Charlotte Gainsbourg
Willem Dafoe
Regie: Lars von Trier
Verleih: MFA (24 Bilder)
Um den Unfalltod ihres Sohnes zu verarbeiten, zieht sich ein traumatisiertes Ehepaar in einsame Waldhütte zurück, die die Beiden Eden getauft haben. Dort wollen sie wieder zu sich und zueinander finden. Vor allem ihre schwere Depression, für die sie Tabletten verschrieben bekam, erweist sich als harter Brocken. Als sie merkwürdige Dinge sieht und immer stärkere Angstzustände bekommt, ist er zunächst überzeugt, dass es sich um Symptome ihrer Krankheit handelt. Er fordert sie auf, ihre größten Ängst zu konfrontieren, und beschwört eine Katastrophe herauf.

Lars von Triers Versuch eines Horrorfilms ist ein harter Brocken, der das Psychogramm eines Paares unter dem Einfluss des Todes ihres Kindes in bizarr explizite Selbstzerfleischung münden lässt.
"Antichrist" ist als Film schwer zu greifen. Nahezu jede Szene lässt sich unterschiedlich deuten, bietet multiple Interpretationsansätze. Doch jeder von ihnen mündet unweigerlich in jenen unmissverständlichen Gewaltexzess, über den in Cannes mehrere Tage erhitzt diskutiert wurde. Wie auch immer man zu Lars Von Triers gezielter Provokation - was ist neu? - steht, kalt lässt sie einen nicht. Das dänische Enfant terrible wählt für seinen ersten Spielfilm seit "Manderlay" von 2005 die Form eines gängigen Horrorschockers: Paar ist traumatisiert vom Verlust seines Kindes, sucht in der Abgeschiedenheit einer Waldhütte Zuflucht und Heilung, wird schutzlos von Dämonen heimgesucht. So weit, so 08/15. Aber allein, wie der Regisseur schon den Prolog inszeniert, bereitet darauf vor, dass die Form nur Spielmasse ist, auf die Von Trier persönliche Obsessionen und Ängste projiziert. So beginnt der Film mit einer in sich abgeschlossenen, hyperästhetisierten Tragödie in Schwarzweiß und Ultrazeitlupe, in der sich das namenlose Paar in der Dusche liebt, willkürlicher Hardcore-Schnappschuss inklusive (Bergmans "Persona" lässt grüßen), während der dreijährige Filius auf die Fensterbank klettert, um im Moment des Orgasmus der Eltern in den Tod zu stürzen. Hat sie wirklich beobachtet, wie der Junge den Stuhl heranschob und lädt damit alle Schuld auf sich, weil sie nicht eingriff? Hat der Junge kurz gelächelt, war der Sturz also ein Sprung und ist er damit das Böse, das den sich nun entfaltenden Todestanz auslöst, ein besonders perfider Damien? Ist es ein Bild des Regisseurs für den Sündenfall, die Vertreibung aus dem Paradies?
Drei Kapitel folgen, in denen Von Trier Aufklärung und Eskalation verspricht, alldieweil er seinen inneren Strindberg füttert: Trauer, Schmerz, Verzweiflung - die drei Bettler, versinnbildlicht durch Reh, Fuchs und Rabe. Schon ist man mittendrin in tiefstromantischer Naturmystik und Märchensymbolik, was durch die ominös-stimmungsvolle Kameraarbeit von Anthony Dod Mantle (Oscar für "Slumdog Millionär") mit ihren tiefen Schatten und verstörenden Unschärfen noch unterstrichen wird. In ihre einsame Hütte Eden zieht es die Eheleute, wo Sie von Ihm, einem Psychiater, angehalten wird, ihre tiefsten Ängste zu konfrontieren - wie es der Regisseur selbst erlebte, der mit dem Film erklärtermaßen auch seine Psychotherapie und quälende Kreativblockade verarbeiten wollte. Nun geschehen merkwürdige Dinge: Sie verbrennt sich am kühlen Boden die Füße, nachts regnet es ohne Unterlass Eicheln, die Sprachlosigkeit schlägt in Hostilität um, ein Fuchs verkündet mit Brummstimme: "Das Chaos regiert!" Ein vermeintlich unfreiwilliger Lacher, zumindest in Cannes. Aber wer Lars Von Trier kennt, weiß, dass dies nie als Schockmoment gemeint gewesen sein kann. Es ist vielmehr Teil des Spieles, das der Filmemacher, ganz Provokateur und Gaukler, mit der Kritik spielt, als Teil eines absurd abgehobenen Dialogs.
