Frank Giering
Laura Tonke
Vadim Glowna
Regie: Christopher Roth
Verleih: Prokino (Fox)
In den späten 60er Jahren fällt der junge Kleinkriminelle Andreas Baader (Frank Giering) verstärkt sowohl der Polizei als auch der weiblichen Studentenwelt auf. In den wilden Jahren der Studentenbewegung schließt er sich einer revolutionären Bande an, gewinnt die Liebe der Polit-Aktivistin Gudrun Ensslin (Laura Tonke) und entwickelt sich vom kleinen Autodieb zum politisch bewussten, rhetorisch versierten Brandstifter und Bombenleger. Dadurch gerät er ins Visier von Kurt Krone (Vadim Glowna), Chef des BKA. Zwischen Jäger und Gejagtem entwickelt sich eine eigenwillige Symbiose.
Fakten und Fiktion vermischen sich unter der Regie von Christopher Roth ("Looosers!"), Jahrgang '64, zu einem turbulenten Politkrimi, der dem Hollywoodkino Michael Manns oder Sam Peckinpahs kaum weniger viel verdankt als der historischen Realität. Spaltet Publikum und Kritik wie eine Axt.

Von den vier deutschen Wettbewerbsteilnehmern der diesjährigen Berlinale stellte sich "Baader" letztendlich als der am heftigsten umstrittene heraus. In einer wüsten Mischung aus Fakten und Fiktion setzt sich Christopher Roth mit dem Phänomen RAF auseinander, lässt die Grenzen von Gut und Böse verwischen und handelt die jüngste deutsche Geschichte zeitweise gar als Räuberpistole ab. Empörte so manchen Festivalbesucher die "Geschichtsfälschung", war der Jury Roths radikales Werk immerhin der Alfred-Bauer-Preis wert.
Nach Christian Petzold ("Die innere Sicherheit") und Andres Veiel ("Black Box BRD") interessiert sich nun mit Christopher Roth ("Looosers") ein weiterer "spätgeborener" Regisseur für den "deutschen Herbst". Dabei steht Roth, Jahrgang 1964, der Sinn weder nach Dokumentation noch nach Polit-Thriller und von den persönlichen und gesellschaftlichen Gründen, die den Titelhelden zum Terroristen werden ließen, will er schon gar nicht erzählen. Sein Baader, den er von 1967 bis zu dessen Tod 1972 begleitet, ist gleichermaßen historisch verbrieft wie frei erfunden - manchmal draufgängerischer, charmanter Autoknacker mit einem ungeheueren Schlag bei den Frauen, manchmal Bombenwerfer, Kaufhaus-Anzünder und Aufwiegler, dem jedes Mittel recht ist, den Staat zu stürzen. Dreh- und Angelpunkt der Handlung stellt jedoch das leitmotivische Duell zwischen Andreas Baader und dem BKA-Chef Kurt Krone dar, der den Terroristen als eine Art ungezogenen Sohn zu betrachten scheint. Krone versteht Baaders Ziele, hält sie für durchaus erstrebenswert, kann nur die Wahl der Mittel, sprich Waffen, so gar nicht billigen.
Gut und Böse scheint demzufolge nur eine Frage der Perspektive zu sein, wie schon bei De Niro und Pacino in "Heat", bei Keitel, Davis und Sarandon in "Thelma & Louise" oder William Holden und Robert Ryan in "The Wild Bunch". Ganz folgerichtig laufen sich der Polizist und sein Gegenspieler zwischendurch auch über den Weg und plaudern im Auto freundlich miteinander, bevor die Jagd wieder beginnt - die Ruhe vor dem Sturm sozusagen. Roth beherrscht die Filmsprache, versteht es, mit den Stilmitteln und den Versatzstücken des Genrekinos umzugehen. Da wird ein BMW schnell zum eleganten Fluchtwagen, ein lächerlicher Polizeitrupp zur willfährigen Armee und ein kleiner Rebell zum Staatsfeind Nummer 1.
