Sergej Dreiden
Maria Kusnetsowa
Leonid Mozgowoi
Regie: Alexander Sokurow
Verleih: Delphi
Zwei Zeitreisende begegnen sich in der Eremitage zu St. Petersburg, um gemeinsam 33 Räume zu durchwandeln, in denen am Beispiel verschiedener historischer Episoden 300 Jahre russischer Geschichte zwischen Katharina der Großen und der Oktoberrevolution lebendig werden. So begegnet man Peter dem Großen, wohnt glanzvollen Bällen bei, studiert zeitgenössische Kunst, nimmt mit der letzten Zarenfamilie ein ebensolches gemeinsames Frühstück ein und entdeckt bisweilen gar Verbotenes.
Russische Geschichte und die Rolle des Landes als Mittler zwischen Europa und Asien stehen im Mittelpunkt dieser handwerklich nichts weniger als brillanten, ohne einen einzigen Schnitt (!) entstandenen "Magical History Tour".

In einem opulenten cineastischen Experiment, bei dem Theo Angelopoulos, Mike Figgis und andere Liebhaber planvoller Plansequenzen grün vor Neid werden müssten, hat Alexander Sokurov den ersten in einer einzigen ungeschnittenen Einstellung gefilmten Spielfilm der Geschichten gedreht. In 96 Minuten mit einer digitalen Kamera, auf einer Steadycam montiert, aufgenommen, reisen Sokurov und Kameramann Tilman Büttner (verdient in eine Hall of Fame aufgenommen zu werden) durch 33 verschiedene Räume der legendären St. Petersburg Eremitage. Das Ergebnis ist eine brillante visuelle "magical history tour" durch 300 Jahre russische Geschichte, gefilmt als kunstvoll arrangierter Traum.
Über die tour de force hinaus, die monatelange Vorbereitung erforderte, erweist sich Sokurovs hypnotischer Film "in einem Atemzug" als Promenade ins Herz der russischen Erfahrung. Ein heutiger, nie zu sehender Erzähler (das Kamera-Auge) findet sich im Winterpalais (Eremitage) im 17. Jahrhundert wieder und begegnet einem französischen Marquis und Diplomaten (Sergej Dreiden), der auch in der falschen Zeit gelandet ist. Sie erleben die glorreichen Phasen der zaristischen Epoche: Peter den Großen, der einen General bestraft, Katharina die Große, die ein Theaterstück probt, Empfang des persischen Botschafters, Frühstück der letzten Zarenfamilie und als Höhepunkt ein glanzvoller Ball. Während der melancholischen Promenade diskutieren die Herren über die Rolle Russlands als zwischen Ost und West zerrissen und nicht einfach an europäische Traditionen zu binden. Exkurse und lakonische Kommentare führen in Gemäldegalerien und verbotene Räume.
Erstaunlich abwechslungsreich vollführt die Kamera einen Non-Stop-Tanz, der 360-Grad-Schwenks und abenteuerliches Sich-unter-die-Menge-Mischen erlaubt. Mal verharrt die Kamera, mal rast sie durch die Zeit und Raum und schafft sich einen eigenen Rhythmus, der zu Beginn irritiert aber stärker und soghafter wird. Das ist l'art pour l' art, aber das ästhetische Ergebnis des Kraftaktes rechtfertigt die Mühen. Das reale Production Design der Eremitage, in der die Geister der Vergangenheit wie Fantome kreisen, Kostüme und Gemälde sind berauschend. Die einmalige Suche nach der verlorenen Zeit gehört in jedes exquisite Arthouse. ger.
Stars, Sternchen, Juroren und eine Hommage an die besten Komponisten der Filmgeschichte.
So ist das mit den Filmfestspielen in Cannes: "Wir werden einige gute Filme sehen, diskutieren, guten Café trinken und - das exzellente Essen genießen."
Das ist nicht der Satz eines sarkastischen Journalisten, sondern das Statement des diesjährigen "Mr. Cannes": David Lynch, Vorsitzender der Jury und damit entscheidend daran beteiligt, wer am Ende unter goldenen und silbernen Palmen schlafen darf, oder wessen Kopf unsanft von den harten Kokosnüssen der Realität getroffen wird, wenn das eigene Kunstwerk leer ausgeht.
Aber es geht ja nicht nur um Filme: Wo Cameron Diaz, Leonardo DiCaprio, George Lucas, Catherine Zeta-Jones, Jack Nicholson, Adam Sandler, Christina Ricci und Nicole Kidman auftauchen, da klicken die Kameras der Fotografen im Sekundentakt. Und im Kielwasser der echten Stars versuchen die Sternchen aus der 2. bis 5. Reihe verzweifelt, ebenfalls von den Szene-Reportern verewigt zu werden.
