Originaltitel: Capitalism: A Love Story
USA 2009
Regie: Michael Moore
Verleih: Concorde
20 Jahre sind vergangen, seitdem Michael Moore mit "Roger & Me", seine satirische Doku über die Folgen des Niedergangs der Automobilindustrie für ganze Landstriche, sein aufsehenerregendes Filmdebüt gab. Im Jahr eins nach dem großen Crash greift er sein damaliges Thema wieder auf. Nur geht es jetzt nicht mehr nur um die Automobilindustrie und nicht mehr nur um Flint, Michigan: Während tausende von Amerikanern ihre Jobs verlieren und die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird, geht er mit der gewohnten Mischung aus Wut und Schlitzohrigkeit einer Frage nach: Welchen Preis ist Amerika bereit, für seine Liebe für den Kapitalismus zu bezahlen?

Michael Moore klärt wieder auf und prangert an - und das in seiner ihm typischen unterhaltsamen Weise. Nach der Waffenindustrie ("Bowling for Columbine"), der Politik gegen den Terror ("Fahrenheit 9/11") und dem Gesundheitssystem ("Sicko") geht der umtriebige Regisseur nun der Bankenkrise auf den Grund.
Die Fakten und Hintergründe, die Moore zur globalen Finanzkrise präsentiert, mögen nicht neu sein, auch neuerste Entwicklungen sind noch nicht verarbeitet. Aber der Filmemacher versteht es auf seine unnachahmliche Weise, das komplexe Thema zu einem für jedermann verständlichen, emotional ansprechenden und oft auch witzigen Einblick herunterzu brechen. Natürlich wird nur eine Meinung dazu transportiert und das vielleicht auch mit dem Holzhammer, eben "Capitalism according to Mr. Moore", aber das so witzig und unterhaltsam, wie es Agitprop selten ist. In seiner Art, zu klotzen statt zu kleckern, eröffnet Moore sein Pamphlet gegen den Kapitalismus mit Szenen aus dem Römischen Reich, das vom Untergang bedroht ist. Einen Lacher fordert er ein mit einem Video, in dem Katzen die Klospülung drücken, mit dem Kommentar, dass so etwas doch nicht etwa von den Menschen als Errungenschaft in Erinnerung bleiben sollte. Später wird das Wirtschaftssystem von den von ihm befragten Kirchenmännern als nichts weniger als eine Sünde bezeichnet. Und eine Abgeordnete des Senats erklärt die Art und Weise, wie es zur Vergabe von staatlichen Hilfen in Milliardenhöhe an die Investmenthäuser kam, die mit ihren Produkten letztendlich die Krise auslösten, als Coup d'Etat. Als besonders drastisches Beispiel für die Ungeheuerlichkeit des Systems führt Moore auf, dass selbst mit dem Tod von Mitarbeitern spekuliert würde. Spätestens dann hat Moore selbst die im Publikum auf seiner Seite, die anfangs noch zurückhaltend reagiert haben auf die von Moore interviewte Familie, die mit Tränen in den Augen berichtet, wie sie ihr Haus verloren hat.
Einen erschöpfenden Einblick darf man sich allerdings nicht erwarten. Als Moore etwa einen Finanzexperten um eine Erklärung für Derivate bittet, lässt er ihn des Effekts willen mehrfach stottern. Und auch eine Alternative zum verhassten Kapitalismus kann Moore nicht aufführen. Doch seine Weltverbesserer-Überzeugung, die er seit 20 Jahren mit seinen Filmen kultiviert, in denen er hartnäckig seinen Finger auf die Übel der Gesellschaft richtet, nimmt man ihm immer noch ab. Er glaubt daran, dass Menschen sich ändern können, eine Revolution selbst herbeiführen können. So zeigt er auch eine von Community und Medien unterstützte, erfolgreiche Hausbesetzung und eine Firma, in der jeder Mitarbeiter Anteile hat und das gleiche verdient. Mag die Machart seiner Filme mittlerweile bekannt sein und nicht mehr so originell wie in seinen Anfangszeiten wirken, erfrischenden Witz und Frechheit beweist er in diversen Szenen allemal, unbedingt vor allem in den letzten, in denen er die Gebäude der großen Investmenthäuser in Manhattan mit gelbem Crime-Scene-Band umwickelt. Und auch sein Gespür für die perfekte, natürlich auch bekannte Musikuntermalung und die passenden und starken Archivaufnahmen hat er sich erhalten. Lustige Werbeclips ebenso wie Roosevelts ernste Rede zu den nicht mehr umgesetzten zusätzlichen Rechten auf Bildung und einen adäquaten Arbeitsplatz finden ihren Platz. Und sein Debüt "Roger & Me" eine adäquate Fortsetzung. hai.
| Darsteller: | Michael Moore | ||
|---|---|---|---|
| Regie: | Michael Moore | ||
| Drehbuch: | Michael Moore | ||
| Produzent: | Michael Moore | ||
| Anne Moore | |||
| Ausf. Produzent: | Bob Weinstein | ||
| Harvey Weinstein | |||
| Kathleen Glynn | |||
| Kamera: | Daniel Marracino | ||
| Jayme Roy | |||
| Schnitt: | Jessica Brunetto | ||
| Alex Meillier | |||
| Tanya Meillier | |||
| Conor O'Neill | |||
| Pablo Proenza | |||
| Musik: | Jeff Gibbs | ||
Mit "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" knöpft sich Michael Moore diesmal die Bankenkrise vor und präsentiert Fakten und Hintergründe in bewährter Weise unterhaltend, polemisch und ganz und gar politisch unkorrekt.
