Originaltitel: Den brysomme mannen
Norwegen 2006
Trond Fausa Aurvåg
Petronella Barker
Per Schaaning
Regie: Jens Lien
Verleih: Zorro
Mitten in der grauen Einöde steigt Andreas (Trond Fausa Aurvåg) aus einem Bus aus: Zwar weiß er nicht, wie er hierher kam, aber ein Empfangskomitee steht schon bereit und führt ihn in eine neue Welt, wo ihn eine Wohnung, ein Bürojob und freundliche Leute erwarten. Er lernt Anne-Britt (Petronella Barker) kennen und heiratet sie. Allerdings interessiert sie sich - wie alle anderen Bürger dieser kinderlosen Stadt - nur für schöner Wohnen. Das soll nun Andreas Leben sein? Eine Affäre mit Ingeborg (Birgitte Larsen) hilft auch nicht weiter.
Prachtexemplar einer surrealen schwarzen Komödie mit leisem Humor, die wahlweise an David Lynch, Terry Gilliam oder Jeunet & Caro erinnert. In der Tradition von "Songs From the Second Floor" gelingt dem Norweger Jens Lien eine absurd-nachtschwarze Satire.

Visuell beeindruckende Utopie des Norwegers Jens Lien, der ein kaltes, emotionsloses Weltbild zeichnet, das unserer aktuellen Gesellschaft mehr ähnelt als uns lieb sein kann.
Eine schreckliche Zukunftsvision entwirft der norwegische Filmemacher Jens Lien in seiner zweiten abendfüllenden Regiearbeit nach "Johnny Vang", der 2003 in der Panaraoma-Reihe der Berlinale lief. "Anderland" heißt das Werk durchaus treffend in der deutschen Fassung, wobei der Originaltitel "Den Brysomme Mannen", übersetzt so etwas wie "Der Störenfried" ebenfalls Sinn macht. Dieser Störenfried heißt Andreas, 40 Jahre, recht attraktiv und für einen Mann, der mitten im Leben steht, vielleicht ein wenig zu melancholisch-verträumt. Eines Tages wird er mit einem Bus in einer öden, kargen, gottverlassenen Gegend abgesetzt. Er weiß weder wo er ist noch warum er dort gelandet ist. Und während Andreas sich noch wundert, kümmern sich plötzlich pauschal freundliche Menschen um ihn, besorgen ihm Kleidung, Wohnung, einen Job und sogar eine Frau. Doch irgendetwas scheint an diesem Ort nicht zu stimmen. Schon bald fühlt sich Andreas an seinem Arbeitsplatz nicht ausgelastet, die Gespräche mit Mitarbeitern gehen über höfliche Floskeln nicht hinaus und zu Hause läuft der Sex mit seiner Freundin Anne-Britt ebenso mechanisch ab wie die regelmäßigen Abendessen mit Freunden im "Schöner Wohnen"-Ambiente. Fast könnte man glauben, die Leute hätten es verlernt, ihre Sinnesorgane zu nutzen, alles schmeckt gleich, riecht gleich, fühlt sich gleich an. Da geht Andreas erstmals in die Offensive, lässt sich mit einer anderen Frau ein, was Anne-Britt indes völlig kalt lässt. Doch weil auch die blonde Ingeborg durch gepflegte Langeweile und Emotionslosigkeit glänzt, fasst Andreas einen Entschluss. Er versucht, dieser unwirklichen, oberflächlichen Welt zu entfliehen - was leichter gesagt als getan ist.
Viel Stahl und Beton, grau in allen Schattierungen und glatte, kalte Flächen, so präsentiert Jens Lien sein auf zahlreichen internationalen Festivals ausgezeichnetes "Anderland", das unserem momentanen Gesellschaftsbild näher kommt als einem lieb sein kann. Kinder werden nicht mehr in die Welt gesetzt und der Tod ist tabu, selbst Verletzungen werden auf wundersame Weise geheilt, und alle sind furchtbar nett zueinander. Diese subtile Horrorsituation unterschneidet Lien mit zuweilen heftigen Splatter-Szenen, in denen abgehackte Finger, ein auf einem Metallzaun aufgespießter Selbstmörder und Andreas selbst bei dem Versuch, sich von einer U-Bahn überrollen zu lassen, eine Rolle spielen. Lien und sein Kameramann John Christian Rosenlund finden dafür großartige (Panorama-)Bilder und entwerfen so eine Utopie, die ein bisschen daran erinnert als hätte David Lynch die "Truman Show" mit Aldous Huxleys "Schöner, neuen Welt" gekreuzt. Filmkunstliebhaber und Fans visuell überragender und intelligent-niveauvoller Kino-Unterhaltung werden entzückt sein. lasso.
| Darsteller: | Trond Fausa Aurvåg | als Andreas | |
|---|---|---|---|
| Petronella Barker | als Anne-Britt | ||
| Per Schaaning | als Hugo | ||
| Birgitte Larsen | als Ingeborg | ||
| Johannes Joner | als Håvard | ||
| Regie: | Jens Lien | ||
| Drehbuch: | Per Schreiner | ||
| Produzent: | Jørgen Storm Rosenberg | ||
| Kamera: | John Christian Rosenlund | ||
| Schnitt: | Vidar Flataukan | ||
| Musik: | Christian Schaanning | ||
| Produktionsdesign: | Are Sjaastad | ||
Im Line-up der Semaine de la Critique (18. bis 26. Mai) auf den 45. Filmfestspielen in Cannes sind zwei deutsche Filmemacher zu finden.
Matthias Luthardt wird mit seinem Erstlingswerk "PingPong" an der Croisette vertreten sein. Christoph Girardet und Matthias Müller stellen ihren mit dem Marler-Video-Kunst-Preis ausgezeichneten Film "Kristall" im Rahmen der Semaine de la Critique vor.
Die weiteren Teilnehmer der Festivalsektion für Erstlings- und Zweitwerke kommen aus der ganzen Welt, wobei die Anzahl der europäischen und lateinamerikanischen Beiträge überwiegt. Aus den USA ist kein Filmemacher für die Semaine de la Critique ausgewählt worden. Der einzige Beitrag aus Asien stammt von dem Japaner Hiroyuki Nakano ("Iron").
Die Sektion eröffnen wird der Franzose Emmanuel Bourdieu mit "Les Amities Malefiques", weitere Beiträge neben Luthardts Drama "PingPong" sind Jens Liens zweiter Film "Den brysomme mannen", die ebenfalls zweite Regiearbeit des Mexikaners Gerardo Naranjo ("Drama/Mex") sowie der brasilianische Beitrag "Ana, Sonhos de Peixe" von Kirill Mikhanovsky, Belgiens "Komma" von Martine Doyen und der ungarische Film "Friss Leveg" von Agnes Kocsis.
Den Abschluss der Semaine de la Critique bildet der Erstlingsfilm "Free Jimmy" von Christopher Nielsen, der außer Konkurrenz läuft. Der Animationsfilm in Spielfilmlänge wird jedoch um die Camera d'Or für das beste Debüt in allen Festivalsektionen antreten.
Film der Woche: Der Kult geht weiter, die Alien-Jäger blitzdingsen wieder! Will Smith reist in die Sixties, um den jungen Agent Kay (Josh Brolin) zu retten.
Preview der Woche: Schöne Komödie mit "Hannah Montana" Miley Cyrus, die sich in ihren besten Freund verliebt.