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Fakten und Hintergründe zum Film "Shahada"

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Über den Film

Das Projekt „Die Himmelsleiter“ befindet sich in einer fortgeschrittener Entwicklungsphase. Die grobe Struktur steht: Ein Episodenfilm, gestaffelt in fünf Kapitel, die an die fünf Säulen des Islam angelehnt sind. Es gibt drei Hauptfiguren, die im islamischem Fastenmonat Ramadan aufeinander treffen und wieder auseinander driften.

Der Titel “Shahada – Die Himmelsleiter” (auch übersetzt als „Die Wege des Aufstiegs“) bezieht sich auf die 70. Sure (Kapitel) des Koran. Das Kapitel handelt hauptsächlich von der nahenden Apokalypse, die vom Erzengel Gabriel verkündet wird. Von den Tugenden und Fehlern, die den Menschen auf der Himmelsleiter entweder nach oben oder nach unten führen. Unsere Hauptfiguren finden sich, jeder auf seine Art, ebenfalls auf den Sprossen dieser Himmelsleiter wieder. Jeder vor seiner eigenen Apokalypse. Jeder vor dem Ende seiner privaten Welt. Wie sie gewesen ist und auf der Suche nach einem neuen Platz in eben dieser.

Die Welt, das ist das Deutschland unserer Tage. Das Hier und Jetzt. Berlin wird zum Fokus unserer Aufmerksamkeit, denn keine andere Stadt in Deutschland hat so viele Einwohner mit so verschiedenen Kulturen und trägt so viele Lebensweisen und Widersprüche in sich. Die Grenzen verlaufen in dieser Stadt ganz nah beieinander und die Bruchkanten sind scharf. An kaum einen Ort in Deutschland gelingt und scheitert Integration so deutlich sichtbar wie hier. „Berlin is in Germany!“ Hier findet jeden Tag Huntingtons kultureller Clash statt. Hier erzählen wir unsere Geschichten.

Es sind die Geschichten von Muslimen. Dabei versuchen wir, die muslimische Kultur zu erzählen. Die Geschichten von Arabern und Türken, aber auch die von Westafrikanern und von europäischen Muslimen. Von radikalen und aufgeklärten Muslimen. Dabei wäre es vermessen, alle Facetten des in Deutschland gelebten Islam zeigen zu wollen. Aber wir können im Rahmen eines Spielfilms von Bräuchen, Sitten und Familienleben; vom Essen, vom Tanz und von der Musik erzählen.

“Die Himmelsleiter” wird aber auch einen Film über die Problematik des Islams im 21. Jahr- hundert in der westlichen Welt sein. Wie geht diese Kultur mit den Herausforderungen, die an sie gestellt werden, um und inwiefern ignorieren seine Mitglieder diese? Was bedeutet es, von seinem Glauben abzukommen oder aber in der fundamentalistischen Dogmatik gefangen zu sein?

Eine Einladung soll der Film sein für alle Interessierten. Eine Einladung zum Dialog über das Thema, aber auch eine Einladung, dieses Projekt, das sich wie bereits angedeutet immer noch in der Entwicklung befindet, mit zu gestallten.

Es geht darum, den Themen, der Bedeutung, der Aktualität und damit auch der Verantwortung, die dieses Projekt in sich birgt, gerecht zu werden. Wir wollen uns dabei aber von den Milieustudien und den Sozialdramen zu dem Thema abheben und arbeiten bewusst mit Thriller- und Genreelementen.

„Die Himmelsleiter“ handelt letztlich von den Menschen. Menschen, die in Krisen geworfen werden. Menschen, die nach ihren ganz persönlichen Wegen aus diesen Krisen hinaus suchen müssen. Deshalb wird unser Hauptaugenmerk bei Inszenierung und der Kameraarbeit auf den Menschen liegen. Denn die letzte Erkenntnis von „Die Himmelsleiter“ ist: Gott hilft nicht. Der Mensch hilft!