Dass dieses sich (vielen) konventionellen Kinoregeln verweigernde Werk so gut funktioniert, ist nicht zuletzt den groß aufspielenden Schauspielern zu verdanken. Frank Gierig glänzt als zerrissener Held, als Macho und Kind, Revolutionstheoretiker und Phrasendrescher, Laura Tonke als dessen Geliebte Gudrun Ensslin und Vadim Glowna als väterlicher Freund Krone, der, der Staatsräson verpflichtet, Baader zur Strecke bringen muss. Der Vielschichtigkeit des intelligenten Drehbuchs entsprechend, arbeiten auch die beiden Kamerafrauen Bella Halben und Jutta Hohlmann. Da wechseln sich brillante, wohlkomponierte 35mm-Aufnahmen mit verwackelten Handkamerabildern ab, verschieben sich Perspektiven und verlieren sich klare Umrisse im groben Filmkorn. Wer bei "Baader" nach eindimensionalen Erklärungsmustern sucht, wird nicht fündig werden, wen der Showdown empört, hat eine falsche Vorstellung von diesem Film - wer jedoch Rudolf Thomes "Rote Sonne" liebt, den Roth im übrigen auch zitiert, ist hier bestens aufgehoben. geh.
Das Frühjahr im Kino? Schnell abhaken. Das war's nicht, weder was Umsätze noch puren Filmgenuss anbetrifft. Zu viel "Rollerball", zu wenig "Mulholland Drive", und kein "Black Hawk Down" weit und breit.
Besserung naht, so darf man als Filmfan hoffen, im Sommer - einst belächelte Stiefsaison, mittlerweile aber mit ähnlich viel Power wie in den USA, wo man seit Jahren die höchsten Umsätze während der Hitzewelle einfährt. Mit Staunen kann man also seine Augen über das Lineup der diesjährigen Sommersaison wandern lassen - und sich erstmal freuen angesichts der Popcorn-Wunder, die auf uns zurollen.
Besonders augenfällig ist selbstverständlich das Duell zwischen "Star Wars: Episode II - Angriff der Klonkrieger" und "Spider-Man", das mit dem Zweikampf von "Harry Potter" und " Herr der Ringe" im vergangenen (und kommenden) Winter zu vergleichen ist.
"Episode 2" kann auf den eingeführten Namen setzen und vertrauen: "Episode I" kam vor drei Jahren auf acht Mio. Besucher und war erfolgreichster Kinofilm des Jahres 1999. Der neue Film verspricht spektakulärere Action, aufwändigere Bilder und eine komplexere, dramatisch dichtere Handlung, also sollte sich der Erfolg des Vorgängers durchaus toppen lassen.
Auf Spinnenbeinen an die Spitze?
Es sei denn, der drei Wochen später startende "Spider-Man" nimmt dem SF-Epos den Wind aus den Segeln. Ebenfalls für mehr als 100 Mio. Dollar hergestellt, handelt es sich um die von Comicfans seit Jahren herbeigesehnte Verfilmung des beliebtesten aller Marvel-Comics.
Mit Tobey Maguire, Kirsten Dunst und Willem Dafoe brillant besetzt, ist es Sam Raimi tatsächlich gelungen, den Look und das Feeling der Hefte adäquat für die Leinwand zu übersetzen: Hier gibt es nicht nur Effekte en masse, sondern auch eine witzige, berührende Geschichte eines Teenagers, der von einer Null zum Helden wird und schmecken muss, dass mit Ruhm auch die bittere Last der Verantwortung einhergeht.
Back in black
Aber auch die "Men in Black 2" darf man nicht unterschätzen: Vor fünf Jahren war der erste Teil mit 7,3 Mio. Besuchern der zweiterfolgreichste Film 1997 (nach "Titanic"). Nun hat sich das komplette Erfolgsteam von damals (Will Smith, Tommy Lee Jones, Barry Sonnenfeld) erneut eingefunden, um die pfiffige Saga weiter zu erzählen, in der diesmal die Rollen vertauscht sind (Smith muss jetzt Jones anlernen).
Mit "Scooby-Doo" geht noch eine weitere Comicverfilmung an den Start und zielt vor allem auf das Familienpublikum. Die Frage ist lediglich, ob der in den USA kultisch verehrte Cartoon-Hund (unterstützt von dem Jungstar-Kollektiv Matthew Lillard, Freddie Prinze und Sarah Michelle Gellar) hierzulande über den ausreichenden Bekanntheitsgrad verfügt, um in der Endabrechnung unter den ganz großen Rennern der Saison landen zu können - zumal am gleichen Wochenende zwei weitere Hitkandidaten an den Start gehen.
Cartoon Connection
"Spirit - Der wilde Mustang", der zweite Dreamworks-Zeichentrickfilm nach "Der Prinz von Ägypten", wendet sich überdies auch noch an die gleiche Zielgruppe, während "Wir waren Helden" mit Mel Gibson vornehmlich ein erwachsenes Publikum ansprechen sollte. In den USA war der ebenso kompromisslose wie patriotische Kriegsfilm mit einem Einspiel von etwa 75 Mio. Dollar einer der Hits des Frühjahrs.
