Originaltitel: Jakob the Liar
USA 1999
Robin Williams
Alan Arkin
Bob Balaban
Regie: Peter Kassovitz
Verleih: Columbia Tristar
Nazis stecken den jüdischen Kaffeehausbesitzer Jakob ins Ghetto, wo er zufällig Teile der Radionachrichten mithört, als er zum Kommandanten zitiert wird. Er kehrt zu seinen Leidensgenossen zurück und schürt ihre Hoffnungen, als er erzählt, er habe gehört, die Russen seien auf dem Vormarsch. Danach wird Jakob immer wieder um Nachrichten gebeten, während die Nazis nach dem vermeintlichen Besitzer des geheimen Radios fahnden.

Die Neuverfilmung von Jurek Beckers vor dreißig Jahren noch in Ostberlin erschienenem ersten Roman ist als Star-Vehikel für Robin Williams konzipiert. So bekommt der Relismus der Geschichte aus einem polnischen Ghetto im Jahre 1944 von vornherein ein Hollywood-Flair, das dem Thema den wirklich verstörenden Schrecken schuldig bleibt. Obwohl der Regisseur Peter Kassowitz, in Paris lebender ungarischer Jude, den Nazi-Terror als Kind in Budapest selbst erfahren hat und obwohl der Film, bei dem Williams ebenfalls Ausführender Produzent ist, in Polen und Ungarn sozusagen vor Ort gedreht worden ist.
Vom Leben in einer hoffnungslosen Zeit handelt "Jakob der Lügner" und von der Notwendigkeit der Hoffnung, die unter bestimmten Bedingungen wichtiger werden kann als eine warme Suppe. Jakob (Williams) war Kaffeehausbesitzer vor dem Einmarsch der Deutschen in Polen. Jetzt ist er mit all den anderen Juden, die bisher noch vom Transport in die Gaskammer verschont geblieben sind, Bewohner des Ghettos in einem strikt durch die Gestapo geregelten Alltag. Hab und Gut wurden konfisziert, so daß den Menschen nur das nackte Überleben blieb, die von Tag zu Tag wachsende Perspektivlosigkeit. Niemand kann lange ohne Hoffnung leben. Und so hört Jakob eines Abends, als er sich wegen angeblicher Überschreitung der Sperrstunde in der Kommandantur melden soll, im Radio dort ein paar Nachrichtenfetzen, aus denen hervorgeht, daß die rote Armee nicht mehr weit ist. Äußerst fragwürdig ist allerdings, daß Jazzmusik aus dem Volksempfänger dröhnt, denn die stand unter den Nazis genauso auf dem Index wie die entartete Kunst. Sehr viel genauer verläuft diese Szene in der ersten Verfilmung von "Jakob der Lügner", in der Regie von Frank Beyer 1974 von der DEFA produziert und seinerzeit mit einer Oscar-Nominierung geadelt. Da ertönt klassische Musik aus dem Sender, die die folgende Propagandameldung vom erfolgreichen Angriff der deutschen Wehrmacht verbrämen soll, aber Jakob den wahren Sachverhalt der vorgerückten Russen natürlich klar erkennen läßt. Jakob hat Glück, der Gestapomann läßt ihn ungestraft ziehen. Um von den anderen Ghettobewohnern nicht als Spitzel der Gestapo angesehen zu werden, greift Jakob zu einer Lüge. Denn er will ihnen Hoffnung machen, schließlich könnte der Vormarsch der Russen das Ende der Ghettoleiden bedeuten. Er erzählt, er habe ein Radio versteckt - und bringt mit seinen auf immer wieder erneute Anfragen erfundenen "Nachrichten" eine Welle von Lebensmut in die Gemeinschaft, in der plötzlich die Selbstmordrate merklich sinkt. Natürlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch die Deutschen von dem geheimnisvollen Radio hören und ihre Jagd auf den Widerständler beginnt. Werden die sowjetischen Befreier schneller sein? Wird Jakob die Wahrheit sagen und so seinen Freunden die Hoffnung nehmen, die ihnen die Lüge gibt?
Es ist offensichtlich, daß diese Verfilmung, für die Kassovitz 1990 die Rechte von Jurek Becker erwarb, nun im Zuge von Benignis "Das Leben ist schön" und in gewissem Sinne auch "Schindlers Liste" in die Kinos kommt. 1997 gedreht, als Benignis Film in Italien bereits Triumphe feiert, gelingt Kassovitz trotz großartiger Besetzung auch in der Nebenrollen mit Alan Arkin, Bob Balaban, Armin Mueller-Stahl (er war schon in Beyers Film in einer anderen kleinen Rolle dabei) nicht der wahre Jakob. Robin Williams agiert von Anfang an mit einem Heiligenschein aus Popeye, Garp und Patch Adams und überstrahlt den kunstvoll schmuddelig gehaltenen Ghetto-Set allzu charismatisch. Der Film funktioniert nach glatter Kinodramaturgie, wie Hollywood-Szenen aus dem Holocaust, ohne die leiseste Doppelbödigkeit. "Die Geschichte von Jakob dem Lügner hat sich niemals ganz zugetragen. Ganz bestimmt nicht. Vielleicht hat sie sich aber doch so zugetragen" - heißt es zu Beginn von Frank Beyers Film. Kassovitz' Film kennt kein Vielleicht, er ist kein Balanceakt des Unvorstellbaren, sondern die Eindeutigkeit des Gezeigten. Augenblicke des Schrecken, die vorbeigehen. fh.
| Darsteller: | Robin Williams | als Jakob Heym | |
|---|---|---|---|
| Alan Arkin | als Frankfurter | ||
| Bob Balaban | als Kowalsky | ||
| Hannah Taylor-Gordon | als Lina | ||
| Michael Jeter | als Avron | ||
| Armin Mueller-Stahl | als Kirschbaum | ||
| Liev Schreiber | als Mischa | ||
| Nina Siemaszko | als Rosa | ||
| Mathieu Kassovitz | als Herschel | ||
| Justus von Dohnányi | als Preuss | ||
| Mark Margolis | als Fajngold | ||
| Gregg Bello | als Blumenthal | ||
| Regie: | Peter Kassovitz | ||
| Drehbuch: | Mathieu Kassovitz | ||
| Didier Decoin | |||
| Produzent: | Marsha Garces Williams | ||
| Steven Haft | |||
| Koproduzent: | Nick Gillott | ||
| Ausf. Produzent: | Robin Williams | ||
| Buchvorlage: | Jurek Becker | ||
| Kamera: | Elemér Ragályi | ||
| Schnitt: | Claire Simpson | ||
| Musik: | Edward Shearmur | ||
| Produktionsdesign: | Luciana Arrighi | ||
| Branimir Babic | |||
| Tibor Lazar | |||
| Grzegorz Piatkowski | |||
| Kostüme: | Wieslawa Starska | ||
| Ton: | Clive Winter | ||
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