drehbuch: | Richard Flanagan | ||
| Produzent: | Rolf de Heer | ||
| Ausf. Produzent: | Andrew Knight | ||
| Steve Vizard | |||
| Jackie O'Sullivan | |||
| David Lightfoot | |||
| Buchvorlage: | Richard Flanagan | ||
| Kamera: | Martin McGrath | ||
| Schnitt: | John Scott | ||
| Tania Nehme | |||
| Musik: | Cezary Skubiszewski | ||
| Produktionsdesign: | Bryce Perrin | ||
| John Wrigglesworth | |||
| Kostüme: | Aphrodite Kondos | ||
| Ton: | James Currie | ||
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