Film: Geschichte von Ismail

Ismail ist Berliner Polizeibeamter türkischer Abstammung. Er ist verheiratet mit Sarah, die als Krankenschwester im Urbankrankenhaus in Kreuzberg arbeitet. Gemeinsam haben sie einen einjährigen Sohn: Kinay. Bei einer „Razzia“ der Polizei und des Zolls in einer Großmarkthalle in Treptow greifen Ismail und seine Kollegen mehrere Schwarzarbeiter auf. Als er die Daten der Schwarzarbeiter aufnimmt, sitzt ihm plötzlich Leila, eine muslimisch-bosnische Einwanderin, gegenüber.

Beide, Ismail und Leila scheinen geschockt, als sie sich auf einmal gegenüber sitzen. Sie scheinen sich zu kennen. Zwar nimmt Ismail, ihre Daten auf, doch lässt er Leila, die weder eine gültige Aufenthaltsgenehmigung, noch eine Arbeitserlaubnis besitzt, unbemerkt von seinen Kollegen, ungestraft gehen. Doch Ismail lässt diese zufällige Begegnung nicht los. Etwas an dieser Frau oder einer Vergangenheit, welche er mit ihr teilt, bringt ihn völlig durcheinander.

Ismail beginnt Leila zu verfolgen. Ihr unauffällig nach zusetzten. Er dringt sogar heimlich in ihre Wohnung ein. Dort schaut er sich um, erforscht Leilas Leben, spült ihr Geschirr, wäscht ihre Wäsche und fixt zerbrochene Gegenstände. Sein Berufs- und Privatleben entgleitet ihm in dieser Zeit. Ausraster während der Dienstzeit und unmotivierte Streitereien mit seiner Ehefrau Sarah machen Ismail für seine Umwelt unmöglich. Die Nächte verbringt er nicht mehr zu Hause, sondern schläft in seinem Auto – vor der Wohnung von Leila.

Als Ismail wieder einmal auf den Fersen von Leila ist, bricht diese vom Fasten des Ramadans geschwächt auf der Straße zusammen. Er bringt sie in ihre Wohnung und kümmert sich um sie. Füllt ihren leeren Kühlschrank mit Lebensmitteln. Kocht. Bringt sie dazu, zu essen. Zu Anfang wehrt Leila sich noch gegen seine Hilfe, gegen seine Anwesenheit per se. Zwischen beiden liegt eine unausgesprochene Schuld, die es Leila unmöglich macht seine Hilfe anzunehmen. Als Ismail seiner Frau von der Begegnung mit Leila erzählt, kann diese es nicht fassen.

Wir erfahren, dass vor einem Jahr, bei einem Polizeieinsatz, ein Quer-schläger von Ismail Leilas Kind getötet hat. Wir erfahren nicht mehr über den Tat-hergang, als dass Sarah darauf besteht: Es war ein Unfall! Dennoch ist das eine Schuld, mit der Ismail, scheinbar nicht leben kann. Die Himmelsleiter 08 Leilas anfänglicher Widerstand gegenüber Ismail bröckelt und fällt bald ganz. Das undenkmiteinander. Dabei ist die Körperlichkeit der beiden, keine die aus Liebe, sondern aus dem gegenseitigen Schmerz entspringt.

Ismail, entweder von schlechtem Gewissen oder aus dem Drang sich selbst kaputt zu machen, gesteht dies seiner Frau Sarah. Bald darauf steht er mit einem Koffer vor Leilas Wohnung. Sie lässt ihn kommentarlos eintreten. Inzwischen haben sich die Rollen dieser beiden Menschen fast vertauscht. Ismails seelische Wunde, erweist sich als tief und selbst zerstörerisch. Der Helfer ist der eigentlich Hilfsbedürftige.

Durch den Einfluss der gläubigen Muslima Leila, kommt Ismail seinen eigenen muslimischen Wurzeln näher. Bis wir eines Nachts zusammen mit Ismail die Narben von einer Schusswunde am Bauch von Leila entdecken. Wir erfahren nun mehr vom damaligen Tathergang: Eine flüchtiger Verbrecher, eine Verfolgung, ein Schuss, der sich löst und aus Versehen die damals schwangere Leila in den Bauch trifft. Ein Kind, das stirbt.

