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Fakten und Hintergründe zum Film "Birdwatchers - Im Land der roten Menschen"

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Regisseur Marco Bechis über den Film

Die Guarani-Kaiowá auf die Leinwand zu bringen, war eine große Herausforderung. Dieser Film ist dem Andenken meines Freundes und Mentors Enrique Ahriman gewidmet, der im Jahr 2002 in Buenos Aires verstarb. Während er im Sterben lag, sprachen wir lange und eingehend über einen der grössten Völkermorde der Menschheitsgeschichte – die Eroberung Amerikas. Im drauffolgenden Jahr führte mich eine lange Reise zuerst in die Anden zu den indigenen Gemeinschaften Perus und Ecuadors und danach in einem Kleinflugzeug mit einer Gruppe von Vögelbeobachtern in das Amazonasbecken, wo ich die Ashuar aufsuchte – ein Stamm, der vor erst 40 Jahren erstmals mit Weissen in Kontakt gekommen war. Kaum zurück in Mailand, machte ich mich ans Drehbuchschreiben und plante die nächste Reise, auf der ich mich nach geeigneten Drehorten umsehen wollte.

Guarani-Kaiowá

Jahrelang hatte ich die Survival- Kampagnen zur Unterstützung indigener Völker mitverfolgt und Informationen zu den bis heute in Lateinamerika überlebenden Stämmen gesammelt. Dabei stiess ich auf äusserst seltene Videoaufnahmen unlängst entdeckter Indianerstämme.

Später erfuhr ich von den Selbsttötungen unter den Jungen der Guarani-Kaiowá im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul und vom Kampf zur Zurückgewinnung ihres Landes, den sie «retomadas» nennen. Ich begriff sofort, dass ich die Guarani- Kaiowá seit langem hatte kennen lernen wollen, obwohl ich zuvor nichts von ihrer Existenz gewusst hatte. So änderte ich meine Reisepläne und verzichtete auf das Amazonasbecken.

Mit einer 35 mm-Kamera, einem Laptop und einem Kassettenrecorder in der Tasche brach ich auf nach Dourados, einer der größten Städte der Gegend, ebenso modern wie wohlhabend und zugleich Produktionszentrum für transgenes Soja (des US-amerikanischen Agro- Unternehmens «Monsanto»). Am Busbahnhof erwartete uns Nereu Schneider, ein Anwalt, der sich seit zwanzig Jahren für die Interessen der Guarani-Kaiowá einsetzt. Nereu führte uns zu den indigenen Gemeinschaften der Region, zuerst zu derjenigen von Ambrósio, der später die Hauptrolle in meinem Film übernehmen sollte (Nádio).

Lebensgeschichte

Seine von Entwürdigungen geprägte Lebensgeschichte im Carapó-Reservat, die Besetzung einer rund 60 Jahre zuvor auf dem Land der Indigenen erbauten Farm, die täglichen Querelen mit den Großgrundbesitzern – all dies waren Ereignisse, die in meinem Drehbuch ihre Spuren hinterliessen. Ambrósios Geschichte stand beispielhaft für viele andere. 500 Jahre nach der Eroberung war der Konflikt im Grunde derselbe geblieben. Seine Erscheinungsformen hatten sich verändert, nicht aber seine Substanz.

Der geplante Film schwebte mir an all diesen Orten ständig vor Augen – doch wie ihn machen, unter Verwendung welcher filmischen Sprache und Mittel, das war die große Frage. Ich zweifelte nicht daran, dass die Hauptschwierigkeit darin liegen würde, die richtigen Darstellerinnen und Darsteller für die jeweiligen Rollen zu finden – denn welche professionellen Schauspieler wären dafür geeignet? Die Antwort auf diese Frage kam mir unverhofft eines Nachmittags, nach einem Meeting mit Regierungsvertretern: All diese indigenen Frauen und Männer, denen ich zusah, während sie der brasilianischen Regierung lautstark ihre Anliegen kundtaten, verfügten über ein hoch entwickeltes rhetorisches Talent. Sie konnten überzeugend argumentieren und dabei Worte und Körpersprache gezielt einsetzen – sie waren Schauspielerinnen und Schauspieler.

Fortan war mir klar, dass ich den Film nur drehen wollte, wenn es mir gelänge, die Indígenas zu seinen Protagonisten zu machen. Ohne sie wäre der Film sinnlos.

Schauspielerei aus dem Alltag Um meine Intuition auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen, fragte ich Osvaldo, einen jungen Indígena aus Ambrósios Gemeinde, ob er daran interessiert wäre, als Darsteller in einem Film mitzuwirken. Er fragte mich, was es denn bedeute, Darsteller in einem Film zu sein, und ich erklärte ihm, dass Schauspieler eine Rolle spielen und er somit lernen müsste, zu schauspielern. Er dachte kurz darüber nach und meinte dann: «Aber ich spiele doch jeden Tag eine Rolle.» – «Wann denn?», fragte ich überrascht. «Jeden Tag, wenn ich bete.» Die Rituale der Guarani-Kaiowá sind «theatralische» Darstellungen, Begegnungen und Gespräche mit ihrem Gott Nhanderu. Schauspiel ist gleichsam ein Element ihrer althergebrachten Tradition. Die eigentlichen Vorbereitungsarbeiten für den Film begannen erst gegen Ende des Jahres 2006 mit der Auswahl der Darstellenden. Wir benötigten insgesamt etwa 230 Personen für die Besetzung der Haupt- und Nebenrollen sowie als Statistinnen und Statisten.

