Pierre Bokma
Jean-Christophe Folly
Jenny Schily
Regie: Ulrich Köhler
Verleih: Farbfilm (24 Bilder)
Ebbo leitet in Afrika ein Projekt zur Bekämpfung der Schlafkrankheit. Seine Frau Vera, die hier seit 20 Jahren mit ihm lebt, fühlt sich auf dem "Schwarzen Kontinent" aber nicht mehr wohl - vor allem seitdem Tochter Helen in Deutschland ein Internat besucht. Ebbo mag aber nicht in das Land heimkehren, das ihm fremd geworden ist, und trennt sich schweren Herzens von der geliebten Vera. Drei Jahre später reist ein französischer Mediziner nach Kamerun. Dort trifft er auf Ebbo - und lernt in ihm einen verlorenen Menschen kennen.

Drama eines zwischen Idealismus und Zynismus zerrissenen europäischen Arztes, der sich im Herzen Schwarzafrikas verliert.
Keine Bilder von rosa Flamingos, romantischen Sonnenuntergängen oder weiten Savannen: Ulrich Köhler schaut unter die pittoreske Oberfläche, dorthin wo Korruption blüht, die Gier nach Subventionen und selbst die typische Kleidung aus China stammt. Er zeigt kein Gutmensch-Afrika, sondern ein Afrika wie eine schmerzende Wunde.
Seit über 20 Jahren leben Ebbo und Vera Velten auf dem schwarzen Kontinent, wo der Mediziner die Schlafkrankheit bekämpft. Während er seinen Job dort nicht aufgeben möchte, will sie zurück, auch wegen der 14jährigen Tochter. Velters verspricht, schnell nachzukommen. Dann ein Sprung - drei Jahre später soll Alex Nzila, ein junger schwarzer Mitarbeiter der WHO aus Paris Velters Arbeit evaluieren und stößt auf ein verrottetes Krankenhaus mit nur einem Patienten. EU-Gelder wurden veruntreut, der Doktor, inzwischen mit einer Einheimischen liiert, ist ein weißes Wrack, das auf ein determiniertes Schicksal zusteuert.
Ulrich Köhler, der in "Bungalow" und "Am Montag kommen die Fenster" von Fluchten im eigenen Land erzählt, zeigt hier die Flucht vor der mickrigen Existenz in Deutschland. Während die erste Hälfte sich auf die Figur von Velten konzentriert, rückt in der zweiten der europäisch und urban geprägten Nzila mit kongolesischen Wurzeln in den Fokus. Die beiden Männer ergänzen sich wie zwei Seiten einer Medaille. Der in Frankreich Aufgewachsene fühlt sich unwohl auf dem Kontinent seiner Vorfahren, der Deutsche versucht, sich mit aller Macht zu assimilieren und rutscht nur immer mehr in die Rolle des Außenseiters. Beide eint ihre Hilflosigkeit.
Köhlers Afrika ist oft feindlich in Dunkelheit getaucht, in vielen Einstellungen blitzen nur die Taschenlampen, die nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit geben. Zwischen Postkolonialismus, Idealismus und Zynismus verliert sich die Hauptfigur. Es sind die zwei unterschiedlichen, aber immer eurozentrischen Perspektiven, die den Vertreter der Berliner Schule interessieren und die Beiläufigkeit. Durch den ständigen Topic-Wechsel sinkt beim Betrachter das Interesse, die emotionalen Abgründe werden nur angerissen oder angedeutet. Der Blick ins abgründige Seelenleben und das Nachspüren individuellen Scheiterns gelingt nicht immer, aber im Gedächtnis bleiben beeindruckende Bilder eines Afrikas als Ort privater und politischer Widersprüche, die Naivität des Westens und eine aufregend authentische Geräuschkulisse. mk.
