
Dank eines großartigen Ensembles, ausgefeilter Charaktere und einer komplexen Handlung ist Carlo Rola ein bemerkenswert vielschichtiger Film gelungen.
Eine uralte Schuld, ein ebenso altes Verbrechen, über sechzig Jahre des Schweigens, all das gewürzt mit Kriminalistik, Dramatik und Romantik: Die Handlung kombiniert gleich diverse Genres. Sie erzählt von detektivischer Arbeit und vom gesellschaftlichen Aufstieg, sie handelt von Standesdünkel und strammer nationaler Gesinnung, ist also gleichzeitig Sittengemälde, Krimi und Romanze. Außerdem konnte Carlo Rola, ohnehin ein Regisseur, der seine Darsteller regelmäßig zu Bestleistungen motiviert, mit einem großartigen Ensemble arbeiten.
Auslöserin der Handlung ist eine alte Ukrainerin, die 65 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine Freundin mit einem Brief nach Berlin schickt. Sie pocht auf ihre Entschädigung als Zwangsarbeiterin, da sie gegen Kriegsende als Kindermädchen für die angesehene Adelsfamilie von Zernikow tätig war. Kaum hat die Freundin das Schreiben zugestellt, wird sie tot aus einem Kanal gefischt. Einem Anwalt lässt die Sache keine Ruhe. Seine Nachforschungen decken schließlich ein jahrzehntelang verschwiegenes Familiendrama auf, das in engem Zusammenhang mit einem Kunstraub steht.
Allein diese Erzählebene hätte genug Stoff für einen eigenen Film geboten. Die Komplexität der Charaktere, die Familiengeschichte, die politische Seite: All das kann oft nur angedeutet werden. Zentrale Figur der Geschichte ist der aus einfachen Verhältnissen stammende Anwalt: Joachim Vernau (Jan Josef Liefers), designierter Partner in der Kanzlei von Utz von Zernikow (Matthias Habich), ist dabei, per Heirat mit der Tochter seines Chefs (Natalia Wörner) Mitglied der Familie zu werden. Da Jan Josef Liefers den Mann mit gesunder ironischer Distanz verkörpert, fällt es ihm später vergleichsweise leicht, auf Abstand zu gehen. Als Vernau die Zernikows auffordert, sich zum einstigen Kindermädchen zu bekennen, stößt er auf unterschiedlichste Formen der Ablehnung. Einzige Verbündete ist Anwaltskollegin Marie Luise (Stefanie Stappenbeck), die sich den Interessen der Entrechteten verschrieben hat.
Mit großem Gespür für die dramaturgische Entfaltung der verschiedenen Ebenen weben Autorin Elisabeth Herrmann und Rola den Erzählteppich dieser Geschichte, in der sich dank eines Seitenstrangs mit Vernaus Mutter sogar noch Raum für komödiantisch Elemente findet. Dass das ZDF diesen auch in den kleineren Nebenrollen ausgezeichnet gespielten Film als Thriller annonciert, ist fast schon Etikettenschwindel. Fesselnd ist er trotzdem. tpg.
| Darsteller: | Jan Josef Liefers | als Joachim Vernau | |
|---|---|---|---|
| Stefanie Stappenbeck | als Marie-Luise Hoffmann | ||
| Natalia Wörner | als Sigrun Zernikow | ||
| Matthias Habich | als Utz von Zernikow | ||
| Inge Keller | als Irene Freifrau von Zernikow | ||
| Chulpan Khamatova | als Milla Tscherednitschenkowa | ||
| Johannes Allmayer | als Aaron von Lehnsfeld | ||
| Michael Schönborn | als Walter | ||
| Hans Klima | als Abraham von Lehnsfeld | ||
| Ines Burdow | als Verena von Lehnsfeld | ||
| Carmen-Maja Antoni | als Frau Huth | ||
| Ilse Strambowski | als Olga Warschenkowa | ||
| Wanda Colombina | als Connie | ||
| Heinz Lieven | als Otto Kähnrich | ||
| Victor Thaler | als Utz von Zernikow, jung | ||
| Lissy Tempelhof | als Natalja Tscherednitschenkowa | ||
| Lore Richter | als Natalja, jung | ||
| Regie: | Carlo Rola | ||
| Drehbuch: | Elisabeth Herrmann | ||
| Produzent: | Jutta Lieck-Klenke | ||
| Dr. Dietrich Kluge | |||
| Buchvorlage: | Elisabeth Herrmann | ||
| Kamera: | Frank Küpper | ||
| Schnitt: | Friederike von Normann | ||
| Musik: | Wolfram de Marco | ||
| Produktionsdesign: | Ralf Küfner | ||
| Kostüme: | Wiebke Kratz | ||
| Casting: | Rebecca Gerling | ||
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