Wir erfahren aber auch, dass Leila zu dem Zeitpunkt bereits für sich entschieden hatte, das ungeborene Kind abzutreiben. Dass sie bis heute Ismails Schuss, als eine Strafe des Schicksals sieht, der ihr nicht nur das Kind genommen hat, sondern, als Folge der Verletzung, auch die Möglichkeit jemals wieder ein Kind zu bekommen. Dass sie sich selbst verantwortlich macht für den Unfall. Dass sie sich selbst nicht verzeihen kann.

Film: Geschichte von Maryam

Maryam ist 17 Jahre alt. Sie ist ebenfalls türkischer Abstammung und die Tochter eines Imam, eines islamischen Geistlichen, der eine kleine Hinterhofmoschee in Berlin Kreuzberg leitet. Am Anfang ihrer Geschichte sehen wir sie von Arzu, einer türkischen Krankenschwester, Medikamente kaufen. Maryam zahlt 50 Euro verlässt die Wohnung und schluckt die Pillen. Das Medikament erweist sich als „Abtreibungspille“.

Als Maryam am selben Abend in einem Club ausgeht, lernen wir sie als lebenslustiges, eloquentes und sehr westlich orientiertes Mädchen kennen. Immer wieder wird sie von einem bestimmten Jungen, Sinan, angetanzt. Immer wieder blockt sie mit Hilfe ihrer besten Freundin, der sehr freizügigen Renan, diese Annäherungs-Versuche ab. Doch plötzlich bekommt sie furchtbare Unterleibsschmerzen. Als sie von Renan auf die Toilette gebracht wird, erleidet sie eine Fehlgeburt. Die Abtreibung war erfolgreich. Renan bringt Maryam nach Hause. Auf dem Weg wirft Renan ein blutiges T-Shirt an einer Spreebrücke in den Fluss.

Zu Hause angelangt, sucht Maryam das Gespräch mit ihrem Vater. Der aber, ent-täuscht von seiner Tochter, die sich die Nächte in Clubs um die Ohren schlägt, weist sie ab. Maryam bleibt allein mit den Schmerzen und dem Schock.

Am nächsten Tag sucht sie Arzu im Urbankrankenhaus auf, denn Maryam hat immer noch starke Blutungen und Krämpfe. Aber auch Arzu zeigt ihr die kalte Schulter. Das Medikament ist rezeptpflichtig. Die illegale Ausgabe strafbar. Arzu, die Angst vor dem Gefängnis hat, will nichts mit Maryam zu tun haben. Als Maryam das Krankenhaus verlässt beginnt es zu hageln.

Von nun an macht Maryam Schritt für Schritt eine Wandlung in ihrer Persönlichkeit, ihrer Wahrnehmung und ihrem Wertesystem durch. Plötzlich beginnt sie sich für den Islam zu interessieren. Stück für Stück legt sie al-les Westliche ab und wendet sich einem strengen Glaube zu.

Immer wenn sie Schmerzen hat, schickt sie Stoßgebet gen Himmel und es scheint zu helfen. Auch beginnt sie Anzeichen einer nahenden Apokalypse zu sehen. Erst der Hagel, dann Blut, das von der Decke tropft. Dann eine Heuschrecke, die auf Schulter von Sinan sitzt. Von ihm wir erfahren, dass er der Kindesvater ist, aber von der Abtreibung keine Ahnung hat.

Auch beginnt Maryam nun an einem Korankreis von jungen Frauen in Vedats Ge-meinde teilzunehmen. Hier werden ihre Ansichten immer radikaler und bald kommt es zum Konflikt mit ihrem Vater, der eigentlich für einen offenen und toleranten Islam steht. Ihre Radikalität verstört Vedats Gemeinde.

Im gleichen Maße, wie Maryam sich dem Glauben hinwendet, entfremdet sie sich von ihrer Freundin Renan und ihrem Vater Vedat. Maryams Geschichte eskaliert am letzten Tag des Ramadan. Inzwischen unkontrollierbar, sperrt Vedat Maryam aus schierer Hilflosigkeit in der Wohnung ein.

Maryam kann die Tür dennoch öffnen und sie geht in die Moschee von Vedat. Mitten in seiner Predigt, beginnt Maryam der Gemeinde vorzuwerfen, dass sie den „wahren Islam“ verloren und verraten hätten. In seinem Büro versucht Vedat seine Tochter zur Vernunft zu bringen, aber sie hört nicht und geht. Einige der empörten Gemeindemitglieder stellen Maryam nach und stellen sie zur Rede.