Michael Moore, kein Freund leiser Töne, erklärt in "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" die Wall Street zur Crime Scene. (Foto: Concorde)
Ist Ihr Film ein Abgesang auf den "American Dream"?
MICHAEL MOORE: Der Begriff "American Dream" hat für mich mit Demokratie, Gerechtigkeit und Freiheit zu tun. Damit sieht es aber finster aus, wenn die Wirtschaft das Leben des Einzelnen bestimmt. Demokratie kann sich nicht darin erschöpfen, alle paar Jahre mal ein Kreuz in der Wahlkabine zu machen. Ich erzähle in "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" von Menschen, deren Existenz durch raffgierige Banker ruiniert und das Dach über den Kopf weggenommen wurde, die jeden Tag schuften und jetzt vor dem Nichts stehen.
Empfinden Sie sich als Rufer in der Wüste?
Überhaupt nicht. Ich mache Filme für ein großes Publikum, das sich am Freitagabend amüsieren will. Wenn ich dieses Ziel nicht erreiche, sollte ich einen Bürojob annehmen oder eine politische Organisation gründen. Wer ins Kino geht, muss die Wohnung verlassen, ein teures Ticket kaufen und womöglich einen Babysitter bestellen. Da habe ich die verdammte Pflicht, ihn zu überraschen und zu unterhalten - und zwar nicht ein elitäres Häuflein, sondern den Durchschnittsamerikaner. Die Zuschauer sollen lachen, weinen und nachdenken. Ich spreche ihnen aus dem Herzen. Da sind viele, die ein gelbes "Crime-Scene"-Band um die Wall Street ziehen und ein paar Banker ins Gefängnis bringen möchten.
Können Sie noch so unbehelligt wie am Anfang Ihrer Karriere arbeiten?
Es ist nicht mehr so leicht, an die "Täter" heranzukommen, bei meinem Ruf fallen aus Vorsicht schnell die Schotten.
Und die Freiheit in punkto Produktion?
Mir redet keiner in die Entscheidungen hinein. Die Studios oder Produzenten lassen mich in Ruhe, weil ich inzwischen ein Massenpublikum anspreche.
Kommt Ihr Film nicht zu spät? In der Wirtschaft geht es wieder aufwärts.
Im Moment befinden wir uns im Auge des Hurrikans. Das Schwierigste ist aber noch nicht vorbei. Es fehlt an Jobs, Hausverkäufe und Kreditkartenkrise gehen weiter. Als ich 2008 mit den Dreharbeiten begann, war noch alles in Butter, aber ich habe das Elend kommen sehen. "Glücklicherweise" in einem traurigen Sinn hat der Film nichts an Aktualität verloren.
Woher nehmen Sie trotz der Probleme Ihren Humor?Meine irischen Vorfahren flüchteten aus Wut über die sozialen Bedingungen in Humor, politisch übrigens eine starke Waffe. Filmgrößen wie Charlie Chaplin oder die Marx Brothers haben ihn gezielt eingesetzt. Linke Filmemacher mokieren sich über Humor, halten ihn für nicht seriös und intellektualisieren Probleme. Die Quittung: Das Publikum verweigert sich.
Eine Reihe von Filmen wirft Ihnen Manipulation vor.
Davon fühle ich mich nicht diskreditiert. Mein Erfolg an der Kinokasse ist einigen ein Dorn im Auge. Inzwischen gibt es zwölf Filme über und gegen mich. Vielleicht sollte ich mal, ein "Ich hasse Michael Moore"-Festival auf die Beine stellen.
Ihr Film könnte auch "Obama: Eine Liebesgeschichte" heißen, Sie sind voll des Lobes für den neuen Präsidenten.
Obama ist meine große Hoffnung. Er hat eine katastrophale Situation geerbt und braucht unsere Unterstützung. Als ich in Michigan für ihn gestimmt habe, musste ich heulen, konnte es nicht fassen. Unter Präsident Roosevelt nahm die Kultur einen sensationellen Aufschwung mit Ikonen wie Romanautor John Steinbeck oder legendären Regisseuren wie Frank Capra jr. und John Ford. So etwas könnte auch unter Obama passieren. Das Filmbusiness und Hollywood galten unter Bush ja nicht gerade als Widerstandsnest. Bis auf ein paar Ausnahmen wie Sean Penn oder Spike Lee hielten alle brav den Mund. Das Land braucht neuen Mut.
Und einen Spielfilm von Michael Moore?
Ich habe jedenfalls vor, mich auf neues Terrain zu begeben und einen Spielfilm zu drehen.
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