
Sich mit jedem Film neu zu erfinden, zugleich unverkennbar seine eigene Handschrift weiter zu entwickeln, zeichnet den derzeit vielleicht besten europäischen Regisseur aus. Nachdem Olivier Assayas 2002 mit seinem Wettbewerbsbeitrag "Demonlover" in Cannes für Verwirrung sorgte, präsentierte er nun einmal mehr modernstes Autorenkino, das aber sehr viel linearer, zugänglicher und berührender inszeniert ist als der Vorgänger. Was geblieben ist, ist Assayas Weltoffenheit, sein visuelles Talent und eine ungewöhnliche Frauenfigur. Diese hat Assayas erneut seiner Lebensgefährtin Maggie Cheung auf den Leib geschrieben, die bereits unter seiner Regie in "Irma Vep" agierte.
Was auch Assayas' elften Film auszeichnet, sind daneben die gespaltenen Kritikermeinungen bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes: Maggie Cheungs Leistung wurde hier von fehlbesetzt bis außerordentlich beurteilt, letztlich gab's für die Schauspielerin eine Palme - für eine Performance, die laut Jurybegründung den Film von Anfang bis Ende bestimmt und der Handlung ein Gesicht verleiht. Was zweifellos stimmt: "Clean" ist ein komplexes Drama, das gänzlich auf Cheungs Emily fokussiert ist, die nach dem Drogentod ihres Mannes, einem Rockstar auf dem Tiefpunkt seiner Karriere, den Weg zurück ins Leben sucht. Sie will ihren Sohn Jay (James Dennis) zurückgewinnen, der bei den Großeltern Albrecht (Nick Nolte) und Rosemary (Martha Henry) in Vancouver aufwächst. Musikpresse, Familie und Freunde sind überzeugt, dass Emily an Lees Tod die Schuld trägt, was sich zu bestätigen scheint, da sie wegen Heroinbesitzes zunächst für sechs Monate ins Gefängnis wandert. Nach ihrer Freilassung überzeugt Albrecht sie von einer weiteren Trennung von Jay, solange sie nicht "clean" ist. Emily zieht von Kanada zurück nach Paris, nimmt einen Job als Kellnerin an, bezieht ein Zimmer im Haus ihrer Freundin Elena (Beatrice Dalle), versucht, an ihre Karriere als erste VJ im französischen Kabelfernsehen anzuknüpfen. Im Musikgeschäft ist sie wenig willkommen, ihre Ex-Chefin und -Freundin mit ihrer neuen Beziehung beschäftigt, ein Demotape ihrer Songs, die sie im Gefängnis aufgenommen hat, weckt wenig Interesse. Hoffnung schimmert erst, als Rosemary unheilbar erkrankt und Albrecht mit Emily Kontakt aufnimmt, um ein Treffen von Mutter und Sohn zu ermöglichen.
Albrecht wird als Stimme der Vernunft zum Vehikel, das Emilys Verzweiflung, ihrem sehnlichsten Wunsch nach ihrem Sohn, Linderung verspricht. Nick Nolte agiert in seiner Rolle mit angenehmer Zurückhaltung, seine Figur hält letztlich das Skript wie Emilys Leben zusammen. Während er die Last von Verlust und Trauer auf seinen Schultern trägt, sucht sie in ihrem synthetischen Leben weiter nach synthetischen Schmerzkillern. Die Erkenntnis, dass die Lösung darin bestehen muss, genau darauf zu verzichten, wird von den Zweifeln an ihren Fähigkeiten als Mutter immer wieder verdrängt und kann nicht mit dem Rückzug aus ihrer gewohnten Welt einhergehen. Für Assayas ist diese Welt eine egozentrische Szene ohne dauerhafte Bindungen und Emotionen. Seine scharfen Beobachtungen sind bisweilen bissig, stets unprätentiös und glaubwürdig. Er betrachtet alles mit einer Armlänge Abstand, was weniger den Vorwurf der Kälte verdient, als die Feststellung, dass sich genau auf diese Weise Emilys Verhältnis zu ihrer Umgebung, den Vorbehalten und dem Misstrauen, das ihr selbst entgegen gebracht wird, Ausdruck verleihen lässt. Mit einem Soundtrack aus reichlich Brian Eno und der ständig beweglichen Kamera von Eric Gautier ("Motorcycle Diaries"), fließen Assayas' Bilder und Emilys Gefühlswelt ineinander. Unstet, zwischen Kanada, Paris und London genauso pendelnd wie zwischen den Sprachen, deren gemeinsamer Nenner die Musik ist, findet Emily ihren Halt nicht an einem Ort, sondern in einer Szene, die allerortens gleich ist. "Clean" ist Metropolenkino, bisweilen so flirrend wie "Chungking Express", aber stets so nüchtern und realistisch, wie ein erwachsener Film sein muss. Moderner, näher am Leben als ein Film von Olivier Assayas kann europäisches Kino auch in diesem Fall und zu diesem Zeitpunkt vermutlich nicht sein. cm.
| Darsteller: | Maggie Cheung | als Emily Wang | |
|---|---|---|---|
| Nick Nolte | als Albrecht Hauser | ||
| Béatrice Dalle | als Elena | ||
| Jeanne Balibar | als Irene Paolini | ||
| Don McKellar | als Vernon | ||
| Martha Henry | als Rosemary Hauser | ||
| James Johnston | als Lee Hauser | ||
| James Dennis | als Jay | ||
| Rémi Martin | als Jean-Pierre | ||
| Laetitia Spigarelli | als Sandrine | ||
| Tricky | als Tricky | ||
| Liz Densmore | als Liz Densmore | ||
| David Roback | als David Roback | ||
| Emily Haines | als Emily Haines | ||
| David Salsedo | als Jeff | ||
| Mary Moulds | als Frau | ||
| Joana Preiss | als Aline | ||
| Regie: | Olivier Assayas | ||
| Drehbuch: | Olivier Assayas | ||
| Produzent: | Edouard Weil | ||
| Xavier Giannoli | |||
| Xavier Marchand | |||
| Niv Fichman | |||
| Kamera: | Eric Gautier | ||
| Schnitt: | Luc Barnier | ||
| Musik: | David Roback | ||
| Tricky | |||
| Brian Eno | |||
| Produktionsdesign: | François-Renaud Labarthe | ||
| Bill Fleming | |||
| Kostüme: | Anaïs Romand | ||
| Ton: | Guillaume Sciama | ||
| Herwig Gayer | |||
| Bill Flynn | |||
| Daniel Sobrino | |||
| Casting: | Antoinette Boulat | ||
| Shaheen Baig | |||
| John Buchan | |||
| Millie Tom | |||
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