Und es ist ein letzter Moment des Innehaltens, der Befreiung, bevor von Trier sich und mit ihm sein Publikum in ein qualvolles Szenario stürzt, das weit über das hinausgeht, was sich selbst Horrorfans zumuten würden. "Antichrist" ist ein Film voller katholischer Motive, der die Ordnung auf den Kopf stellt und Satan als Schöpfer der Welt sieht. Und es ist ein durch und durch verzweifelter Film, der zunächst die psychische Intensität eines "Wenn die Gondeln Trauer tragen" besitzt, dann aber in apokalyptischen, qualvollen Bildern der Verstümmelung und Selbstzerfleischung mündet, die ihn zu einem engen Verwandten eines anderen extremen Films der Siebzigerjahre machen, der den Glauben an das Menschliche verloren hatte, Pasolinis "Die 120 Tage von Sodom". Lars Von Trier geht ebenso weit, seine beiden Schauspieler Willem Dafoe und Charlotte Gainsbourg folgen ihm bereitwillig in den Gynocide, und der Zuschauer wird mit Bildern konfrontiert, die man lächerlich finden kann, aber nur schwerlich wieder abschütteln wird. ts.
| Darsteller: | Charlotte Gainsbourg | als Sie | |
|---|---|---|---|
| Willem Dafoe | als Er | ||
| Regie: | Lars von Trier | ||
| Drehbuch: | Lars von Trier | ||
| Produzent: | Meta Louise Foldager | ||
| Koproduzent: | Madeleine Ekman | ||
| Lars Jönsson | |||
| Andrea Occhipinti | |||
| Ole Østergaard | |||
| Malgorzata Szumowska | |||
| Ausf. Produzent: | Peter Garde | ||
| Peter Aalbæk Jensen | |||
| Kamera: | Anthony Dodd Mantle | ||
| Schnitt: | Anders Refn | ||
| Åsa Mossberg | |||
| Produktionsdesign: | Karl Júlíusson | ||
| Kostüme: | Frauke Firl | ||
Cannes - In einer Woche startet das 63. Festival de Cannes (12. bis 23. Mai) und damit das Schaulaufen auf dem wohl prestigeträchtigsten roten Teppich jenseits der Oscarverleihung. In diesem Jahr präsentiert das Festival einen Mix aus Veteranen und Newcomern.
Das diesjährige Festivalprogramm zeige, dass Kino nicht nur ein Dialog zwischen Europa und Amerika sei, sondern eine globale Kunstform, erklärte Festivalchef Thierry Frémaux auf der großen Festival-Pressekonferenz. Eine elegante Umschreibung der Tatsache, dass die USA in diesem Jahr an der Croisette ungewohnt unterrepräsentiert sind.
Lange hatte das Festival gehofft, den neuen Film von Kritikerliebling Terrence Malick ("Der schmale Grat") zu zeigen. "The Tree of Life" war dem Festival bereits in einer Work-in-Progress-Fassung gezeigt worden. Doch der Publicity-scheue Regisseur hat sich dann doch dazu entschlossen, in den Schneideraum zurückzukehren und seine Teilnahme abgesagt. Im Wettbewerb läuft nun nur eine einzige US-Produktion - "Fair Game" von "Bourne Identität"-Regisseur Doug Liman. Ein Politthriller mit Naomi Watts als CIA-Agentin, der die dunklen Seiten der Macht beleuchtet.
Statt amerikanischer finden sich im Wettbewerb nun vor allem Regisseure aus Europa und Nordafrika, aus dem nahen und fernen Osten, so zum Beispiel Takeshi Kitano, der mit "Outrage" zu seinen Yakuza-Thriller-Wurzeln zurückkehrt. Das Gastgeberland Frankreich ist wieder prominent vertreten. So unternimmt Starschauspieler Mathieu Amalric mit "Tournée" seinen dritten Ausflug ins Regiefach und spielt in der Komödie auch gleich die Hauptrolle: einen Theaterproduzenten, der ein Comeback mit einer Burlesque Show feiert.
Als Geheimtipp wird "Des Hommes et des Dieux" gehandelt, der neue Film von Xavier Beauvois über eine Gruppe von christlichen Mönchen im Maghreb, die nach Jahrzehnten des friedvollen Miteinanders mit der muslimischen Bevölkerung eines Tages unverhofft in den Konflikt mit islamischen Fundamentalisten gerät.
Alejandro González Iñárritu, der mexikanische Meister des kunstvoll verschachtelten Episodenkinos, holte mit "Babel" vor vier Jahren den Regiepreis. Jetzt ist er mit "Biutiful" erneut im Rennen um die Goldene Palme. Spaniens Superstar Javier Bardem glänzt als Drogendealer in Barcelona, der einen alten Freund wieder trifft, der inzwischen - so will es das Schicksal - Polizist geworden ist. Mike Leigh ist ein langjähriger Cannes-Gast. Mit "Lügen und Geheimnisse" gewann er 1996 die Goldene Palme. Jetzt kehrt er mit "Another Year" zurück - ein leises Drama, das ein Jahr im Leben eines älteren Paares (Lesley Manville und Jim Broadbent) erzählt.