Doch statt sie anzugreifen oder zu bedrohen, bitten sie die junge Frau ebenfalls zur Vernunft zu kommen. Sie gefährde die jahrelange Arbeit der Gemeinde, Akzeptanz und Toleranz in Deutschland aufzubauen.

Ein letztes Mal bricht Maryam in sich zusammen. Bewusstlos wird sie zu ihrem Va-ter und von ihm ins Krankenhaus gebracht. Dort erfährt er die Wahrheit über ihren Zustand. Sie schwebte in akuter Lebensgefahr.

Als Maryam beim Aufwachen ihren von Sorge und Selbstvorwürfen geknickten Vater neben ihrem Bett schlafen sieht. Schleicht sie sich aus dem Zimmer und fährt zurück zu der Spreebrücke, wo sie sich endlich von ihrem ungeborenen Kind und der Schuld Abschied nimmt.

Film: Geschichte von Samir

Samir, genannt Sammi ist 17 Jahre alt und kommt aus Nigeria. Er lebt mit seiner Mutter Amira seit acht Jahren in Deutschland. Sammi ist gläubiger Muslim und besucht die Koranschule in Vedats Gemeinde. Sammi arbeitet als Küchenhilfe zusammen mit seiner Mutter in der Kantine der Großmarkthalle in Treptow. In der Großmarkthalle decken sich die Kleinhändler Berlins u.a. mit frischem Fleisch, Fisch und Gemüse ein.

Wir begleiten Sammi, wie er an einem Ende der Halle eine Kiste mit Fleisch aufnimmt und quer durch den riesigen Raum durch das geschäftige Treiben der Händler trägt. Sammi scheint bekannt, beliebt und sogar mit Humor ausgestattet zu sein. Kurz vor seinem Ziel, der Kantine, muss er einen Streit zwischen seinem besten Freund Daniel und Sinan (aus der Geschichte Maryam) schlichten.

Wir erfahren, dass der Türke Sinan, dessen Vater Fischhändler im Markt ist, immer wieder Daniel, den deutschen, etwas feminin angehauchten Jungen angreift und drangsaliert. Sammi wird die Aufgabe des edlen Retters zu Teil. In der Kantine lernen wir auch Amira kennen. Sie spült hier Geschirr, macht einfachste Arbeiten, denn sie spricht kein Deutsch, nur Pidgin English. So ist sie immer abhängig von Sammi, der für sie übersetzen muss.

Schnell spüren wir, dass Daniel in Sammi mehr, als nur einen Freund sieht. Immer wieder sucht er nach Sammis Nähe und lässt sich von dem praktizierenden Muslimen auch in die Moschee und zum Koranunterricht, einladen. Am nächsten Tag holt Sammi Daniel von zu Hause ab. Gemeinsam wollen sie in die Moschee.

Bei Daniel zu Hause merkt Sammi schnell, dass Daniel einen sehr autoritären, gewalttätigen Vater hat. Auf dem Weg zur Moschee hält Sammi Daniel an sich zu wehren. Der Koranlehrer ist Vedat (Maryams Vater) und auch Sinan sitzt in dem Unterricht. An diesem Tag ruft Vedat einen Koranrezitationswettbewerb, den Sammi, wie Sinan gleichermassen gewinnen wollen.

Sammi und Daniel machen viel gemeinsam. Als sie eines Abends auf eine Party gehen, wird Daniel, während Sammi halbherzig mit Renan (beste Freundin Maryam) flirtet, von Sinan gestellt und geschlagen, gedemütigt. Als Sammi seinem davoneilenden Freund nacheilt, Küsst Daniel Sammi. Aber Sammi küsst auch zurück.

Sammis Dilemma beginnt. Einerseits fühlt er sich seinem Freund hingezogen. An-dererseits von seinen eigenen Gefühlen verwirrt und im Konflikt, beginnt Sammi sich von Daniel zu distanzieren. Sammis Verwirrung schlägt um in Frustration. Dann in Wut. Wut auf Daniel, der immer wieder Sammis Nähe sucht. Daniel scheint nicht begreifen zu wollen, dass es für Sammi als Muslim unmöglich, völlig unmög-lich zu sein scheint, zu seiner Homosexualität zu stehen. Geschweige denn für sich anzunehmen. So ignoriert er Daniel erst, dann fügt er ihm körperliche und später seelische Gewalt zu.

