Michael Fuith
David Rauchenberger
Christine Kain
Regie: Markus Schleinzer
Verleih: Fugu
Der 35-jährige Michael hält sich einen zehnjährigen Jungen als Sexsklaven im Keller seines Hauses. Das Kind isst mit ihm, schaut fern, Weihnachten gibt es ein Geschenk, und manchmal gehen sie gemeinsam in den Zoo. Für Außenstehende wirken sie wie Vater und Sohn, das Opfer scheint sich mit seiner Situation abgefunden zu haben. In der Versicherungsfirma macht der Päderast Karriere und schmeißt eine Runde, als er befördert wird. Dennoch steuert alles auf eine Katastrophe zu.

Beklemmendes österreichisches Drama über fünf Monate des Zusammenleben eines Päderasten mit einem gefangenen Zehnjährigen.
Es war wohl nur eine Frage der Zeit, dass im Land von Natascha Kampusch und Joseph Fritzl dieses gesellschaftlich akute Thema seinen Weg auf die Leinwand fand. Und doch ist man unangenehm berührt, wenn der Täter nicht als Monster, sondern als ganz normaler Angestellter dargestellt wird.
Der Titel gebende "Michael" arbeitet in der Versicherung, lädt seine Kollegen nach der Beförderung zum Umtrunk ein und geht mit ein paar Kumpels Ski fahren, nichts Auffälliges. Zu Hause hält er sich einen Zehnjährigen als Sexsklaven im Keller, spielt mit ihm Puzzle und lässt ihn auch mal fernsehen, geht sogar mit ihm wie Vater und Sohn in den Streichelzoo oder kauft seinem Opfer ein Weihnachtsgeschenk. Hinter der Maske es freundlichen Herrn lauert der Horror.
Michael Schleinzer wählt eine in den Medien unbekannte Personenkonstellation und macht einen "Täterfilm", nimmt nur die Perspektive des Täters ein und verzichtet auf einen moralischen Impetus in der Beschreibung der letzten fünf Monate des unfreiwilligen Zusammenlebens. Rituale der Normalität verdecken das Verbrechen. Die menschliche Tragödie vermeidet Emotionalität, da kullern keine Tränen in Großaufnahme, die Mitleid erwecken könnten, sondern die Bilder bleiben kühl und distanziert - trotz einem Hauch von Humor in manchen Szenen oder der Hinwendung zum Thriller, wenn Michael einen "Spielgefährten" für den Eingesperrten sucht.
Der sexuelle Missbrauch wird nur angedeutet, das wahre Grauen spielt sich im Kopf des Zuschauers ab. Schleinzer, der als Casting Director u.a. für Michael Hanekes "Die Klavierspielerin" und "Wolfszeit" tätig war und für das Kindercasting für "Das weiße Band" verantwortlich zeichnete, wo er die Kinder als Trainer betreute und Szenen mit ihnen erarbeitete, inszeniert mit großem Stilwillen und großer Genauigkeit. Der Einfluss Hanekes ist in seiner ganzen Unerbittlichkeit zu spüren. Michael Fuith verkörpert den Biedermann ohne jegliches Schuldgefühl perfekt, wie der junge David Rauchenberger die Rolle verarbeitet, möchte man lieber nicht wissen. "Michael" polarisiert. mk.
