
Gewöhnliche TV-Krimis hat man in der Regel rasch durchschaut. Gut und Böse sind klar zu trennen, die Figuren lassen sich auf Anhieb charakterisieren. "Entführt!" ist völlig anders, aber nicht nur deshalb schon jetzt der Thriller des Jahres.
Es dauert eine Weile, bis man die verschiedenen Mitwirkenden einigermaßen sortiert und ihnen in diesem perfiden Spiel eine bestimmte Handlungsaufgabe zugedacht hat. Und dann wird das alles mehrfach auf den Kopf gestellt, weil es unter den Bösen auch Gute gibt; und weil sich einige der Guten als noch größere Schurken entpuppen.
Man folgt dem Verlauf der Geschichte also einigermaßen verwirrt, aber stets fasziniert: Der vielfach ausgezeichnete Matti Geschonneck ("Duell in der Nacht") ist einfach ein Meister seines Fachs. Er hat eine Eigenschaft, um die ihn viele Regisseure beneiden werden: die Reduktion komplexer Abläufe auf ein Maximum. Geschonneck seziert eine Szene so lange, bis er zu ihrem Kern vorstößt; und den inszeniert er dann. Deshalb kann man sich der Wirkung dieses großen Zweiteilers kaum entziehen, weil trotz einer Länge von 180 Minuten in jeder einzelnen Einstellung nur das Wesentliche erzählt wird.
Im Zentrum der Handlung steht Ärztin Liane (Nina Kunzendorf), deren Familie entführt worden ist. Der Ehemann (Mark Waschke) ist allerdings nur zufällig ins Netz geraten. Auf die Tochter kommt es an, aber getroffen werden soll nicht die Mutter, sondern der Großvater, Albert Targensee (Friedrich von Thun). Erst nach und nach stellt sich raus, dass der schwerreiche Unternehmer nicht einfach nur zahlen soll: Irgendjemand will ihn mit Hilfe eines ungeheuer raffiniert eingefädelten Komplotts vollständig vernichten.
Geschonnecks Lieblingsautorin Hannah Hollinger (hier unterstützt von Jörg von Schlebrügge) hat eine derart komplexe Geschichte erdacht, dass man die Rollen der verschiedenen prominent besetzten Mitwirkenden nur andeuten kann (Andrea Sawatzki als Liane Schwester, Hanns Zischler als Targensees rechte Hand, Suzanne von Borsody als Entführerin). Es gibt Anrufe aus dem vermeintlichen Jenseits, uralte Beziehungen zu linken Terrorzellen und einen ermittelnden Kommissar (Heino Ferch), dessen Loyalität zu Liane außer Frage steht; seiner Freundin (Rike Schmid) gegenüber verhält er sich allerdings ziemlich schäbig.
Gemeinsam mit seinem Kameramann Ngo The Chau hat Geschonneck die Bilder des Films überdies höchst sorgfältig komponiert; mitunter wirkt die Anordnung der Figuren in der Tat wie eine experimentelle Konstellation. Diese enorme Sorgfalt im Detail gilt wiederum nicht minder für die Geschichte selbst, zu deren Verständnis auch Kleinigkeiten von großer Bedeutung sind. "Entführt!" ist große Kunst; und will trotzdem nicht mehr als bloß ein Thriller sein. tpg.
| Darsteller: | Heino Ferch | als Thomas Danner | |
|---|---|---|---|
| Nina Kunzendorf | als Liane Bergmann | ||
| Friedrich von Thun | als Albert Targensee | ||
| Andrea Sawatzki | als Vera Targensee | ||
| Mark Waschke | als Frank Bergmann | ||
| Charleen Deetz | als Hannah Bergmann | ||
| Sibylle Canonica | als Maria Targensee | ||
| Hanns Zischler | als Maximilian Kessler | ||
| Matthias Brandt | als Svensson | ||
| Suzanne von Borsody | als Marietta Lahn | ||
| Johannes Allmayer | als Schneider | ||
| Arthur Klemt | als Golz | ||
| Gerhard Garbers | als Josef Riedel | ||
| Rike Schmid | als Kristin | ||
| Thorsten Merten | als Peter Münz | ||
| Hildegard Schmahl | als Dorothea T. | ||
| Ulrich Thomsen | als Dr. Albert Brand | ||
| Norbert Heckner | als Reiminger | ||
| Elisabeth von Koch | als Frau Heyse | ||
| Thomas Loibl | als Bestattungsunternehmer | ||
| Regie: | Matti Geschonneck | ||
| Drehbuch: | Hannah Hollinger | ||
| Jörg von Schlebrügge | |||
| Produzent: | Reinhold Elschot | ||
| Kamera: | Ngo The Chau | ||
| Schnitt: | Inge Behrens | ||
| Musik: | Florian Tessloff | ||
| Produktionsdesign: | Christian Kettler | ||
| Kostüme: | Frauke Firl | ||
| Ton: | Philipp Ulikowski | ||
| Casting: | Sandra Köppe | ||
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