Die wunderbare Charlotte Gainsbourg, die im Vorjahr für ihre waghalsige Rolle in "Antichrist" ausgezeichnet wurde, ist in diesem Jahr mit "The Tree" mit von der Partie. In der Verfilmung von Judy Pascoes Roman "Die Geschichte vom großen Baum" spielt Gainsbourg eine Frau und Mutter einer kleinen Tochter, die mit dem Tod ihres Mannes fertig werden muss. Regisseurin Julie Bertuccelli ist in diesem Jahr die einzige Frau im Wettbewerb - ihr Werk läuft als Abschlussfilm jedoch außer Konkurrenz.
Außer Konkurrenz präsentiert das Festival drei prominente US-Produktionen: "Robin Hood", der das Erfolgsduo Ridley Scott und Russell Crowe nach "Gladiator" erneut für ein historisches Abenteuer vereint, wurde als Eröffnungsfilm ausgewählt. Eine beeindruckend düstere Neuerzählung der klassischen Geschichte um den legendären Bogenschützen aus dem Sherwood Forest - der nur einen Tag nach der Cannes-Premiere offiziell anläuft.
Während Robin Hood sich für die Armen einsetzt, geht es den Protagonisten in Oliver Stones "Wall Street - Geld schläft nicht" dagegen um den schnellen Reichtum ohne Rücksicht auf Verluste. Michael Douglas kehrt 22 Jahre nach dem ersten "Wall Street"-Film in den Börsen-Kosmos zurück mit seiner Paraderolle als Gordon Gecko, der mächtig Eindruck auf den ambitionierten Börsen-Neuling Jacob (Shia LaBeouf) macht.
Eine Rückkehr an die Croisette gibt es auch für einen weiteren New Yorker Regisseur: Altmeister Woody Allen präsentiert seinen in London angesiedelten Beziehungsreigen "You Will Meet a Tall Dark Stranger", eine starbesetzte Komödie mit Antonio Banderas, Naomi Watts, Josh Brolin, Sir Anthony Hopkins und Freida Pinto (der schönen Latika aus "Slumdog Millionär").
Ein Ereignis der besonderen Art wird die Vorführung von "Carlos - Der Schakal" - der in der vollen Länge von über fünf Stunden außer Konkurrenz gezeigt wird. Regisseur Olivier Assayas hat jahrelang für den Politthriller über den Terroristen Ilich Ramírez Sánchez, genannt "Carlos, der Schakal" recherchiert, der in den 70er Jahren zu den meistgesuchtesten Terroristen gehörte und u. a. Drahtzieher des Anschlag auf das OPEC-Hauptquartier in Wien war und seit 1994 in Haft sitzt. Da der Film als deutsche Koproduktion entstand, gehören zum internationalen Cast rund um Edgar Ramirez auch namhafte deutsche Jungschauspieler wie Christoph Bach, Nora von Waldstätten und Julia Hummer.
Apropos Deutsche: In diesem Jahr ist zwar kein deutscher Regisseur im Wettbewerb vertreten. Doch "Mein Glück" des Weißrussen Sergei Loznitsa ist eine multinationale Koproduktion, an der die Leipziger Firma ma.ja.de federführend beteiligt ist. Erzählt wird die Geschichte eines Fernfahrers, der auf seiner Reise durch Russland in eine Spirale der Gewalt und Willkür gerät.
Darüber hinaus sind deutsche Firmen bei diversen weiteren Wettbewerbstiteln als Koproduktionspartner in Cannes dabei. In die offiziellen Nebenreihe Un Certain Regard wiederum wurden mit Christoph Hochhäusler und Oliver Schmitz zwei deutsche Regisseure eingeladen. Hochhäusler wurde mit seinen ersten beiden Filmen der sogenannten Berliner Schule zugerechnet, deren Werke eine formale Strenge verband. In seinem dritten, in Frankfurt gedrehten Spielfilm "Unter dir die Stadt" entspinnt sich eine Menage-à-Trois zwischen Nicolette Krebitz, Robert Hunger-Bühler und Mark Waschke.
Oliver Schmitz, der sich mit den Komödien-Serien "Türkisch für Anfänger" und "Doctor's Diary" einen Namen gemacht hat, kehrt für "Life, Above All" in sein Geburtsland Südafrika zurück und erzählt die Geschichte einer Zwölfjährigen, die in einem kleinen Dorf mit einem dunklen Geheimnis konfrontiert wird.
So fügt sich das Programm also tatsächlich zum globalen Dialog, den Festivalchef Frémaux sich für die diesjährige Cannes-Ausgabe ja ausdrücklich wünscht.
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