Seinen Höhepunkt findet Sammis Geschichte, als er zusammen mit Sinan Daniel nach der Arbeit auflauert. Sinan, der schon immer geahnt zu haben scheint, dass Daniel schwul ist, fragt diesen nach einem bestimmten Knutschfleck an Daniels Hals. Von der Gruppendynamik mitgenommen ertappt auch Sammi sich dabei, dass er, wie in einem Verhör, Daniel nach dem Küsser fragt, obwohl er die Antwort genau kennt.

Daniel schweigt. Er verrät Sammi nicht. Daniel hält dicht. Sammi packt Daniel plötzlich, drückt ihn zu Boden. Er will den Nichtmuslimen zum muslimischen Glaubensbekenntnis zwingen. Dreimal vor Zeugen wiederholt, macht dies einen (theoretisch) unwiderruflich zum Muslimen. Sammi argumentiert vor Sinan und den anderen Jungen, dass das Daniel davon abhalten würde schwul zu sein. Den Jungen macht der Gedanke Spaß.

Erst als Daniel kurz davor ist, unter Zwang, zum dritten Mal das Bekenntnis zu wiederholen, erkennt Sammi, was er tut. Erkennt, dass er zu dem Bully geworden ist, vor dem er Daniel immer verteidigt hat, der er nie sein wollte. Er lässt ab von seinem Freund. Nimmt ihn in Schutz. Dass sie doch beide Schwuchteln seien, meint Sinan im Gehen. Ja, vielleicht, meint Sammi, aber das sei zwischen ihm und Gott.

Statement von Regisseur Burhan Qurbani

“Die Himmelsleiter” ist kein Film über Religion. Ich möchte den Zuschauer nicht didaktisch an die Hand nehmen und ihm erzählen: Islam, das geht so und so. Vielmehr geht es mir darum, während wir Geschichten von Menschen erzählen, die eine bestimmte Religionszugehörigkeit verbindet, und sozusagen im Vorbeigehen auch über ihre Religion, ihre Kultur zu berichten. Die Konflikte, die Krisen und die Widersprüche, mit denen sie in der deutschen Gesellschaft zu kämpfen haben. Es sind vor allem diese Widersprüche, die mich interessieren.

Der jüdische Satiriker Ephraim Kishon schrieb einmal, dass nichts schwieriger sei, als gläubig und aufgeklärt zu sein. Aus eigener Erfahrung kann ich ihm nur zustimmen.

Meine Eltern stammen aus Afghanistan. Allerdings bin ich, als eines der ersten Kinder der afghanischen Diaspora, die bis heute andauert, in Deutschland geboren worden und aufgewachsen.

Muslimisch erzogen und auch noch gläubig sein, das ist angesichts eines Lebens und einer Schul- und Hochschullaufbahn in Deutschland nicht immer einfach zu verbinden. Überspitzt gesagt: Allah und TV – das Sakrale und das Profane – kamen für mich nicht zusammen. Spätestens mit 18 Jahren habe ich mich klar von meinem Glauben und meiner Kultur, die für mich in gewisser Hinsicht auch Second Hand-Kultur war, distanziert. Die Widersprüche zwischen meiner häuslichen und meiner gesellschaftlichen Erziehung waren einfach nicht zu vereinbaren.

Erst in den letzten Jahren und mit Filmprojekten wie z.B. dem Serien-Piloten „Vögel ohne Beine”, der von Türken in Deutschland handelt, wurde ich wieder auf meine Ursprüngezurückgeworfen und musste feststellen, dass sich die spirituelle Erziehung, die ich als Kind und Jugendlicher genossen habe, nicht einfach so abschütteln lässt. So kann ich mich inzwischen zum Islam bekennen, ohne mich im Widerspruch aufzulösen.

Der Islam ist mittlerweile – spätestens nach dem 11. September – auf traurige Art und Weise in den inneren Kreis der öffentlichenAufmerksamkeit gerückt und wird von den Medien oft innerhalb der Spannbreite von Panikmache bis hin zur übertriebenen Political Correctness verhandelt.

