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Aviator

Aviator

(The Aviator)
Drama - USA 2004
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren - 170 Min. - Verleih: Buena Vista
Start: 20.01.2005
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"Ich brauche Tragik"

Mit seinem neuen Film errichtet Martin Scorsese dem legendären Unternehmer Howard Hughes ein Denkmal. Doch dem Ausnahmeregisseur geht es nicht um Heldenverehrung.

Selbst ein Überflieger: Regisseur Martin Scorsese (Foto: Kurt Krieger)
ZoomSelbst ein Überflieger: Regisseur Martin Scorsese (Foto: Kurt Krieger)
» Sind Sie so ein großer Fan von Leonardo DiCaprio, dass Sie gleich zwei Filme am Stück mit ihm drehten?

MARTIN SCORSESE: Offen gestanden, ich wusste erst gar nicht, dass Leo bei "Aviator" mitmachen wollte. Eines Tages bekam ich ein Drehbuch ohne Titelblatt auf den Tisch. Ich sollte nicht wissen, wer damit zu tun hatte, damit ich mir eine ehrliche Meinung bilden konnte.

Aber ich war von der Geschichte gleich gepackt. Erst dann erfuhr ich, dass Leo für die Hauptrolle vorgesehen war. Und ich dachte mir, er passt ja perfekt für die Rolle.

Leonardo DiCaprio als exzentrischer Milliardär (Foto: Buena Vista)
ZoomLeonardo DiCaprio als exzentrischer Milliardär (Foto: Buena Vista)
» Was hat Sie denn von dieser Geschichte überzeugt?

Für mich war Howard Hughes bis dahin nur eine mysteriöse Gestalt gewesen. Verschiedene Kollegen wollten einen Film über ihn machen - Warren Beatty oder Brian De Palma. Ich hielt mich immer davon fern, weil ich nicht wusste, wie man diese Biografie aufbereiten sollte.

Das Drehbuch von John Logan verblüffte mich gleich von der ersten Seite an. Denn es beginnt mit Howard als jungem Visionär. Und ich dachte mir: Wie soll ein ganzes Leben auf 180 Seiten passen? Der Clou war: Das Skript erzählte nur einen Zeitraum von 20 Jahren. Und trotzdem fand es einen logischen Schluss.

Hughes betrieb auch das Filmgeschäft mit Besessenheit (Foto: Buena Vista)
ZoomHughes betrieb auch das Filmgeschäft mit Besessenheit (Foto: Buena Vista)
» Was aber noch nicht die Faszination von Howard Hughes erklärt.

Seine Geschichte reflektiert für mich den Geist von Amerika. Einerseits haben wir den Unternehmer, der alles erreichen will und kann: den spektakulärsten Film aller Zeiten, das größte Flugzeug, die wildesten Affären. Das entspricht der Mentalität, mit der die USA gegründet wurden. Wir erobern alles, was wir bekommen können.

Aber gleichzeitig verfängt sich Hughes in seinen eigenen Neurosen und Obsessionen. Er landet in einer Sackgasse. So gesehen spiegelt sich in ihm das Schicksal aller großen Reiche, ihres Aufstiegs und ihres Falls.

Von Scorsese entfesselt: Robert DeNiro in "Wie ein wilder Stier" (Foto: UIP)
ZoomVon Scorsese entfesselt: Robert DeNiro in "Wie ein wilder Stier" (Foto: UIP)
» Der Aufstieg allein interessiert Sie nicht?

Nein, ich brauche Tragik. Ich finde es immer faszinierend, wenn meine Figuren die ersten Schritte zur Selbstzerstörung unternehmen. Dieses Motiv finden Sie in fast allen meiner Filme, ob in "Wie ein wilder Stier", "Good Fellas" oder "Casino".

» Hughes war auch ein Filmemacher, der für seine Visionen Geld exzessiv ausgab. Ein Vorbild für Sie?

Sicher würde ich auch gerne mal drei Jahre lang einen Film drehen. Hughes sah Kino als großes Spektakel - wie die Gladiatorenkämpfe im alten Rom. Das konnte er auch in "Hell's Angels" vermitteln. Solche Luftkampf-Szenen wird es nie wieder geben. Die Flugzeuge existieren nicht mehr. Abgesehen davon ginge es auch wegen der Sicherheitsvorkehrungen nicht. Damals fanden vier Leute den Tod.

Action in "Scarface" von Howard Hughes (Foto: United Artists)
ZoomAction in "Scarface" von Howard Hughes (Foto: United Artists)
» Bewundern Sie ihn?

Was ich an ihm bewundere, ist, dass er ganz Hollywood herausgefordert hat. Bis in die 40er wurde die Branche komplett von den Studios beherrscht. Und Hughes war der Gesetzlose, der dieses System bedrohte. Er drehte und produzierte Filme, bei denen ihm niemand etwas vorschreiben konnte, denn er hatte ja ein riesiges Vermögen.

So sprengte er auch die Grenzen von Sex und Gewalt. Mit "The Outlaw" drehte er den freizügigsten Film seiner Zeit; seine Produktion "Scarface" war der brutalste Thriller des alten Hollywood.

"Aviator" zelebriert den (Alp-)Traum vom Fliegen (Foto: Buena Vista)
Zoom"Aviator" zelebriert den (Alp-)Traum vom Fliegen (Foto: Buena Vista)
» Allerdings handelte er sich damit Ärger mit den Zensurbehörden ein, wie auch "Aviator" zeigt. Mussten Sie jemals Szenen in Ihren Filmen abschwächen?

Natürlich. Bei "Hexenkessel" nahm ich ein paar Momente mit unflätigen Dialogen heraus, über die sich heute niemand mehr aufregen würde. Auch bei "Taxi Driver" musste ich die Gewaltszenen kürzen. Ich habe aber grundsätzlich nichts gegen Schnitte.

In "Good Fellas" gibt es eine Szene, in der Joe Pesci jemand mit einem Messer immer wieder in den Bauch sticht. Bei den Testvorführungen zuckte das Publikum schon nach den ersten paar Mal zusammen. Da haben wir ein paar Wiederholungen herausgenommen. Nach den ersten Stichen ist es ja klar, worauf die Sache hinausläuft. Du willst schließlich nicht, dass die Zuschauer schreiend aus dem Kino laufen.

Kampf um einen Lebenstraum (Foto: Buena Vista)
ZoomKampf um einen Lebenstraum (Foto: Buena Vista)
» Sie haben also kein Problem damit, sich den Zwängen des Hollywoodsystems zu beugen?

Das hängt von der Art der Zwänge ab. Ich kürze keine Szenen, die ich für notwendig halte. Wenn ein Studio mit mir zusammenarbeiten will, dann muss es mir auch entgegenkommen. Es muss mir eine Chance geben, mich bei einer vorgegebenen Geschichte künstlerisch so auszudrücken, wie ich es will.

Was bringt es denn, die Freiheiten eines Filmemachers zu beschneiden? Wir wünschen uns doch alle, dass er seine bestmögliche Arbeit abliefert. Am Ende profitiert jeder davon: der Regisseur, die Geldgeber und der Zuschauer.
Das Gespräch führte Rüdiger Sturm20.01.2005
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