| Das ist doch tröstlich: Auch Genies haben dieselben Alltagssorgen wie Du und ich. Bei den Tenenbaums, einem wirklich skurrilen Familienclan, tritt beides gehäuft auf: Alle Kinder haben ungewöhnliche Talente und zutiefst menschliche Probleme. Patriarch Royal Tenenbaum kehrt nach Jahren auf dem Ego-Trip in den Schoß der Familie zurück und findet eben keine Genies vor, sondern ausgesprochen exzentrische Zeitgenossen. Neben Gene Hackman als Royal glänzen in Wes Andersons brillanter Ensemble-Komödie u.a. Anjelica Huston, Ben Stiller, Gwyneth Paltrow und Bill Murray. |
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KRITIK
Der Glanz des Hauses Tenenbaum ist verblasst, seit die drei genialen Kinder vom Leben in die Normalität zurückgestoßen wurden und nun enttäuscht über nicht eingehaltene große Erwartungen in einem Zustand stiller Isolation und seelischer Erstarrung verharren. Wie man aus dieser frustrierenden Selbstwahrnehmung kollektiven Versagens ein sanftes und charmant verrücktes Familiendrama machen kann, das trotz ernsthafter Beobachtungen zwischenmenschlicher und psychologischer Dynamik mit lakonischem Witz brilliert, zeigt dieser Film, der wie seine Protagonisten jede Umarmung verdient.
Die Tradition dieser exzentrischen Dramödie ist literarisch. Es gibt einen personalen Erzähler, eine Strukturierung in Kapitel, einen thematischen Faden (Versagen und Vergeben) und schillernde Charaktere, die die Aufmerksamkeit trotz der zentralen Position des Patriarchen Royal (Gene Hackman) auf mehrere Personen verteilen. Hackmans Figur, gelebte Verantwortungslosigkeit und Egoist im Ruhestand, ist die treibende Kraft der Handlung. Denn er verließ zwei Söhne, Adoptivtochter und Frau (Anjelica Huston) früh und bemüht sich nun spät um Versöhnung und Eingliederung in eine Familie, zu der er in seinen Augen nie wirklich gehörte. Weil er bei seinem Comebackversuch nicht mit großer Euphorie rechnen kann, simuliert er den Todkranken und zieht in das alte Heim, wo Ehefrau Ethel mittlerweile alle Kinder wieder um sich geschart hat. Was sich dem lebenslustigen Schlitzohr dann präsentiert, sind gequälte Existenzen, die gestern brillierten, aber heute stagnieren. Finanzgenie Chas verachtet seinen Vater und ist gerade dabei, seine jungen Söhne zu verängstigten Früherwachsenen zu machen. Bruder Richie leidet unter seinem Einbruch als Tennischamp (verlor gegen Court-Legende Gandhi!) und seiner unerfüllten Liebe zu Adoptivschwester und Ex-Starliteratin Margot (Gwyneth Paltrow), die nach zahlreichen Affären mit Männern und Frauen schließlich ehelich bei Bill Murray landete, was vielleicht zwingend erklärt, warum sie ihr restliches Leben im Schutz ihres Badezimmers verbringen will. So exzentrisch diese Figuren mit ihren Ticks auch wirken, hat ihr Verhaltensknick doch einen ernsten Kern. Die größte Leistung von Regisseur Wes Anderson, der wie schon bei "Rushmore" mit Akteur Owen Wilson das Drehbuch schrieb, ist das Einhalten einer harmonischen Balance zwischen verspielt und ernsthaft, komisch und tragisch. Immerhin gibt es in "The Royal Tenenbaums" einen Selbstmordversuch, den Tod und die Unmöglichkeit einer Liebe, einen abgehackten Finger, Drogensucht und die frustrierende Erkenntnis, dass ein chronischer Trauerkloß wie Paltrows Margot selbst bei engagierten lesbischen Französinnen kein Glück finden kann. Man versteht das Leid dieser Figuren, aber man leidet nicht - darin besteht wohl das Geheimnis dieses prominent besetzten Films, der seine Versöhnung mit dem Leben in einen märchenhaften Raum platziert, in dem New York mit falschen Straßennamen und anderen Realitätsverzerrungen konsequent eingepasst ist. Sowohl im Sentiment als auch seiner Komik ist Andersons Film ein Triumph in Understatement, der vielleicht nicht massentauglich ist, aber ohne Plakatives viel stärker nachwirkt. Unvergesslich, wie Chas ungerührt Zeitung liest, als Hackman von seinem Krebs erzählt, Paltrow nach ihrer echten Familie sucht und Zivilisationsadel Marke "Deliverance" vorfindet, wie Richie mit seinem Stirnband stets die Vergangenheit im Gesicht trägt oder Hackman mit dem umwerfenden Hausdiener Pagoda Cocktails im Schrank einnimmt. "The Royal Tenenbaums", Wettbewerbsbeitrag auf der Berlinale, ist Kino gepflegter Ausgefallenheit, wirkt versponnen, doch sichtbar von klaren, klugen Köpfen kreiert. kob.
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