Annina, aufgewachsen im Ruhrgebiet, soll in ihrer Wahlheimat London die Frau eines echten Lords, William Huxley III., werden. Zuvor muss sie sich jedoch um eine kleine Formalität in der Heimat bemühen, denn Annina ist eigentlich noch mit ihrer Jugendliebe Tom verheiratet. Nachdem die Scheidung auf den Weg gebracht ist, stellt sich heraus, dass beide Eheleute noch nicht wirklich mit ihrer Beziehung abgeschlossen haben.

Ruhrgebiets-Komödien sind selten geworden im deutschen Fernsehen und Kino, weshalb die insgesamt zwei Filme umfassende Erzählung von Regisseur und Autor Michael Keusch durchaus ihren Reiz hat. Zum einen, weil sie pünktlich zum Jahr 2010 ausgestrahlt wird, in dem die Region als europäische Kulturhauptstadt fungiert, zum anderen, weil die Personenkonstellation zu einem recht originellen "Clash of Cultures" zwischen ruhrgebietlerischer Bodenständigkeit und englischem Adel führt.
Allerdings wirft die erste halbe Stunde von "London, Liebe, Taubenschlag" vor allem die Frage auf, warum ein eigentlich Ruhrgebiets-kundiger Filmemacher wie der in Bochum aufgewachsene Keusch derart tief in die Klischee-Kiste greifen muss. Zentraler Schauplatz der Handlung ist der kleine Heimatort der Hauptfigur Annina (gespielt von Tanja Wedhorn), in den diese zurückkehren muss, um sich vor einer geplanten Hochzeit in London von ihrem ersten Ehemann scheiden zu lassen. Das Ruhrgebiet im Film erscheint jedoch wie ein Relikt aus den 1960er Jahren. Anninas Eltern betreiben ein Kurzwarengeschäft, das es in dieser Form heute wohl kaum noch zu finden gibt. Zum Essen treffen sich die Einheimischen am Imbiss-Stand von "Kalle", der das Gewürz zur berühmten Wurst als "Körry" schreibt, und das einzige Hotel im Ort heißt natürlich "Rote Erde"...
Zum Glück verlässt "London, Liebe, Taubenschlag" diese flache Ebene frühzeitig. Keusch lässt seinem gut ausgewählten und mit zahlreichen echten Ruhrgebietlern bestückten Darstellerensemble mit fortschreitender Erzähldauer den Raum, sich zu entfalten. So avancieren vor allem Anninas Eltern (Johanna Gastdorf und Jochen Nickel), die zunächst eher wie Karikaturen anmuten, zu starken Figuren, die mitunter nachdenkliche Momente, aber vor allem viel Humor in die Geschehnisse einbringen. Für letzteren sorgt auch der launig aufspielende Christian Kahrmann als befreundeter Anwalt von Annina und ihrem Noch-Ehemann Tom (Marco Girnth), auch wenn sein ausgeprägter Tegtmeier-Gedächtnis-Dialekt zum Teil etwas überzogen wirkt.
Die stärksten humoristischen Momente hat Keuschs Film vor allem dann, wenn es um eines der großen Ruhrgebiets-Themen geht: den Fußball. So mündet das erste Zusammentreffen von Anninas Vater Dieter mit seinem englischen Schwiegersohn in spe, Lord William Huxley III. (Stephan Luca), in das gemeinsame Spiel einer Computer-Simulation des legendären WM-Endspiels von 1966. Allerdings offenbart sich auf fußballerischem Terrain auch ein aus Fan-Sicht nahezu unverzeihlicher Lapsus des Filmemachers: Obwohl die Handlung des Films eindeutig in Bochum angesiedelt ist, begeistert sich Dieter, dessen Brieftauben allesamt die Namen berühmter Kicker tragen, nicht etwa für den dort beheimateten VfL, sondern für den FC Schalke 04... jl.
| Darsteller: | Tanja Wedhorn | als Annina Kasperavijchek | |
|---|---|---|---|
| Marco Girnth | als Tom Gerland | ||
| Johanna Gastdorf | als Marion Kasperavijchek | ||
| Stephan Luca | als Lord William Huxley III. | ||
| Jochen Nickel | als Dieter Kasperavijchek | ||
| Christian Kahrmann | als Rüdiger Szymaniak | ||
| Adele Neuhauser | als Margarete von Raustein Huxley | ||
| Linda Pöppel | als Gabi | ||
| Uwe Fellensiek | als Taubendidi | ||
| Ingo Naujoks | als Taubenjojo | ||
| Hansa Czypionka | als Horst | ||
| Regie: | Michael Keusch | ||
| Drehbuch: | Michael Keusch | ||
| Produzent: | Sam Davis | ||
| Kamera: | Stefan Spreer | ||
| Schnitt: | Julia Prokasky | ||
| Musik: | Stephen Keusch | ||
| Produktionsdesign: | Karin Bierbaum | ||
| Kostüme: | Katja Pothmann | ||
| Ton: | Henk Trede | ||
| Casting: | Iris Baumüller-Michel | ||
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