In einer industriellen Halbwelt herrschen die einäugigen Zyklopen unter der Führung des verrückten Wissenschaftlers Krank. Die Zyklopen entführen Waisenkinder, denen Krank die Träume stiehlt. Als der Adoptivbruder des Einzelgängers One ihr Opfer wird, nimmt dieser zusammen mit seiner Begleiterin Miette die Verfolgung auf.
Vor drei Jahren gab das französische Regie-Duo Jean-Pierre Jeunet und Marc Caro mit "Delicatessen" sein furioses Spielfilmdebut. Das skurrile Horror-Kabinettstückchen lockte bei uns fast 700.000 Besucher in die Kinos. Auch diesmal sind die Filmemacher ihrer abstrusen Thematik treu geblieben und schwelgen hemmungslos in surrealen Bilderwelten und rabenschwarzer Poesie. War "Delicatessen" noch eine Fingerübung in Sachen grotesker Humor, wurde "Die Stadt der verlorenen Kinder" mit Wucht orchestriert und zu einem Kintopp-Alptraum aufgedonnert. Bei 18 Millionen Dollar Spielgeld konnte man sich das auch augenscheinlich leisten. Der Film sieht ungefähr so aus, als hätten sich William Burroughs, Charles Dickens und Lewis Carroll im Drogenrausch zusammengefunden, um eine Horror- Freak-Show für Fortgeschrittene zu erfinden. Die Ausgeburt dieser Phantasien liest sich wie folgt: In einer Stadt, die von Ferne wie eine Ölbohrinsel aussieht, regiert Krank, ein zynisches Monster (Daniel Emilfork), der wegen eines körperlichen Defekts nicht träumen kann und deshalb rasend schnell altert. Aus diesem Grund läßt er sich von einer zyklopenähnlichen Polizeitruppe Kinder aus den Slums zuführen, denen er dann mittels absonderlicher Apparaturen die Träume stiehlt, um so seinen Alterungsprozeß aufzuhalten. Als sich seine degenerierten Schergen an dem kleinen Jungen Denree (Joseph Lucien) vergreifen, tritt der Ex-Wal-Harpunier One (Ron Perlman) auf den Plan, um ihn Krank wieder zu entreißen. Unterstützt wird er dabei von dem neunjährigen Mädchen Miette (Judith Vittel). Daß bei diesem Spektakel u.a. noch ein sechsfach geklontes Etwas (Dominique Pinon, der Metzger aus "Delicatessen"), ein Junkie und Ex-Flohzirkusdirektor (Jean-Claude Dreyfus) sowie zuammengewachsene viktorianische Schulfräuleinschreckgestalten (Genevieve Brunet und Odile Mallet) mitmischen, dürfte weniger überraschen. Prachtstück in diesem Schauer- Panoptikum ist ein Superhirn, das in einem gutgeheizten Aquarium aufbewahrt wird. Doch die exzentrische Inszenierung dieser Grusel-Gimmicks und Spezialeffekte hat ihren Preis: Nach einiger Zeit wirkt der Manierismen-Zirkus ermüdend. Jeunet und Caro haben die intellektuelle Netzhautreizung zum Stilmittel erhoben. Fünf Monate Postproduktion, die fast nur für digitale Computereffekte verwandt wurde, sprechen Bände. Bei den Filmfestspielen in Cannes, wo "Die Stadt der verlorenen Kinder" als Eröffnungsfilm lief, wurde die 111minütige Fantasy- Tour mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Daran konnten auch die superben Jean-Paul- Gaultier-Kostüme und die unheilschwangere Musik des David-Lynch-Hauptkomponisten Angelo Badalamenti nichts ändern. ull.
| Darsteller: | Ron Perlman | ||
|---|---|---|---|
| Daniel Emilfork | |||
| Judith Vittet | |||
| Dominique Pinon | |||
| Jean-Claude Dreyfus | |||
| Genevieve Brunet | |||
| Odile Mallet | |||
| Mireille Mosse | |||
| Regie: | Jean-Pierre Jeunet | ||
| Marc Caro | |||
| Drehbuch: | Gilles Adrien | ||
| Jean-Pierre Jeunet | |||
| Marc Caro | |||
| Produzent: | Claudie Ossard | ||
| Kamera: | Darius Khondji | ||
| Schnitt: | Hervé Schneid | ||
| Musik: | Angelo Badalamenti | ||
| Produktionsdesign: | Jean Rabasse | ||
| Kostüme: | Jean-Paul Gaultier | ||
Mit "Delicatessen", "Alien 4" und "Die fabelhafte Welt der Amélie" erwies sich Jean-Pierre Jeunet als Meister der ganz besonderen Bilder. Für seine schwarze Komödie "Micmacs" arbeitete er mit dem Star aus dem Toperfolg "Willkommen bei den Sch'tis" zusammen.
