Ben Becker
Heino Ferch
Ulrich Noethen
Regie: Joseph Vilsmaier
Verleih: Senator
Berlin 1927: Die amerikanische A-Capella-Formation "Revellers" im Kopf sucht sich der arme Arrangeur und Statist Harry seine Vokalartisten. Fündig wird er bei Bass-Biberti und seinen Freunden. Auch wenn ihr erster Auftritt vor einem Agenten ein Reinfall wird, geben sie nicht auf. Ihr Höhenflug führt sie sogar nach Amerika. Zu Hause in Nazideutschland erwartet das halb jüdische Ensemble keine Lorbeeren...

Wo "Comedian Harmonists" draufsteht, sind auch komödiantische Harmonien drin. Mit Spannung erwartet, ist Joseph Vilsmaiers Verbeugung vor dem berühmten Vokalsextett aus den dreißiger Jahren ein handwerklich wie immer makelloser, wunderschön altmodischer Film geworden, der eine fröhlich-überbordende Aufsteiger-Geschichte mit feinfühligem Zeitporträt verbindet und vor allem in der zweiten Hälfte auch melodramatische Züge annimmt.
Schuhe werden auf Hochglanz poliert, Frisuren und Schnurrbärte in Form gezwirbelt, als die noch nicht glorreichen Sechs sich während der Anfangstitel auf ihren ersten Auftritt vorbereiten. Mit einer Rückblende setzt die Handlung dann ein: wie in Carl Spitzwegs "Armer Poet" haust Arrangeur Harry Frommermann (Ulrich Noethen meistert seine erste bedeutende Kinorolle mit Bravour) in einer Dachwohnung, in der auch die Talentsuche stattfindet. Dort stellt sich der Statist Robert Biberti (Ben Becker als großspurig-sympathischer "Manager") in seinem Mönchskostüm vor und läßt seinen Bass im Brustton erklingen. Die restlichen vier bringt Biberti schnell ins (Sing-)Spiel: der sich vor schmachtenden Frauen als trällernder Kellner verdingende Bulgare Ari Leschnikoff (Max Tidof aus "Abgeschminkt" fröhlich überdreht) begrüßt alle mit schmatzendem Mundkuß. Den verschlafenen Klimperer Erwin Bootz (Kai Wiesinger sehr zurückgenommen als moralisch schwaches Glied der Truppe) holen sie aus dem Bett seiner Freundin. Der Dandy mit Monokel, Erich Collin (vom Außerirdischen Heinrich "Harald" Schafmeister ein wenig blaß dargestellt) und der hyperkorrekte, immer freundliche Roman Cycowski (Heino Ferch konträr zu seiner Rolle in "Winterschläfer") komplettieren das Sextett, das sich mit "Veronika, der Lenz ist da" fröhlich ans Proben macht und Vilsmaier in den zahlreichen Playback-Musikszenen ausreichend Gelegenheit für Referenzen an den deutschen Revuefilm der fünfziger Jahre gibt. Das ist auch der Startschuß für eine vielversprechende Karriere, die im klassischen Zeitraffer in überblendeten Zeitungsschlagzeilen, Plattencovern und Pressefotos anrollt - inklusive obligatorischer Fahrt nach Amerika. Diese hätte auch fast die Freiheit für das Sextett bedeutet, das in seiner Heimat trotz aller Popularität mehr und mehr Schwierigkeiten mit den Nazis bekommt. Eine beim Musikdirektor erwirkte Gnadenfrist für das zur Hälfte jüdische Sextett ist nicht von Dauer. In München gibt die A-capella-Formation in der anrührendsten Szene des Films mit Tränen in den Augen ihr Abschiedskonzert.