| Darsteller: | Michael Fuith | als Michael | |
|---|---|---|---|
| David Rauchenberger | als Wolfgang | ||
| Christine Kain | als Mutter | ||
| Ursula Strauss | als Schwester | ||
| Viktor Tremmel | als Schwager | ||
| Xaver Winkler | als Neffe | ||
| Thomas Pfalzmann | als Neffe | ||
| Gisela Salcher | als Christa | ||
| Isolde Wagner | als Bürokollegin 1 | ||
| Markus Hochholdinger | als Kollege Kantine | ||
| Susanne Rachler | als Bürokollegin 2 | ||
| David Oberkogler | als Mag. Ehrnsberger | ||
| Katrin Thurm | als Bürokollegin 3 | ||
| Martin Schwehla | als Bürokollege | ||
| Hanus Polak jr. | als Christbaumverkäufer | ||
| Barbara Willensdorfer | als Martina | ||
| Regie: | Markus Schleinzer | ||
| Drehbuch: | Markus Schleinzer | ||
| Produzent: | Nikolaus Geyrhalter | ||
| Markus Glaser | |||
| Michael Kitzberger | |||
| Wolfgang Widerhofer | |||
| Kamera: | Gerald Kerkletz | ||
| Schnitt: | Wolfgang Widerhofer | ||
| Produktionsdesign: | Katrin Huber | ||
| Gerhard Dohr | |||
| Kostüme: | Hanya Barakat | ||
| Maske: | Wiltrud Derschmidt | ||
| Ton: | Klaus Kellermann | ||
| Casting: | Carmen Loley | ||
| Martina Poel | |||
Auf dem Festival de Cannes, das am Mittwoch zum 64. Mal eröffnet wird, lässt sich alljährlich ein interessantes Schauspiel verfolgen. Frauen in schicken Abendroben und Männer in Smokings stehen mit sehnsüchtigen Augen vor dem Festivalpalais, in der Hand ein Pappschild mit der Aufschrift "Ich suche eine Einladung"…
Highlight an der Croisette: Woody Allens "Midnight in Paris", u.a. mit Frankreichs Superstar Marion Cotillard und Owen Wilson (Foto: Concorde)
Sie hoffen, irgendwie in die heiligen Festivalhallen zu kommen. Die Chancen sind nicht groß, werden die Premierenkarten doch nur an einen ausgesuchten Kreis an geladenen Gästen vergeben. Doch die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Darum werfen sich die Cinephilen und Schaulustigen vorsorglich schon mal in Schale, denn ohne festliche Garderobe wird man - mit oder ohne Einladung - nicht eingelassen.
Selbst lässige Typen wie den Hamburger Filmemacher Fatih Akin, der sonst im Kapuzenshirt anzutreffen ist, sieht man hier im Smoking. Berühmt sind die Geschichten von Premierengästen, die sich in letzter Sekunde eine Fliege besorgen mussten - vorsorglich kann man diese inzwischen sogar am Einlass erwerben.
Aber auch außerhalb der Absperrungen des roten Teppich lässt sich an der Croisette zumindest ein Blick erhaschen auf Stars und Sternchen. In diesem Jahr wird einiges an Starpower aufgefahren: Brad Pitt - und Angelina Jolie -, Johnny Depp, Owen Wilson, Jude Law, Uma Thurman, Sean Penn, Jurypräsident Robert De Niro und Woody Allen sind nur einige der klingenden Namen, die erwartet werden.
Europäische Grandezza entfaltet das Festival etwa dank Catherine Deneuve, Ludivine Sagnier, Penélope Cruz, Antonio Banderas - und natürlich Frankreichs First Lady Carla Bruni-Sarkozy. Sie hat einen Gastauftritt im Eröffnungsfilm, Woody Allens "Midnight in Paris", den der New Yorker in der französischen Hauptstadt gedreht hat, mit Owen Wilson, Rachel McAdams und Marion Cotillard. Zur Premiere wird also auch Staatspräsident Nicolas Sarkozy erwartet. Er wiederum wird im Verlauf des Festivals in dem Spielfilm "La Conquête" (Die Eroberung) porträtiert, der seinen Weg an die Macht nachzeichnet. Ein Streit um die Goldene Palme muss das Präsidentenpaar übrigens nicht ausfechten - beide Filme laufen außer Konkurrenz.
Palmenchancen haben in diesem Jahr dagegen viele berühmte Altmeister. Darunter der amerikanische Ausnahmefilmemacher Terrence Malick, der seinen lang erwarteten neuen Film "The Tree of Life" zeigt, eine poetische Geschichte über eine Familie in den Sechziger Jahren - mit Brad Pitt, Jessica Chastain und Sean Penn.
Der Palmengewinner von 2000, Lars von Trier, ist schon zum neunten Mal (!) in Cannes dabei, zuletzt sorgte er mit "Antichrist" für einen Skandal. Jetzt zeigt er "Melancholia", ein Sci-Fi-Drama mit Kirsten Dunst, "24"-Star Kiefer Sutherland und Charlotte Gainsbourg, in dem die Erde mit einem anderen Planeten zusammenzustoßen droht. "Ein wunderschöner Film über den Untergang der Welt" wie der dänische Filmemacher ankündigt.
Ein Wiedersehen gibt es auch mit dem Spanier Pedro Almodóvar, er gewann mit "Alles über meine Mutter" 1999 den Regiepreis und hat einen Großteil seiner Filme in Cannes gezeigt. Dieses Jahr geht er mit "Die Haut in der ich wohne" ins Palmenrennen, in dem Antonio Banderas einen Schönheitschirurgen spielt, der sich an dem Vergewaltiger seiner Tochter rächen will.