Für das Projekt „Die Himmelsleiter” haben wir entschlossen, uns auf keines der beiden Extreme einzulassen. Wir wollen ein Drama erzählen. Einen Spielfilm über Menschen in ihren Krisen, in dem wir für unsere Figuren extreme Situationen suchen: Schwierige Entschlüsse und Entscheidungen, die man nicht irgendwie und irgendwo trifft.

Natürlich arbeiten wir bei den einzelnen Episoden der „Die Himmelsleiter” mit Negativklischees von Muslimen. Homophobie, Gewalt im täglichen Umgang. Doch suchen wir dahinter nicht die Themen, die uns von den Muslimen auseinander divergieren. Vielmehr suchen wir nach den Geschichten, die uns alle verbinden: Eine Vater-Tochter-Geschichte, eine Geschichte von Schuld und Sühne, eine Geschichte vom Erwachen der Sexualität.

Wichtig ist dabei zu fragen, was das Umfeld, die Sozialisation und Religion unserer Figuren, im Guten wie im Schlechten, mit ihnen macht. Um meine erste Aussage zu erweitern: “Die Himmelsleiter” ist kein Film über Religion. Aber: die Religionszugehörigkeit unserer Figuren macht ihre Geschichten besonders und beeinflusst ihre Entscheidungen und ihr Handeln auf eine bestimmte Art und Weise. Sie müssen glaubhaft sein und sich zur Identifikation anbieten, so dass der Zuschauer denken könnte “Das kenne ich. Ich habe schon einmal genauso empfunden”

Der Schwerpunkt in der Inszenierung dieser Geschichten liegt für mich vor allem in der emotionalen Authentizität der Figuren. Ich muss ihnen glauben, vertrauen und mich auf sie einlassen wollen, damit sie mich mitreißen können.

Auch der Umgang mit der Kamera, der Visualität ist wichtig. Wir werden auf der einen Seite eine extrem atmosphärische Dichte erzeugen und ganz klar mit den Genre-Elementen der Geschichten spielen. Auf der anderen Seite suchen wir die Nähe zu den Schauspielern mit einem naturalistischen, fast dokumentarischen Kamerastil. Dabei sind mir die Filme der Dardenne Brüder eine große Inspiration, welche es schaffen, „großen Emotionen” absolut unhysterisch zu erzählen.

Berlin als Schauplatz unserer Geschichten wird mit jedem Figurenstrang ein individuelles Gesicht bekommen. Wir wollen die Stadt als ein umgekehrtes Babel erzählen. Das heißt, Berlin auch visuell als den kulturellen „Melting Pot“ darstellen. Ein Ort, der die Widersprüche vereint. Der die Atmosphäre einer modernen deutschen Stadt, eines türkischen Basars, einer afrikanischen Großstadt und einer Balkan Metropole haben kann.

“Die Himmelsleiter” ist mein Versuch, die Widersprüche zwischen den beiden Kulturen, in denen ich aufgewachsen bin – der islamischen und der deutschen – filmisch zu verkitten.

Produzent Leif Alexis über den Film

Als Producer halte ich das Projekt „Die Himmelsleiter“ für einen absolut erzählenswerten Film, der das Thema „Muslime in Deutschland“ genau dann aufgreift, wenn es in der öffentlichen Diskussion eine relevante Dringlichkeit hat. Sobald Burhan die Filmidee hatte, begannen unsere langen Diskussionen über den Stoff. Denn besonders in Berlin, wo wir beide leben, wird aus einem eher theoretischen medialen Dauerbrenner ein Stück greifbare Lebensrealität.

Nirgendwo sonst in Deutschland gibt es ein so unmittelbares Aufeinandertreffen der Kulturen. Und wie man hier sieht, ist es eben ganz schön komplex: Oft leben die Muslime hier isoliert und an der westlichen Kultur vorbei, mal vermischen sich die beiden Geisteshaltungen ganz selbstverständlich und dann wieder kommt es einfach nur zum großen Clash.