David Lynch wird in der Jury übrigens unter anderem von Sharon Stone unterstützt, die ihre Karriere vorübergehend auf Eis gelegt hat, um sich ihrer Mutterrolle zu widmen. Ihre Erwartungen sind hoch: "Ich hoffe während des Festivals die Empfindsamkeit des Kinos zu erleben und von der Magie der Filme berührt und auch schockiert zu werden."
Gelegenheit dazu bietet am Samstag ein in dieser Form unangekündigtes Zeichentrick-Spektakel: "Spirit - Der wilde Mustang" wird dem Festspielpublikum in einer riesigen Galavorstellung präsentiert. Das Besondere: Hans Zimmer und Bryan Adams werden dazu live in die Tasten bzw. Gitarrensaiten hauen, und die Filmmusik in einer großen Open-Air-Show in den Nachthimmel von Cannes aufsteigen lassen (siehe dazu ab 21. Mai auch das neue Gewinnspiel bei win@kino.de).
Für die beteiligten Musiker wird die Gala mächtig anstrengend: Wenn die Techniker am Samstag morgens um 3 Uhr (!) die Bühne eingerichtet haben, wird geprobt bis 8:30. Dann findet die Pressevorführung statt, anschließend geht's kurz in die Heia, um fit für die Abendveranstaltung zu sein.
Noch eine Cannes-Premiere: Gestern um halb zwölf lief zum ersten Mal in Europa die komplett digitale Fassung von "Star Wars: Episode II - Angriff der Klonkrieger". Die Kritiker bestätigten einhellig die Aussagen von George Lucas und Produzent Rick McCallum auf der anschließenden Pressekonferenz: Der Film gewinnt durch die neue Technik ungemein.
Mit Spannung erwartet wird in den nächsten Tagen eine zwanzigminütige Preview von Martin Scorseses Gangster-Rache-Drama "Gangs of New York" mit Leonardo DiCaprio (kino.de: "Leonardo doppelt böse").
Ein weiteres Highlight dürfte dann Roman Polanskis "Der Pianist" werden: Nach der autobiografischen Geschichte von Wladyslaw Szpilman erzählt der Film, wie der polnische Pianist durch seine Liebe zur Musik die Nazi-KZs überlebte und sich in den Warschauer Ghettos durchschlug.
Aus deutscher Sicht ist besonders das Abschneiden der deutsch-finnischen Koproduktion "Der Mann ohne Vergangenheit" interessant, die Aki Kaurismäki inszenierte. Ken Loach bringt in einer deutsch-britischen Produktion "Sweet Sixteen" auf die Leinwand und Alexander Sokurow setzt in einer deutsch-russischen Produktion "Russian Ark" in Szene (das komplette Programm unter kino.de: "Cannes beginnt mit 'Hollywood Ending'").
Auffällig sind die starken Sicherheitsvorkehrungen; keine Tasche bleibt unkontrolliert. Grund dafür sind einige Festivalbeiträge, die sich mit dem Konflikt im Nahen Osten beschäftigen.
Ansonsten war am Mittwoch abend für viele Fußball statt Film angesagt gewesen. Die Bars waren überfüllt, ganz Cannes fieberte mit - meist für Real.
Gestern Mittag haben die Filmfreunde an der Côte d'Azur den Blick dann in die Vergangenheit gerichtet: An der Croisette, der wunderschönen Uferpromenade, gab es eine Hommage an die besten Komponisten der Filmgeschichte zu hören. Der renommierte Musik-Journalist Stéphane Lerouge wählte die Scores aus, und viele der Geehrten zeigten sich gut gelaunt vor dem Hintergrund des azurblauen Meeres: Ennio Morricone, Jean-Claude Petit, Howard Shore, Randy Newman (den Oscar für "Die Monster AG" unter dem Arm), Antoine Duhamel und Angelo Badalamenti.
Die Stimmung in Cannes ist nicht nur wegen der Temperaturen nahe 30 Grad prächtig: Das Festival ist deutlich besser besucht als im Vorjahr.
Film der Woche: Der Kult geht weiter, die Alien-Jäger blitzdingsen wieder! Will Smith reist in die Sixties, um den jungen Agent Kay (Josh Brolin) zu retten.
Preview der Woche: Schöne Komödie mit "Hannah Montana" Miley Cyrus, die sich in ihren besten Freund verliebt.