"Spirit" und "Scooby-Doo" treffen überdies auf den Widerstand von "Lilo & Stitch", Disneys 41. abendfüllender Zeichentrickfilm, der zwar inhaltlich ganz neue Wege geht, aber auf die Power von einer handvoll Elvis-Songs setzen darf, die ganz wunderbar in die Story der Freundschaft eines hawaiianischen Mädchens mit einem garstigen Pokemon-Alien eingebaut wurden.
Blockbuster-Classics
Darüber hinaus setzt der Verleih wie gewohnt auf Blockbuster-Produzent Jerry Bruckheimer, dessen "Bad Company" vom Look und Inhalt an "Der Staatsfeind Nr. 1" erinnert: Anthony Hopkins muss in Windeseile aus dem Straßenpunk Chris Rock einen brauchbaren CIA-Agenten machen, um die Welt zu retten.
Und auch der Drachenfilm " Reign of Fire " mit Matthew McConaughey und Christian Bale hat das Zeug zum Renner des letzten Sommerabschnitts, was auch für John Woos "Windtalkers" oder den vierten Jack-Ryan-Film "Sum of All Fears", diesmal mit Ben Affleck (überdies ab 29. August in dem bemerkenswerten US-Nummer-eins-Film "Spurwechsel") gilt.
Komödien satt
Besonderes Augenmerk sollte man auf "About a Boy" (UIP, 22. August) richten, der männlichen Antwort auf "Bridget Jones - Schokolade zum Frühstück" nach einem Bestseller von Nick Hornby, in der Hugh Grant seine bislang reifste komödiantische Leistung abliefert.
Jugendliche Filmfans werden indes mit der "Zurück in die Zukunft"-Variante "Clockstoppers", dem Sexulk "40 Tage und 40 Nächte" mit Josh Hartnett, dem Grossout-Spaß "Van Wilder" und der neuen Adam-Sandler -Komödie "Mr Deeds" (Columbia TriStar, 25. Juli) bedient.
Die ganze Palette aus Deutschland
Nicht allzu viele deutsche Produktionen stellen sich dem Ansturm der Hollywood-Schwergewichte: Die besten Karten hat vermutlich "Erkan & Stefan und die Mächte der Finsternis", da die beiden Blödelexperten auf einen erfolgreichen ersten Film (1,2 Mio. Besucher) und dank ihrer TV-Sendung "Headnut TV" auf gesteigerte Popularität bauen können.
Mit "Auf Herz und Nieren" meldet sich Thomas Jahn nach mehrjähriger Schaffenspause wieder mit einer markigen Krimikomödie zurück, während Michael Gutmann in der Claussen + Wöbke-Produktion "Herz im Kopf" eine ungewöhnliche Liebesgeschichte erzählt. Mit "Der Felsen" und "Baader" suchen auch zwei deutsche vieldiskutierte Wettbewerbsbeiträge der Berlinale ihr Glück beim Sommerpublikum.
Preisgekrönt und künstlerisch
Überhaupt stehen die Zeichen gut für attraktives Kunstkino: Berlinale-Publikumsliebling "8 Frauen" hat das Zeug zum Sleeperhit; Etienne Chatiliez versucht, mit "Tanguy - Der Nesthocker" an den Erfolg von "Das Glück liegt in der Wiese" anzuknüpfen, und Robert Altman öffnet endlich die Pforten zu seinem Oscar-nominierten "Gosford Park", in dem er Agatha Christie mit listiger Sozialkritik verknüpft.
Echte Leckerbissen sind neben dem nach zwei Jahren Wartezeit endlich auch bei ins in die Kinos kommenden "Sexy Beast" mit einem sensationellen Ben Kingsley die feine Romanverfilmung "Besessen" mit Gwyneth Paltrow und Adrian Lynes Rückkehr auf " Verhängnisvolle Affäre"-Territorium mit "Untreu", in dem Richard Gere eine, nun ja, verhängnisvolle Affäre seiner Ehefrau auf die Spur kommt. Politisch Interessierte werden bei "Der Stellvertreter" von Costa-Gavras auf ihre Kosten kommen.
Und wer jetzt immer noch nichts gefunden hat, worauf er sich freut, dem sei jetzt schon viel Spaß im Freibad, bei der Radtour, am Strand oder im Biergarten gewünscht.
Thomas Schultze
Die Rolle als sadistischer Mörder in Michael Hanekes provozierendem Gewaltfilm "Funny Games" brachte Frank Giering 1997 den Durchbruch....
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