| Darsteller: | Pierre Bokma | als Ebbo Velten | |
|---|---|---|---|
| Jean-Christophe Folly | als Alex Nzila | ||
| Jenny Schily | als Vera Velten | ||
| Hippolyte Girardot | als Gaspard Signac | ||
| Maria Elise Miller | als Helen Velten | ||
| Sava Lolov | als Elia Todorov | ||
| Francis Noukiatchom | als Monese | ||
| Ali Mvondo Roland | als Ruhemba | ||
| Isacar Yinkou | als Joseph | ||
| Thierry Hancisse | als Gabor | ||
| Ali Barkaï | als Jean-Marie | ||
| Regie: | Ulrich Köhler | ||
| Drehbuch: | Ulrich Köhler | ||
| Produzent: | Janine Jackowski | ||
| Maren Ade | |||
| Katrin Schlösser | |||
| Koproduzent: | Frans van Gestel | ||
| Kamera: | Patrick Orth | ||
| Schnitt: | Katharina Wartena | ||
| Eva Könnemann | |||
| Produktionsdesign: | Jochen Dehn | ||
| Kostüme: | Birgit Kilian | ||
| Maske: | Henny Zimmer | ||
| Ton: | Julien Sicart | ||
| Casting: | Kris Portier de Bellair | ||
| Ulrike Müller | |||
Mit "Schlafkrankheit", in Berlin mit dem Silbernen Bären für die Beste Regie ausgezeichnet, wagt sich Ulrich Köhler ins dunkle Herz Afrikas. In Zukunft reizen ihn mehr fiktionale als realistische Stoffe.
"Schlafkrankheit": Arzt und Entwicklungshelfer Ebbo lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Afrika - und gehört doch nirgendwo hin... (Foto: Farbfilm (24 Bilder))
Ist "Schlafkrankheit" eine Reminiszenz an Ihre Kindheit in Afrika?
ULRICH KÖHLER: Am liebsten hätte ich "Schlafkrankheit" in Kongo, dem früheren Zaire gedreht, zu dem ich einen starken emotionalen Bezug habe. Ich war dort auf Recherchereise, hatte schon nach zwei Stunden eine Kalaschnikow vor dem Bauch - nicht die ideale Voraussetzung als Drehort.
Der Zuschauer könnte irritiert sein, dass Sie die Perspektive verändern.
Ich denke nicht strategisch übers Publikum nach, sondern versuche, Filme zu machen, die auch mich ansprechen würden. Die Idee war, dass wir eine Figur kennenlernen, sie verlieren und mit einer Außenperspektive wiedersehen. Auch in "Montag kommen die Fenster" gab es einen Perspektivenwechsel, das ist etwas, was mich interessiert.
Der Film zählte noch zur "Berliner Schule". Hat die noch einen Einfluss auf Sie?
Die "Berliner Schule" ist ein Konstrukt der Presse. Ich habe in Hamburg visuelle Kommunikation an der Hochschule für bildende Künste mit Henner Winckler und meinem Kameramann Patrick Orth studiert. Einige Journalisten glauben, ich hätte extra ein internationales Thema gewählt, um mich davon zu entfernen. Das stimmt nicht. Den Stoff habe ich zur gleichen Zeit wie "Bungalow" entwickelt. Für mich ist "Schlafkrankheit" der Film, den ich jetzt machen wollte. Damals fühlte ich mich noch nicht reif dazu.
Das Ganze war auch jetzt ein großes Abenteuer.
Inwiefern?
Für das komplexe Drehbuch mit 47 Sprechrollen und vielen Drehorten war die Vorbereitungszeit kurz, die Regenzeit setzte früher ein, das Team platzte aus den Nähten, es gab logistische Probleme, Kamerun verfügt über keine filmische Infrastruktur. Aber es war der Ort, wo ich drehen wollte. Sehr stressig war das Casting. Die afrikanischen Darsteller stammen alle aus dem Land. Den Jagdführer etwa haben wir um 23 Uhr gefunden und am nächsten Morgen um sieben stand er vor der Kamera. Wir haben in dem Krankenhaus gedreht, in dem meine Eltern in den 1990er Jahren arbeiteten. Das Wohnhaus für das Team mussten wir erst aufbauen, anfangs fehlte fließend Wasser. Überraschenderweise hat dann doch alles gut funktioniert, auch die Zusammenarbeit mit dem Kameruner Team, das tolle Ideen einbrachte.
Waren die Förderer bei dieser überwiegend deutschen Produktion schnell im Boot?
Der Stoff an sich war attraktiv, Afrika stand im Fokus wegen der Fußball-WM und in Belgien lief eine viel beachtete große Kongo-Ausstellung, dennoch dauerte es einige Zeit. Den französischen Koproduzenten Sebastien Lemercier kenne ich schon sehr lange. Durch Hauptdarsteller Pierre Bokma und Cutterin Katharina Wartena kam Geld auch aus den Niederlanden.
Welche filmischen Herausforderungen locken Sie demnächst?
Nach dem anstrengenden Dreh wollte ich erst gar keinen Film mehr machen. Jetzt spüre ich wieder Lust und könnte mir vorstellen, mehr fiktional und weniger realistisch zu arbeiten. Meine Biografie ist ausgebeutet. Es gibt aber ein oder zwei Romane, die mich interessieren.
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