Die Entdeckung der Currywurst (2007)

Die Entdeckung der Currywurst Poster
Nicht mehr im Kino.
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Filmhandlung und Hintergrund

Die Entdeckung der Currywurst: Werkgetreue Adaption von Uwe Timms Novelle mit einer überzeugenden Barbara Sukowa in einer starken Frauenrolle.

Als im Frühjahr 1945 die Alliierten vor Hamburg stehen, hat der Endkampf an der Heimatfront begonnen. Vor einem Kino lernt Kantinenköchin Lena (Barbara Sukowa) den Marinesoldaten Hermann (Alexander Khuon) kennen. Ein Luftangriff bringt beide in ihr Bett, wo sie ihn fortan versteckt. Sowohl für die Mittvierzigerin als auch den Fahnenflüchtigen beginnt ein lebensgefährliches Liebesabenteuer. Lena blüht auf, Hermann leidet – und entdeckt ihre abwesende Familie.

Eine brisante Affäre ist nur der Anfang eines kammerspielartigen Dramas über den Untergang des Dritten Reiches und die Auferstehung aus den Trümmern. Gewisse “Good Bye, Lenin!”-Parallelen findet Ulla Wagner (“Anna Wunder”) bei ihrer Adaption von Uwe Timms Novelle.

Lena Brückner, eine selbstbewusste Frau zwischen 40 und 50, gabelt im Zweiten Weltkrieg den etwa halb so alten Marinesoldaten Hermann Bremer vor einem Kino auf und nimmt ihn mit nach Hause. Weil er nicht zurück an die Front will, lässt er sich nur zu gern auch etwas länger von der liebenswerten Lena verstecken. Es entwickelt sich eine Affäre. Als Lena mit dem Kriegsende befürchten muss, ihren Lover zu verlieren, gaukelt sie ihm vor, dass der Krieg noch andauert.

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Kritiken und Bewertungen

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Kritikerrezensionen

  • Der Film setzt die Erfindung der Currywurst in Hamburg an, folgt nicht der vielfach kolportierten Legende des Berliner Entstehungsortes. Doch einen Authentizitätsanspruch in dieser Frage strebt er überhaupt nicht an, ja: Curry, das Gewürz, taucht eigentlich erst nach einer dreiviertel Stunde auf, in einer Erinnerungserzählung von Hermann, dem fahnenflüchtigen Marinesoldaten, der einst in Indien war und von Geflügel in Currysoße schwärmt.

    Es geht um den Krieg, den verlorenen, um Hamburg und das Harren auf Frieden. Nein, eigentlich geht es um eine Liebesgeschichte, um romantische Gefühle in einer Trümmerlandschaft, um Gefühle einer über 50jährigen zu einem jungen Matrosen. Beziehungsweise in Wirklichkeit geht es um die Zeitenwende der sogenannten Stunde Null, 1945, als alles vorüber war und alles neu begann. Und hier setzt die Currywurst ein, als Metapher für das Neue, scharf-süß-würzig, mit dem Ruch der großen weiten Welt, mit dem Anklang des Paradieses, den schon Hermann spürte, als er in Indien sein Curryerlebnis hatte.

    Vor einem Kino lernt Lina Hermann kennen, sitzt mit ihm in einem Luftschutzraum, nimmt ihn mit in ihre Wohnung und hält ihn versteckt: an der Heimatfront sterben mag er nicht, er, der von der See aufs Land, zum Volkssturm abkommandiert wurde. Und sie lieben sich, für die Zeit, die ihnen bleibt – bis zum Tod oder bis zum Frieden. Die absolute Gegenwart leben sie, Zukunft ist egal, Vergangenheit zählt nicht. Obwohl jeder von den Geheimnissen des anderen weiß, Hermann hat, als er wie ein Panther hinter seinen Gitterstäben durch die Wohnung schlich, aus der er nicht heraus darf, Liebesbriefe von einer Affäre Linas gefunden, die sie leugnet. Und Lina hat die Fotos von Hermanns Familie gesehen, die er verheimlicht.

    Erst als der Krieg aus ist, beginnt die Zukunft. Da hat sich alles geändert, weil viel mehr auf dem Spiel steht. Die Heimlichkeiten werden schädlich für die Beziehung, Lina weiß, dass Hermanns Frau und Kind warten. Und dass sich ihre Wege trennen werden. Und so will Lina den Kriegszustand konservieren, die Beziehung aufrechterhalten. Eine Lüge soll die Gefahr für das Paar auf Zeit bannen.

    Sie erzählt Hermann, was er hören möchte. Und der Soldat zeigt sich als richtiger Krieger, er träumt von einem Bündnis Deutschlands mit England und USA gegen Russland, jetzt, wo der Führer tot ist und Verhandlungen nichts mehr im Weg steht. Und Lina erzählt von der Rückeroberung des Ostens, vom gemeinsamen Kampf gegen den Bolschewismus und für die deutschen Ostgebiete bis Königsberg – hält die Verblendung aufrecht bis – ja, bis sie vom Holocaust erfährt. Der Tod im Vernichtungslager lässt sie das Spiel beenden, der Ernst der Vergangenheit nimmt Überhand: „Der Krieg ist aus. Aber richtig. Wir haben ihn verloren. Gott sei Dank.“

