Originaltitel: Secrets and Lies
Frankreich/Großbritannien 1996
Timothy Spall
Brenda Blethyn
Phyllis Logan
Regie: Mike Leigh
Verleih: Pandora
Nach dem Tod ihrer Adoptiveltern macht sich Hortense, eine erfolgreiche schwarze Optikerin, auf die Suche nach ihrer leiblichen Mutter. Sie findet sie in Cynthia, einer verbitterten weißen Arbeiterin, die zuerst abweisend, dann aber mit wachsendem Stolz und Mutterliebe auf Hortense reagiert. Bei einer Geburtstagsfeier erfährt Cynthias Familie durch diese und andere Wahrheiten einen heilsamen Schock.

Von Anfang an einer der Favoriten bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes, ist Mike Leighs bittersüß-komisches Drama "Secrets and Lies" ein würdiger Gewinner der Goldenen Palme. Behutsam, mitfühlend und bisweilen rasend komisch erzählt der Brite die Geschichte einer englischen Familie, deren Mitglieder sich mit den Jahren entfremdet haben und, eingekapselt in ihre Gespinste aus Ängsten und Selbsttäuschungen, aneinander vorbeileben.
Ausführlich und scheinbar nur lose oder gar nicht miteinander verbunden werden die Figuren zunächst vorgestellt: Da ist Maurice (Timothy Spall), der es als Porträt-Fotograf zu bescheidenem und von seiner Frau gern zur Schau getragenen Wohlstand gebracht hat, während seine vereinsamte Schwester Cynthia (Brenda Blethyn) als Fabrikarbeiterin ihre Lebensjahre verfließen sieht. Cynthia klammert sich stark an ihre uneheliche Tochter Roxanne (Claire Rushbrook), die in ihrer dumpfen Furcht, so zu werden wie ihre Mutter, jede Gelegenheit nutzt, dem Haus zu entfliehen. Der Windstoß, der diese Menschen schließlich durcheinanderwirbelt, damit sie zusammenfinden, kommt in Gestalt der schwarzen Optikerin Hortense (Marianne Jean-Baptiste), die gerade ihre Adoptiveltern verloren hat und sich nun auf die Suche nach ihrer leiblichen Mutter macht: Cynthia, die Hortenses Geburt so geheimhielt, daß sie sie schon selbst fast vergessen hatte. Das erste Treffen der beiden - der eleganten schwarzen Akademikerin Hortense und der grellmütterlichen weißen Arbeiterin Cynthia - ist sicherlich einer der Höhepunkte des Films, zugleich schreiend komisch und herzzrereißend traurig, und Mike Leigh läßt danach keinen Zweifel mehr an seinem Ziel, die Charaktere über alle familiären, rassischen und sozialen Unterschiede hinweg zueinander zu führen. Bei Roxannes Geburtstagsparty sitzen alle an einem Tisch, und die jahrelang angestauten Spannungen entladen sich in einem reinigenden Gewitter. Maurice' verzweifelt vorgetragene Rede, es seien "all die Geheimnisse und Lügen", die es ihnen unmöglich machten, einander zu lieben, ist eine für Mike Leigh ungewöhnlich deutlich formulierte Botschaft, nach der der Film mit spürbarer Erleichterung Hoffnungen auf einen Neuanfang aufzeigt.
Mit diesen letzten Szenen gibt sich Leigh ungleich versöhnlicher als noch mit seiner vorangegangenen, zynischen Großstadt-Apokalypse "Naked". Wie überhaupt "Secrets and Lies" den im Grunde eher wenig charmanten Realismus des britischen Arbeiter- und Vorstadtmilieus zwar ungeschönt widerspiegelt, es aber trotz aller, bisweilen äußerst schwarzhumorigen, satirischen Blicke aus dem Augenwinkel schafft, die Menschen stets mit Wärme und tiefem Verständnis zu betrachten. So ist Leighs Film britisches Kino in seiner schönsten Form: Ein wunderbares Ensemble von Schauspielern (Brenda Blethyn wurde für ihre Darstellung der, von jedem guten Geschmack erfrischend freien, Schlampe Cynthia in Cannes zudem mit dem Preis als beste Schauspielerin ausgezeichnet) fängt für zweieinhalb Stunden das Leben ein, in seiner ganzen bunten, traurig-komischen, häßlich-schönen Vielfalt. Daß sich der Regisseur dabei viel Zeit nimmt, mag höchstens ganz ungeduldige Zuschauer irritieren. evo.
| Darsteller: | Timothy Spall | ||
|---|---|---|---|
| Brenda Blethyn | |||
| Phyllis Logan | |||
| Marianne Jean-Baptiste | |||
| Claire Rushbrook | |||
| Ron Cook | |||
| Lesley Manville | |||
| Elizabeth Berrington | |||
| Michele Austin | |||
| Lee Ross | |||
| Emma Amos | |||
| Hannah Davis | |||
| Peter Wight | |||
| Gary McDonald | |||
| Alison Steadman | |||
| Liz Smith | |||
| Sheila Kelley | |||
| Philip Davis | |||
| Ruth Sheen | |||
| Mia Soteriou | |||
| Regie: | Mike Leigh | ||
| Drehbuch: | Mike Leigh | ||
| Produzent: | Simon Channing Williams | ||
| Kamera: | Dick Pope | ||
| Schnitt: | Jon Gregory | ||
| Musik: | Andrew Dickson | ||
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