Wenn ein Roman und sein Regisseur sich je gesucht und gefunden haben, dann sind das vermutlich Jean Gionos "Les âmes fortes" und Raúl Ruiz. Der französische Naturbursche und der chilenische Bohemien teilen eine Leidenschaft für epische Breite, ein Schwelgen in Landschaften und urwüchsigen Gefühlswelten. Von all dem bietet Ruiz' Verfilmung von "Die starken Seelen" genug: In den Augen der Frauen lauern unergründete Geheimnisse, das Schicksal schlägt wild um sich, und die Jahreszeiten kommen über die Hügel der Provence wie feindliche Armeen. Supermodel Laetitia Casta als rücksichtslos zur Sonnenseite des Lebens drängende Magd zeigt echtes Talent, und auch wenn das Rascheln der Kostüme - wir schreiben das Jahr 1882 - gelegentlich arg nach dem Blättern in der Literaturvorlage klingt, ist Ruiz hier doch ein kraftvolles Drama gelungen.
Der Provenzale Giono schrieb "Les âmes fortes" Anfang 1949 als Teil einer Reihe von, wie er sie nannte, "novellistischen Chroniken", zu denen auch sein 1995 verfilmter Roman "Der Husar auf dem Dach" gehört. In Frankreich als "Blut- und Bodendichter" (ohne den Ruch des Nationalismus) verehrt, untersuchte der 1970 verstorbene Dichter immer wieder aufs Neue die Verwurzelung der Menschen mit der Erde der Provence, aus der auch nach den furchtbarsten Tragödien Heilkraft zu ziehen war. Die einfachen Leute wie Bauern, Schäfer und Jäger - unbändig in der Jugend, verwittert und voll Weisheit im Alter - waren seine Helden. So ein wildes Kind des Landes ist auch Thérèse (Casta), die als Magd auf einem ärmlichen Gut arbeitet und mit dem gutmütigen Holzkopf Firmin (Frederic Diefenthal) dem Frondienst entflieht, um in einem kleinen Städtchen ihr Glück zu finden. Firmin dient ihr vor allem als Trittbrett auf dem Weg zu einem besseren Leben, doch die Standeszwänge erlauben ihr keine andere Arbeit als die einer Dienstmagd. Magisch angezogen von der großzügigen Adelsfrau Madame Numance (Arielle Dombasle) und deren Mann, einem weltfremden Schöngeist (John Malkovich), schleicht sich Thérèse in deren Vertrauen. Madame Numance nimmt sie zu sich, irritierenderweise lässt Ruiz jedoch offen, ob die Freundschaft zwischen den Frauen kaltes Kalkül, homoerotisches Tabu oder die Freundschaft zweier verwandter Seelen ist. Ein unbedachtes Geschäft Firmins, der von Thérèse nicht lassen will, reißt das Ehepaar Numance schließlich in den Ruin, dem sie mit großer Gelassenheit entgegen- und aus dem Film gehen. Weil die ganze Geschichte als Erinnerung in einer stürmischen Kriegsnacht von der 85-jährigen Thérèse erzählt wird, weiß man, dass sie das folgende Geschehen unbeschadet überstehen wird: Wieder und wieder entwindet sich das junge Mädchen dem Schicksal der Verarmung und wirft sich den Männern in die Arme, die ihr dabei helfen sollen. Der Mord an Firmin schließlich ist - scheinbar - das letzte, was sie noch tun muss, um endgültig frei zu sein. Spätestens hier verliert die Geschichte aber auch an Wucht, denn letztlich geht es in "Les âmes fortes" nicht um die Beziehungen von Menschen, sondern um das Überleben der ambivalenten Heldin, die allerdings selten ernsthaft gefährdet wirkt. Ruiz inszeniert Laetitia Casta deutlich sympathischer als die Romanfigur und versäumt damit gleichzeitig, dem Film ein schärferes Profil zu geben: Thérèse bleibt in vielem zu naiv, um ihr die kühle Ränkeschmiedin abzukaufen, und gerade Firmin gegenüber zu passiv, als dass der Mord an ihm (als späte Rache für Madame Numance?) ausreichend motiviert wäre. Wo Giono das Idyll der Provence gern als "dunkles Land" voll düsterer Gestalten konterkarierte, verfällt Ruiz in seinen ausschweifenden Cinemascope-Bildern allzuoft der wilden Schönheit dieses Landstrichs. Natürlich ist es Unsinn, einem so verspielten Filmemacher wie ihm ausgerechnet malerische Bilder vorzuwerfen. Doch hätte Ruiz den Blick von der Weite der Hügel etwas öfter in die Tiefe seiner "starken Seelen" geworfen, er hätte nicht nur einen schönen, sondern einen großartigen Film machen können. evo.
| Darsteller: | Laetitia Casta | als Thérèse | |
|---|---|---|---|
| Frédéric Diefenthal | als Firmin | ||
| Arielle Dombasle | als Madame Numance | ||
| John Malkovich | als Monsieur Numance | ||
| Charles Berling | als Reveillard | ||
| Johan Leysen | als Rampal | ||
| Christian Vadim | |||
| Carlos Lopez | |||
| Monique Melinand | als Therese (alt) | ||
| Edith Scob | |||
| Jacqueline Staup | |||
| Regie: | Raoul Ruiz | ||
| Drehbuch: | Alexandre Astruc | ||
| Mitchell Hooper | |||
| Alain Majani d'Inguimbert | |||
| Eric Neuhoff | |||
| Produzent: | Alain Majani d'Inguimbert | ||
| Dimitri De Clercq | |||
| Marc de Lassus | |||
| Koproduzent: | Jacques De Clercq | ||
| Buchvorlage: | Jean Giono | ||
| Kamera: | Eric Gautier | ||
| Schnitt: | Valeria Sarmiento | ||
| Musik: | Jorge Arriagada | ||
| Produktionsdesign: | Bruno Beaugé | ||
| Kostüme: | Marielle Robaut | ||
| Ton: | Christian Monheim | ||
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