Längst überfällig: Zwölf Musikvideos für Songs aus dem innovativsten und experimentierfreudigsten Sektor der Elektro/Dance-Szene, unkommentiert aneinandergereiht, für die Kinoleinwand aufbereitet - zum Genießen, Staunen, Partyfeiern und dem endgültigen Aufräumen mit der landläufigen Meinung, es gäbe eine gemeingültige Videoclip-Ästhetik. Denkste: Diese dem Sound des nächsten Jahrtausends angepaßten Kurzfilme sind unberechenbar und bieten das aufregendste und mutigste, was man anno 1999 im Kino erleben kann.
Befreit von den Zwängen linearer Erzählstrukturen und der Bebilderung von Dialogen haben die Regisseure der hier vorliegenden Clips ein visuelles Vokabular entwickelt, das unter die Haut geht und sich allemal mutiger den Realitäten einer übertechnisierten Informationswelt vor dem Byte-Kollaps stellt, als es Spielfilm-Regisseure gegenwärtig in der Lage wären. Dazu trägt natürlich auch die Musik bei, die es hier zu bebildern gilt: Es sind keine gefälligen Popkompositionen, sondern häufig von Existenzangst motivierte Kollagen aus Klängen und Rhythmen, akustische Horrortrip-Äquivalente der Menschmaschine-Philosophien eines William Gibson oder David Cronenberg.
Nicht von ungefähr stammen insgesamt sechs der geschmackssicher kompilierten Videos von dem jungen Briten Chris Cunningham, dem gegenwärtig ohne Zweifel spannendsten Filmemacher, der noch keinen Spielfilm gedreht hat (Cunningham hat einen Deal mit Channel Four und arbeitet angeblich an einer Verfilmung von William Gibsons "Neuromancer"): Seine scheinbar durchgeknallten Apokalypse-Szenarios künden von einer einzigartigen Vision. Ob er in "Africa Shox" von Leftfield einen Mann durch die Straßen irren läßt, dem nach und nach Arme und Beine abfallen, in Aphex Twins "Come to Daddy" marodierende Kinder - allesamt mit dem Gesicht des Künstlers - kaputt machen läßt, was sie kaputt macht, oder in "Come On My Selector" von Squarepusher den sadistischen Wächter einer japanischen Kinderpsychiatrie in einen Hund verwandelt, stets rühren Cunninghams Visionen an innerste Grundängste. Doch nichts ist beunruhigender als sein Magnus Opus, "Windowlicker" von Aphex Twins, in dem er Gangsta-Hiphop-Gehabe und eine Tanznummer im Stil von Gene Kelly zu einem erotischen und abstoßenden Alptraum zusammenführt, den man gesehen haben muß, um ihn zu glauben. Come to daddy, fürwahr.
Doch auch über Cunningham hinaus gibt es Entdeckungen zu machen: Sei es das witzige Spiel mit Raum und Zeit von Michele Gondrys für Cibo Mattos "Sugar Water", die computergenerierte Buchstabengroßstadt von Antoine Bardou Jaquet in Alex Gophers "The Child" oder der strenge Samuraikampf zu den spartanischen Klängen des Drum'n'Bass-Ästheten Photek, das Medium Videoclip offenbart sich als der letzte Ort, in dem Filmkünstler ihre Fantasie frei ausleben können. Und dann gibt es mit "Rewind" von Mark Adcock noch einen Höhepunkt: Ohne Schnitte verführt ein Mädchen ihre Karateübungen im Rhythmus der Musik. Innovative Clips sind eben nicht nur beunruhigend, sondern manchmal einfach nur schön. ts.
| Regie: | Chris Cunningham | ||
|---|---|---|---|
| Hiroyuki Nakano | |||
| Michel Gondre | |||
| Spike Jonze | |||
| Kôji Morimoto | |||
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