Der gelernte Musiker Joseph Vilsmaier versuchte mit seinem jahrelang gehegten und gepflegten Projekt um die legendären Vokalartisten, sechs Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Klar, daß im Rahmen eines zweistündigen Films nicht alle Figuren gleich komplex ausgearbeitet sein können. Also konzentriert sich Vilsmaier auf das Freundes-Rivalen-Duo Harry und Berti und deren gemeinsame Geliebte Erna (von Ben Beckers Schwester Meret natürlich-frisch gespielt), während die erotischen Eskapaden der anderen Figuren zum Teil nur angerissen werden. Bei der authentischen Atmosphäre und dem großzügigen Produktionsdesign der frühen Dreißiger konnte sich Vilsmaier voll und ganz auf den Oscar-Preisträger Rolf Zehetbauer ("Cabaret") verlassen, der bereits "Schlafes Bruder" ausstattete. Der ehrgeizige Regisseur, Kameramann und Produzent in Personalunion lieferte mit seiner Hommage ein Stück Kino, das alles hat: Witz, Dramatik, Glamour und Historie, auch wenn bei der schieren Masse des Materials das eine oder andere dramatische Detail untergehen muß. Eine Oscar-Nominierung mag "Comedian Harmonists" durch die Lappen gegangen sein, die Aufmerksamkeit des deutschen Publikums ist ihm indes sicher. hai.
| Darsteller: | Ben Becker | als Robert Biberti | |
|---|---|---|---|
| Heino Ferch | als Roman Cycowski | ||
| Ulrich Noethen | als Harry Frommermann | ||
| Heinrich Schafmeister | als Erich A. Collin | ||
| Max Tidof | als Ari Leschnikoff | ||
| Kai Wiesinger | als Erwin Bootz | ||
| Meret Becker | als Erna Eggstein | ||
| Katja Riemann | als Mary Cycowski | ||
| Dana Vávrová | als Ursula Bootz | ||
| Noemi Fischer | als Chantal | ||
| Otto Sander | als Bruno Levy | ||
| Michaela Rosen | als Ramona | ||
| Günter Lamprecht | als Eric Charell | ||
| Gérard Samaan | als Romans Vater | ||
| Rolf Hoppe | als Streicher | ||
| Ulrich Tukur | |||
| Regie: | Joseph Vilsmaier | ||
| Drehbuch: | Klaus Richter | ||
| Produzent: | Hanno Huth | ||
| Reinhard Klooss | |||
| Danny Krausz | |||
| Ausf. Produzent: | Joseph Vilsmaier | ||
| Kamera: | Joseph Vilsmaier | ||
| Peter von Haller | |||
| Jörg Widmer | |||
| Schnitt: | Peter R. Adam | ||
| Musik: | Harald Kloser | ||
| Produktionsdesign: | Rolf Zehetbauer | ||
| Bernhard Henrich | |||
| Kostüme: | Ute Hofinger | ||
| Ton: | Heinz Ebner | ||
Die Musik der Sänger-Gruppe begeisterte nicht nur in den 30er Jahren, sondern auch noch in den späten 90ern. Dann aber nicht mehr live, sondern auf der Leinwand.
Joseph Vilsmaier verfilmte 1997 die Karriere der "Comedian Harmonists" und landete damit einen Volltreffer. Nicht nur lockte das musikalische Vergnügen über 2,5 Millionen Zuschauer in die deutschen Kinos, es wurde auch bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises am 6. Juni 1998 mit höchsten Ehren bedacht und neben vier weiteren Kategorien als Bester deutscher Film ausgezeichnet.
Der Erfolg des Band-Biopics war jedoch nicht nur der mitreißenden Musik zu verdanken, sondern auch einem rundum hervorragenden Schauspiel-Ensemble. Ulrich Noethen, Ben Becker, Heino Ferch, Heinrich Schafmeister, Kai Wiesinger und Max Tidof machten ihren Job als Acapella-Sextett ausgezeichnet und wurden von Kritik und Publikum gleichermaßen gewürdigt.
Die Gesangseinlagen waren jedoch überwiegend nachbearbeitete Originalaufnahmen, aus denen das Kratzen und Rauschen digital entfernt wurde. Ob "Mein kleiner grüner Kaktus" genauso gut geklungen hätte, wenn die Darsteller selbst gesungen hätten, bleibt fraglich.
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