
Jahrzehnte lang waren Flucht und Vertreibung von rund zwölf Millionen Deutschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten ein Tabuthema: Zu groß war die Furcht, es könne als Revanchismus bewertet werden, wenn eine hiesige Produktion die Deutschen als Opfer des Krieges darstellte.
Mit "Dresden" wurde dieser Bann erstmals gebrochen. Die sorgfältige Bearbeitung durch Teamworx ließ revanchistische Verdachtsmomente gar nicht erst aufkommen. Der ARD-Zweiteiler "Die Flucht" (ebenfalls Teamworx, Koproduktion: EOS) ist gleichfalls über jeden Verdacht erhaben. Auch hier wird Geschichte konsequent aus der Perspektive jener erzählt, die sie erdulden mussten, doch ein eventueller Vorwurf historischer Einseitigkeit wird im Keim erstickt. Zwar werden die Soldaten der Roten Armee auf einen Haufen randalierender Vergewaltiger reduziert, aber die gezeigten Verbrechen der deutschen Wehrmacht sind viel schlimmer. Unter anderem knallen sie eine Gruppe wehrloser Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter ab, die sich vor den anrückenden russischen Soldaten in Sicherheit bringen will. Und ein Offizier sitzt noch über drei jugendliche Deserteure zu Gericht, als das Ende des Krieges absehbar ist.
Kritik könnte allenfalls an der Wahl der Hauptfigur laut werden, einer ostpreußischen Adeligen. Genau darin liegt aber der dramaturgische Reiz des Films: Wie viele andere steht Lena Gräfin von Mahlenberg (Maria Furtwängler) am Ende mit völlig leeren Händen da, doch neben Hab und Gut hat sie auch ihren Status verloren. Hinzu kommt die Verantwortung ihrer Klasse, schließlich verkörperte der Adel eine Elite, die sich (mit Ausnahme der Attentäter vom 20. Juli 1944) mit den Nationalsozialisten arrangierte.
In erster Linie aber ist "Die Flucht" ein neun Millionen Euro teures, fast dokumentarisches Werk über einen Exodus unter lebensgefährlichen Bedingungen. Kai Wessel, der schon mit seiner Verfilmung der Klemperer-Tagebücher deutsche Geschichte zum Leben erweckt hat, verzichtete auf jede Computerbearbeitung. Entsprechend authentisch wirken die Bilder des langen Trecks, dessen einziger Fluchtweg im Winter 1944/45 bei minus 20 Grad über das zugefrorene Haff führt.
Neben der meisterhaften Inszenierung Wessels (Buch: Gabriela Sperl) und der farbgesättigten Bildgestaltung durch den kongenialen Holly Fink ("Dresden") imponiert der Zweiteiler nicht zuletzt durch die treffend besetzte Prominenz vor der Kamera. Von enormer Präsenz ist dabei vor allem Angela Winkler. Nicht minder imposant: Hanns Zischler, Max von Thun, Tonio Arango sowie der Franzose Jean-Yves Berteloot. tpg.
| Darsteller: | Maria Furtwängler | als Lena Gräfin von Mahlenberg | |
|---|---|---|---|
| Jean-Yves Berteloot | als François Beauvais | ||
| Tonio Arango | als Heinrich Graf von Gernstorff | ||
| Gabriela Maria Schmeide | als Babette | ||
| Angela Winkler | als Sophie Gräfin von Gernstorff | ||
| Hanns Zischler | als Rüdiger Graf von Gernstorff | ||
| Jürgen Hentsch | als Berthold Graf von Mahlenberg | ||
| Max von Thun | als Ferdinand von Gernstorff | ||
| Stella Kunkat | als Victoria "Vicky" | ||
| Fritz Karl | als Jürgen Hermann | ||
| Michael Ginsburg | als Russe Mikolai | ||
| Frédéric Vonhof | als Louis | ||
| Barbara Morawiecz | als Oma Herta | ||
| Josef Mattes | als Fritz | ||
| Winfried Glatzeder | als Diener Dietrich | ||
| Beate Abraham | als Frau Meister | ||
| Agnieszka Piwowarska | als Helene Stuber | ||
| Adrian Wahlen | als Benno Stuber | ||
| Adrian Goessel | als Wilhelm Stuber | ||
| Regie: | Kai Wessel | ||
| Drehbuch: | Dr. Gabriela Sperl | ||
| Produzent: | Dr. Gabriela Sperl | ||
| Prof. Nico Hofmann | |||
| Joachim Kosack | |||
| Dr. Jürgen Schuster | |||
| Kamera: | Holly Fink | ||
| Musik: | Enjott Schneider | ||
| Produktionsdesign: | Knut Loewe | ||
| Kostüme: | Wiebke Kratz | ||
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