    So emanzipiert sich Lina nicht nur von einer Liebe, die ohnehin keine Zukunft hatte, sondern streift auch jede Sehnsucht nach der Vergangenheit ab. Auch wenn es schmerzt, loszulassen, was man lieb gewonnen hat, die Zärtlichkeit, die Liebe, die Lust, die Nähe, die sie mit Hermann erfahren hat. War sie schon zuvor nicht zimperlich, hat trotz Not Lebensmittel für die Kantine organisiert, die sie leitet, hat auch gerne zusammen mit dem Koch dem Gauleiter Fisch serviert, den er nicht verträgt: jetzt weiß sie, dass sie erst loslassen und dann ganz von vorne anfangen muss. Eine Erfahrung, die das deutsche Volk als Gesamtes nicht in so kurzer Zeit hat vollziehen können – große Teile hielten noch bis weit nach ’68 an der Vergangenheit fest…

    Und so ist die Entstehung der Currywurst – dramaturgisch, darstellerisch, inszenatorisch ohnehin beinahe makellos – eine kleine Geschichte innerhalb der großen deutschen Geschichte; ohne jeden Kitsch und jede Sentimentalität und Nostalgie, oder andersrum: ohne Überwältigungsrekonstruktion der Vergangenheit mit überdimensioniertem Setdesign, wie sie in Filmen über die Nazizeit so häufig sind. Denn wo sonst die große Betroffenheit, die eine, reine Unschuld im bösen Nazideutschland zelebriert wird, die Maßstab ist für all das Grauen des Dritten Reiches, da sind hier die Figuren erfrischend ambivalent. Man muss sich halt zurechtfinden, auch in einer falschen Welt. Und das Beste daraus machen. Auch wenn auf dem Schwarzmarkt nur Curry statt Speiseöl erhältlich ist und die Kiste mit dem Grundkapital für eine Würstchenbude auf dem Boden landet: so beginnt aus miesem Tausch und Missgeschickt die Zukunft. Currywurst eben.

    Fazit: Die letzten Kriegstage in Hamburg, eine Liebesgeschichte ohne Zukunft, das persönliche Überwinden der Vergangenheit und Currywurst als Start in eine neue Zeit.
  • Werkgetreue, bedächtig inszenierte Adaption von Uwe Timms Novelle mit einer überzeugenden Barbara Sukowa in einer starken Frauenrolle.

    Dass Frauen während der Nazi-Zeit Schutzinstinkte für verfolgte Männer entwickeln, ist im Kino nichts Neues. Catherine Deneuve tat es für Gérard Depardieu in Truffauts “Die letzte Metro” und Jacqueline Bisset für Jürgen Prochnow in Anthony Pages “Versteckt”. Jetzt nimmt sich Barbara Sukowa eines jungen Mannes an. In Ulla Wagners Adaption von Uwe Timms gleichnamiger Novelle “Die Entdeckung der Currywurst” spielt der einstige Fassbinder-Star (“Lola”) Lena Brückner, eine selbstbewusste Frau irgendwo zwischen 40 und 50, die kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs den etwa halb so alten Marinesoldaten Hermann Bremer (Theatermime Alexander Khuon in seiner ersten Kinorolle) vor einem Hamburger Kino aufgabelt. Weil er nicht beim “Endkampf” verheizt werden will, lässt er sich nur zu gern von der liebenswerten Lena mit nach Hause nehmen und dort verstecken. Dass die beiden dort alsbald mehr machen als nur Händchen halten, versteht sich in harten Zeiten wie diesen von selbst. Vor allem Lena beginnt die Liaison mit ihrem jugendlichen Liebhaber sichtlich zu genießen, während diesem das Eingesperrtsein zu schaffen macht. Als die Frau ahnt, dass ihr exklusives tête-à-tête bald der Vergangenheit angehören wird, beschließt sie etwas ganz perfide Egoistisches: sie verschweigt Hermann das Kriegsende und zwingt ihn so, weiter wie ein Tiger im Käfig in ihrer Wohnung zu verharren.

    Ulla Wagner, die vor acht Jahren mit “Anna Wunder” bereits einen kleinen Festival-Hit landen konnte, konzentriert sich in ihrem Liebesdrama ganz auf die beiden Hauptdarsteller. Das bedeutet: viel Dialoge und reichlich Austausch von Zärtlichkeiten, bei der insbesondere die inzwischen 58-jährige Sukowa viel nackte Haut zeigt. Die intensive Interaktion zwischen dem ungleichen Duo bedeutet auf der einen Seite, dass der Focus auf qualitativ hoch stehende Schauspielkunst gerichtet ist, auf der anderen aber auch eine bedächtige, beinahe behäbige kammerspielartige Inszenierung, da die Kamera nur selten Lenas Heim verlässt. Auf der Habenseite bleibt das Porträt einer starken, emanzipierten Frau, die sich am Ende mit einem kleinen Kiosk in die Selbstständigkeit wagt, und ihren kriegsheimkehrenden Ehemann, einem nichtsnutzigen Herumtreiber, mutig die Tür vor der Nase zuschlägt, sowie die Auflösung des Filmtitels: Als Lena einmal vollbepackt im Stiegenhaus stürzt, geht eine Ketchupflasche zu Bruch und vermischt sich mit aus einer Dose rieselnden Currypulver. Von diesen amüsanten Anekdoten hätte man sich mehr gewünscht in einem Film, der ansonsten von ein wenig subtilem Humor, vielen melancholischen Momenten und eindeutig vom nuancierten Spiel der großen Sukowa getragen wird. lasso.

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