"Eigentlich habe ich sie nie gemocht." "Aber geliebt hast du sie doch": ein Dialog, der die ganze emotionale Bandbreite dieses Films zusammenfasst. Es geht um Lebenslügen, Familienbande und die Hassliebe unter Geschwistern. In der Regel sind es immer wieder dieselben beiden Katalysatoren, die die verschütteten Gefühle zum Vorschein bringen: Familienfeste und tödliche Krankheiten. In dieser Geschichte von Hannah Hollinger, der Lieblingsautorin des renommierten Regisseurs Matti Geschonneck, ist es letzteres: Judith (Anja Kling) hat Krebs. Aufgrund einer falschen Diagnose ist es nun zu spät: Ihre Tage sind gezählt. Sie flüchtet zu ihrer Schwester Lea (Maja Maranow) nach Hamburg. Nach dem Ende der Kindheit haben sich die beiden aus den Augen verloren. Lea litt ohnehin immer darunter, dass alle Welt auf die hübsche blonde Judith schaute und sie, die ältere, übersah. Deshalb lässt sie heute Gefühle nicht mehr an sich ran, was in ihrem Beruf allerdings von enormen Vorteil ist: Als Anwältin zeichnet sie sich dadurch aus, ihre Kaltschnäuzigkeit mit Einfühlungsvermögen zu kaschieren.
Dankenswerterweise belässt es Hollinger nicht beim Krebsthema, im Gegenteil. Immer wieder verzahnt sie die Ebene der Geschwister mit Leas neuem Fall: Bei einer Explosion in einer Chemiefabrik sind mehrere Mitarbeiter gestorben. Lea soll dafür sorgen, dass die Hinterbliebenen keine große Sache aus dem Unfall machen und sich ihr Schweigen mit einer großzügigen Abfindung bezahlen lassen. Als nicht alle mitspielen, weiß Leas Kollege Klaus (Jan-Gregor Kemp) andere Wege, um sie mundtot zu machen. Doch Lea findet heraus, dass es die Firma mit den Sicherheitsvorschriften nicht so genau nahm. Noch vor kurzem hätte selbst dies nicht zu einem Gewissenskonflikt geführt; angesichts ihrer sterbenden Schwester aber bricht etwas in Lea auf.
Geschonneck inszeniert das scheinbare Rührstück überraschend sachlich. Ohnehin betrachtet er "Liebe Schwester" nicht als Krebs-Film, sondern als "Film über seelische Altlasten". Die berufliche Ebene ist der Gradmesser dafür, wie sehr sich Lea ändert. Natürlich funktioniert das nur mit Schauspielerinnen, die diese Gratwanderung der Gefühle auch souverän beherrschen; ansonsten liefe die Geschichte ständig Gefahr, in Kitsch oder Pathos zu versinken. Ergänzt werden die beiden Hauptfiguren durch Manns-Bilder, die nicht minder gegensätzlich sind: hier der hilflose Gatte Judiths (Heinrich Schmieder), dort Leas vermeintlich skrupelloser Kollege Klaus, dem seine unglückliche Liebe zu ihr zunehmend die Kraft raubt. Keine einfache Geschichte; kein einfacher Film. tpg.
| Darsteller: | Maja Maranow | als Lea Spielhagen | |
|---|---|---|---|
| Anja Kling | als Judith Wlassek | ||
| Heinrich Schmieder | als Martin Wlassek | ||
| Jan-Gregor Kremp | als Klaus Stanwick | ||
| Heinz-Gerhard Lück | als Herr Spielhagen | ||
| Gudrun Ritter | als Frau Spielhagen | ||
| Eleonore Weisgerber | als Frau Dr. Heine | ||
| Fiona Coors | als Clara Farbmann | ||
| Hans-Jörg Assmann | als Dr. Jung | ||
| Ulrich Cyran | als Dr. Köbel | ||
| Konrad Domann | als Dr. Niemeier | ||
| Cornelia Schmaus | als Frau Reinhardt | ||
| Peter Kurth | als Oliver Karst | ||
| Regie: | Matti Geschonneck | ||
| Drehbuch: | Hannah Hollinger | ||
| Produzent: | Reinhold Elschot | ||
| Kamera: | Wedigo von Schultzendorff | ||
| Schnitt: | Inge Behrens | ||
| Musik: | Mario Lauer | ||
| Produktionsdesign: | Frank Geuer | ||
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