Der entspannte Finne Aki Kaurismäki kehrt mit dem französischsprachigen "Le Havre" zurück, in dem er auf gewohnt lakonische Art von einem Schuhputzer (André Wilms) in der titelgebenden französischen Hafenstadt erzählt, der sich um ein Einwandererkind kümmert.
Sean Penn spielt nicht nur im erwähnten "The Tree of Life" mit, sondern auch in "This Must Be The Place" mit, einem Film des italienischen Regisseurs Paolo Sorrentino, der vor drei Jahren mit der Polit-Satire "Il Divo" in Cannes ausgezeichnet wurde. Penn - der hier äußerlich auf den The Cure-Sänger Robert Smith getrimmt ist - spielt einen alternden Popstar, der sich auf die Suche nach dem Nazi-Peiniger macht, der seinen Vater einst quälte.
Italien ist noch mit einem zweiten Film am Start: Nanni Moretti (Goldene Palme 2001 für "Das Zimmer meines Sohnes") spielt in seinem in Italien bereits erfolgreich angelaufenen "Habemus Papam" einen Psychiater in wichtiger Mission: Er soll den angehenden Papst dazu bringen, sein Amt anzutreten - dieser er hat nach der Wahl kalte Füße bekommen.
Zurück an die Croisette kehrt auch eine spannende junge Regisseurin aus Schottland: Lynne Ramsay, die mit "Ratcatcher" oder "Morvern Callar" ungeschminkt von der britischen Jugend erzählte. In der Romanverfilmung "We Need to Talk About Kevin" geht es jetzt um einen Amoklauf an einer Schule. Tilda Swinton spielt die Mutter des jugendlichen Attentäters, die mit Trauer und Schuldbewusstsein kämpft. Die Musik des Films hat Jonny Greenwood von Radiohead beigetragen.
Lynne Ramsay ist eine von nicht weniger als vier Regisseurinnen im Wettbewerb - eine beeindruckende Zahl im männerdominierten Cannes. Im letzten Jahr etwa war etwa kein einziger Film einer Frau im Palmen-Rennen. Diesmal treten neben Ramsey die Japanerin Naomi Kawase, die Französin Maiwenn und die Australierin Julia Leigh an. Letztere hat mit "Sleeping Beauty" einen erotischen Thriller mit Emily Browning ("Sucker Punch") gedreht, dessen Trailer sehr viel versprechend ist.
Neben "Sleeping Beauty" ist mit "Michael" ein zweiter Erstlingsfilm im Rennen. Er kommt von dem Österreicher Markus Schleinzer, der sich bislang als Casting-Direktor einen Namen gemacht hat. Im fürs zeitgenössische Wiener Autorenkino typischen reduzierten Stil erzählt Schleinzer eine Art Natascha-Kampusch-Geschichte: Ein Zehnjähriger lebt unfreiwillig mit einem erwachsenen Mann zusammen.
In diesem Jahr dominiert ganz klar der europäische Autorenfilm im Wettbewerb. Während Lateinamerika gar nicht, und Asien nur schwach vertreten sind, ist auch der US-Film vergleichsweise schwach repräsentiert. Im Actionfilm "Driver" spielt Indie-Darling Ryan Gosling einen Stuntman, der sich nachts als Raubüberfall-Fahrer verdingt. Außer Konkurrenz wird "Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten" - mit Johnny Depp und Penélope Cruz sowie "Der Biber" von und mit Jodie Foster und Mel Gibson gezeigt.
Erstmals ist ein 3D-Film im Wettbewerb dabei: Der japanische Horrorexperte Takashi Miike stellt "Hara-kiri" vor, ein Remake von Masaki Kobayashis klassischen Samurai-Film aus dem Jahre 1962.
Neben dem offiziellen Wettbewerb bietet das Festival noch drei ebenfalls spannende Nebenreihen, in denen neben Gus Van Sant oder Kim Ki-duk auch der deutsche Filmemacher Andreas Dresen mit "Halt auf freier Strecke" dabei ist. Eins steht schon vor Festivalstart fest: Langeweile wird nicht aufkommen bei dieser thematischen und formalen Vielfalt des 64. Festival de Cannes.
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