Jean-Pierre Jeunet setzt in "Micmacs - Uns gehört Paris!" auf poetischen Realismus und einen fulminanten Dany Boon als wunderlichen Außenseiter (Foto: Kinowelt)
Ist Ihr Film eine Rückkehr zu den Ursprüngen von "Delicatessen" und "Die Stadt der verlorenen Kinder"?
JEAN-PIERRE JEUNET: Ich mag die Realität nicht so filmen, wie sie ist, sondern im Sinne des poetischen Realismus der 1940er Jahre, mit ganz eigenen Dialogen, Licht und Farben, Humor und Fantasie. Mir kam es auch in "Delicatessen" und "Die Stadt der verlorenen Kinder" darauf an, ein ganz spezielles Universum zu erfinden, das sollte man aber nicht ins Fantastische einordnen, das mag ich - im Gegensatz zu Science Fiction - überhaupt nicht. "Micmacs" könnte auch in der Gegenwart spielen.
Woher schöpfen Sie die Ideen zu diesem Bilderreichtum?
Der ist für mich ganz normal. Ich mache mir ständig Notizen und bei einer konkreten Filmidee öffne ich das Schatzkästlein und gucke, was ich verwerten kann. Das macht mein Koautor Guillaume Laurent genauso. Wir entwickeln gemeinsam ganz traditionell das Gerüst des Films, ich mehr auf der visuellen, er auf der Dialog-Seite. Das funktioniert wie ein Pingpongspiel. Diesmal machte uns die Konzeption Kopfzerbrechen, in einem Moment stimmte das Gleichgewicht zwischen Tragik und Komödie nicht mehr.
Sie tüfteln gern?
Ich bastele herum, bis alles passt. Dabei spiele ich gerne auf der Klaviatur des Möglichen, mische überall mit, vom Storyboardpapier bis zur Farbkorrektur, auch wenn ich meinem festen Team vertraue.
Wie war die Zusammenarbeit mit Dany Boon, der selbst Regisseur ist?
Erst wollte er nicht, weil ich die Rolle für Jamel Debbouze geschrieben hatte, der eine andere Statur hat. Darum ging es mir gar nicht so, viel wichtiger war dieses Kindliche im Charakter. Wir haben ein wenig geprobt und uns bestens amüsiert. Und schwupp war Dany Boon im Boot. Manche Szenen sind von ihm inspiriert. Er lässt aber nicht den Regisseur raushängen und kritisiert nicht, weil er weiß, in welcher Klemme man in dieser Position geraten kann.
Reizte Sie nach "Alien - Die Wiedergeburt" nicht eine Karriere in USA?
In Frankreich genieße ich totale künstlerische Freiheit und muss nicht um Geld betteln. Das will ich nicht aufgeben. Natürlich erreiche ich weniger Zuschauer als mit einer amerikanischen Produktion, das ist ein Wermutstropfen. Ich habe meine persönlichen Vorstellungen, deshalb habe ich auch "Harry Potter und der Orden des Phönix" abgesagt. In einem schon vorgegebenen Universum zu arbeiten, wo Besetzung, Kostüme und Dekor feststehen, ödet mich an. Wo bleibt da meine eigene Handschrift? Nur Regie ist mir zu wenig. Die Alien-Welt dagegen war eine tolle Herausforderung, ich konnte meine Ideen einbringen. Vielleicht drehe ich das nächste Mal wieder in englisch, ich bin ziemlich offen. Ein Film nimmt einige Jahre in Anspruch, deshalb stürze ich mich nicht gleich Hals über Kopf ins nächste Abenteuer.
Auch wegen Ihres Schiffbruchs bei "Schiffbruch mit Tiger"?
Zwei Jahre habe ich mich damit beschäftigt, wie verrückt recherchiert und Drehorte gesucht, ein tolles Drehbuch für Fox geschrieben, mit der bei "Alien" alles glatt lief. Es gab sogar schon ein gezeichnetes und ein fotografiertes Storyboard. Die Kosten waren den Herren zu hoch, und unser Vorschlag in Europa zu arbeiten, scheiterte wegen des damaligen hohen Euro-Kurses. Es ärgert mich nicht, wenn Ang Lee das Projekt realisiert, ich bin nur traurig, dass mein Drehbuch und meine Vorarbeit nicht genutzt wird.
Das Budget von "Micmacs" war für einen französischen Film sehr hoch.
Wir hatten Glück. Warner zeigte sich bei "Mathilde - Eine große Liebe" als Produzent sehr großzügig und agiert hier als Koproduzent und Verleih, übernahm auch den DVD-Vertrieb. An der Zusammenarbeit gibt es nichts zu mäkeln. Große Budgets sind immer schwieriger in Frankreich zu finanzieren. Ich sehe das nicht als Katastrophe, sondern denke schon länger darüber nach, billiger und schneller mit Handkamera auf HD zu drehen. Zu 18-wöchigen Dreharbeiten fehlt mir inzwischen die Lust. Kreativen und technischen Änderungen verschließe ich mich nicht.
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