Was ich für besonders interessant halte ist, dass Burhan muslimischen Glaubens ist und somit eine sehr eigene Sicht auf die Dinge hat. Als Sohn afghanischer Einwanderer ist er unmittelbar betroffen: Den Konflikt, aus einemreligiösen Elternhaus zu stammen und inmitten Andersgläubiger aufzuwachsen, hat er in seiner Jugend intensiv erlebt. Burhan fungiert als Mittler zwischen den beiden Welten.

Aber auch der formale Aspekt des Films ist etwas, das mich sehr reizt: Ein Episodenfilm, der bewusst mehrere Schicksale beleuchten will, der ein gewisses Tempo anschlägt, der fasst schon ein Genrefilm mit Elementen des Dramas ist. Und somit unterscheidet sich der Film ganz bewusst vom stilistischen Thema des „deutschen Realismus“.

Burhan und mich verbindet eine lange Zusammenarbeit, die uns bereits des Öfteren durch Dick und Dünn geführt hat. Ich schätze Burhans Arbeit sehr und halte ihn für einen ausgesprochen regen Geist und einen wirklich talentierten Regisseur.

Hintergrund: Die fünf Säulen des Islams

Die fünf Säulen des Islam sind die grundlegenden religiösen Pflichten der Muslime. Obwohl in den verschiedenen Richtungen des Islams unterschiedlich interpretiert, orientiert sich der Großteil aller Muslime an diesen.

1. Shahada

Das Glaubensbekenntnis nach der Formel: Ich bezeuge, dass es keine Gottheit außer Gott gibt und dass Mohammed der Gesandte Gottes ist. Die schiitische Minderheit fügt dem die Worte hinzu: Ali ist der FreundGottes. (Dazu später mehr). Mit dreimaligen Wiederholen dieser Formel bekennt sich der Muslim zum Islam.

2. Salat

Das Gebet. Beim muslimischen Gebet ist die präzise Ausführung der Körperbewegungen genauso wichtig, wie die begleitende geistige Aktivität. Das Salat wird fünf Mal am Tage verrichtet: In der Morgendämmerung, am Mittag, mitten am Nachmittag, nach Sonnenuntergang sowie am Abend. Wichtig ist hierbei die rituelle Reinheit, die durch die Waschung erreicht wird. Auch die Waschung unterliegt einer genauen Abfolge. Der Umfang der Körperreinigung ist abhängig vom Grad der Verunreinigung. Das Gebet kann praktisch überall verrichtet werden. Männer und Frauen beten getrennt. Die Richtung des Gebets ist die Ka’ba in Mekka.

3. Zakat

Almosengeben. Diese Steuer ist einmal pro Jahr von allen erwachsenen Muslimen zu leisten und wird auf 2,5 Prozent des Privatvermögens taxiert, das jemand zusätzlich zu einem als nisabgenannten Minimum verfügt. Die Empfänger sollten arm und bedürftig sein. Das Zakat wird freiwillig geleistet.

4. Saum

Das Fasten während des Ramadan. Der heilige Monat Ramadan ist der neunte Monat des Mondkalenders. Gefastet wird von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Der Ramadan bietet traditionell Gelegenheit für Familienzusammenkünfte und religiöse Besinnung. Nach der Überlieferung war es der 27. Ramadan, „die Nacht der Macht“, als der Koran „herabkam“.

5. Hajj

Die Pilgerfahrt nach Mekka. Die Erfüllung dieser sehr weitgehenden und anspruchsvollen religiösen Pflicht wird von jedem und jeder muslimischen Erwachsenen mindestens einmal im Leben gefordert. Früher pflegten Muslime ferner Länder einen Großteil ihres Lebens auf der Hajj zu verbringen, um die heilige Stadt zu erreichen.

Die strengen, nicht selten in der extremen Hitze eines arabischen Sommers zu verrichtenden Rituale beinhalten:

- Sa´i, den siebenmaligen Lauf zwischen den beiden Hügeln Safa und Marwa.

- „Das Verweilen“ in der Eben des Berges Arafat. – „Der Ansturm“ durch die enge Talschlucht von Muzdalifa.

- „Die Steinigung“ der drei Pfeiler, die den Satan darstellen.

- Das Schlachten eines Opfertieres (meist ein Schaf).

- Tawaf, das Umschreiten der Kaaba in Mekka.

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