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"Ghost in the Shell"-Kritik: Mehr Hülle als Geist

Neuverfilmungen sind eine heikle Sache. Auf der einen Seite haben die Fans des Originals genaue Vorstellungen davon, wie der Film aussehen soll, auf der anderen Seite wollen die Macher der Neuauflage ihre eigene Vision umsetzen. Im Fall von „Ghost in the Shell“ ist dieser Spagat gelungen – wenn auch mit kleinen Einschränkungen.

Schon im Vorfeld haben erste Clips aus „Ghost in the Shell“ Lust auf das spektakuläre Science-Fiction-Setting gemacht. Und Regisseur Rupert Sanders („Snow White in the Huntsman“) – ehemals in der Werbung tätig – enttäuscht nicht. Die dystopische Zukunftsvision ist atemberaubend und das nicht nur wegen der digitalen Effekte. Der Detailreichtum, mit der die futuristische Metropole zum Leben erweckt wurde, ist ein echter Augenschmaus. Dabei sind besonders die opulenten Kostüme und das Szenenbild hervorzuheben, die traditionelle und futuristische Elemente verbinden und ein sinnliches Zukunftsszenario schaffen.

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„Ghost in the Shell“ wird dadurch nicht nur zur bloßen Nachverfilmung des Originals von 1995, dem man das Alter teilweise ansieht, sondern auch ein gelungenes optischen Update, das die Ideen der Vorlage weiterspinnt. Anime-Kenner werden einige der kultigen Schlüsselszenen wiedererkennen, aber auch ganz neue Schauwerte werden geboten, mit denen Sanders sein eigenes Universum schafft.

Scarlett Johansson haucht Major menschliche Wärme ein

Scarlett Johansson liefert eine solide Leistung ab und verleiht der Cyborg-Frau melancholische Tiefe. Diese Entscheidung wird allerdings nicht jedem gefallen. Während die Figur im Anime eine kühle und strenge Ausstrahlung hat, ist es bei Scarlett Johanssons Performance genau umgekehrt. Eigentlich wurde sie dazu ausgebildet, kalt und kalkulierend Befehle zu befolgen, doch ihre Emotionen kommen immer wieder hoch.

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Welche Interpretation man bevorzugt, ist natürlich Geschmackssache. Es drängt sich allerdings der Vergleich mit Alicia Vikander auf, die 2014 in „Ex Machina“ als berechnende Androidin überzeugte. Ein weiteres Beispiel ist die Performance von Evan Rachel Wood in der HBO-Serie „Westworld“. Die Schauspielerinnen schaffen es, ihren Figuren eine zerrissene Aura zu verleihen, durch die die Grenze zwischen der künstlichen und menschlichen Identität aufgelöst wird. Scarlett Johanssons Major wirkt dagegen ganz banal menschlich. Natürlich kann man hier einwenden, dass sie keine echte Androidin ist, da sie ein menschliches Gehirn besitzt. Doch der Punkt an solchen Figuren ist gerade die Ambivalenz. Und dieser Funke springt leider nicht über. Nichtdestotrotz weiß Scarlett Johansson, auch in ruhigen Momenten zu überzeugen, auch wenn die routiniert gespielten Actionmomente im Vordergrund stehen.

Mehr Hülle als Geist

Kommen wir zum größten Manko: Die Drehbuchautoren Jamie Moss und William Wheeler („Queen of Katwe“) haben es nicht geschafft, die Seele des Originals in die neue Hülle zu übertragen. Auch wenn einem bei „Ghost in the Shell“ nie langweilig wird, liegt das eher an den exzellenten Schauwerten und nicht an der komplexen Geschichte. Die teilweise überdeutlichen Dialoge führen die tiefgründige philosophische Botschaft der Vorlage ad absurdum. Während im Original noch mit subtilen Andeutungen und offenen Fragen gespielt wurde, kommt die Neuverfilmungen mit plakativen Sprechblasen im Glückskeks-Stil daher. Case in Point: Takeshi Kitano, der zum großen Teil nur Onliner-Weisheiten von sich gibt.

Es ist zwar lobenswert, dass die Macher die Original-Story nicht eins zu eins kopieren wollten – statt der universellen Cyberpunk-Philosophie steht hier die persönliche Geschichte von Major im Zentrum – doch ein bisschen mehr Vertrauen in die Intelligenz des Zuschauers hätte dem Film nicht geschadet. In diesem Fall ist die Ausdruckskraft des Materials durch die Änderungen leider geschmälert. Allen, die den Anime nicht so gut kennen, werden aber genug unterhaltsame Momente zum Mitfühlen und Nachdenken geboten.

Fazit: „Ghost in the Shell“ ist ein atemberaubendes Sci-Fi-Spektakel, das man sich als Fan des Genres nicht entgehen lassen darf. Trotz der kleinen Story-Schwächen entwirft die Neuverfilmung eine faszinierende und detailverliebte Zukunftsvision, die dem Original in nichts nachsteht. Allein deswegen ist die Adaption für Neulinge, aber auch alle Anime-Kenner gleichermaßen sehenswert. 

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