Urbano Palacio, der die Sprache der Guarani fliessend spricht, bereiste die indigenen Gemeinschaften von Mato Grosso do Sul und interviewte 800 Indígenas. Dann konzentrierten wir uns auf drei große Gemeinschaften in der Umgebung von Dourados. Wir wollten uns auf Gemeinschaften in der Nähe der Stadt konzentrieren, um die Schauspieler nicht für längere Zeit aus dem Kreis ihrer Familien reissen zu müssen. Während der Dreharbeiten wurden die Indígenas jeden Morgen aufs Set gefahren und kehrten jeden Abend zu ihren Gemeinschaften zurück. Wir prüften die interviewten Personen eine nach der anderen und fällten Entscheidungen aller Art: Abgesehen davon, dass wir ihr expressives Potenzial einschätzen mussten, hatten wir mit Schwierigkeiten zu kämpfen, die ein konventionelles Casting nicht kennt. So wollten wir vor dem Start sicher sein, auch wirklich auf das Engagement der von uns ausgewählten Indígenas zählen zu können.

Urwald-Dreharbeiten

Unsere grösste Befürchtung war, die Arbeit mit ihnen könnte unterbrochen werden. Von allen Seiten warnte man mich, dass ich den Film nicht zu Ende würde drehen können, dass sie mir mittendrin davonlaufen, protestieren oder streiken würden wie bei Werner Herzogs Aguirre, der Zorn Gottes und Fitzcarraldo oder bei Roland Joffés The Mission. Doch die Sorgen erwiesen sich als unbegründet: Alle Indigenen, die wir auswählten, arbeiteten bis zum Ende der Dreharbeiten mit. In The Mission figurierten die Angehörigen des kolumbianischen Waunana-Stammes, die im Film die Guarani verkörperten, ausschliesslich im Hintergrund und als Nebenfiguren neben den Hauptcharakteren, die durch Robert de Niro und Jeremy Irons dargestellt wurden. Dieses Klischee wollte ich in meinem Film auf den Kopf stellen, indem ich die Indígenas zu den Hauptakteuren machte und die professionellen weissen Schauspieler im Hintergrund behielt. Herantasten ans Spiel

Nach einer ersten Auswahl hatten wir rund hundert Indígenas beisammen, die bereit waren, im Film mitzumachen. Ich wollte sie erst arbeiten sehen und danach entscheiden, wer die Hauptrollen spielen sollte. In Luiz Mário fand ich einen Theaterregisseur, der mich bei den Vorbereitungen unterstützte. Unser Experiment war auch für ihn gänzlich neu. Klassische Schauspielübungen und -techniken kamen nicht in Frage, weil wir überzeugt waren, dass die Indígenas dadurch ihre Spontaneität und Ursprünglichkeit verlieren würden. Wir mussten von ihren kulturellen und materiellen Lebenswelten ausgehen.

Und wir durften nicht vergessen, dass sie schon über ein beträchtliches «Schauspiel»-Repertoire verfügten: Diktion, Gang, Gestik, Darstellung – all dies waren Techniken, die ihren freien, ungezwungenen Ausdruck hemmen konnten. Gemeinsam mit Luiz Mário beschlossen wir, uns auf Körper- und Stimmarbeit zu konzentrieren und mit ihrer Gestik- Kultur und Intonation zu arbeiten. So riefen wir eine Reihe von «Theaterseminaren» mit den Indígenas ins Leben. Nach einigen Arbeitsmonaten sah ich mir Videoaufnahmen von ersten Improvisationen an und stellte fest, dass etwas noch immer nicht klappte: Die Indígenas sprachen stets so viel wie möglich, als wäre Schweigen verboten, als wären Worte das einzige zur Verfügung stehende Ausdrucksmittel in der jeweils improvisierten Szene. Ich machte mir Gedanken über ihre Kultur der mündlichen Überlieferung wie auch zum Fernsehen, das viele von ihnen schauten, und begriff, dass sie mehr darüber erfahren mussten, wie Kino funktioniert – das hatte ihnen bis dahin niemand gezeigt.

Denkt an «Spiel mir das Lied vom Tod» In einem behelfsmässigen Projektionsraum zeigte ich ihnen zwei Filmsequenzen, die beinahe ohne Dialoge auskommen: Hitchcocks Birds und Spiel mir das Lied vom Tod von Sergio Leone. Zu einer wortlosen Sequenz von Spiel mir das Lied vom Tod erklärte ich die Bedeutung dieses Schweigens und liess sie erkennen, dass Schweigen oft mehr aussagt als tausend Worte. Angesichts der Szenen aus Leones and Hitchcocks Filmen verstanden sie sofort, was ich meinte.

Während der Dreharbeiten brauchte ich künftig nur zu sagen: «Denkt an Spiel mir das Lied vom Tod», worauf Ambrósio jeweils entgegnete: «Ich weiss, was du meinst, Marco», und vor dem Sprechen lange Pausen machte und die weissen Schauspieler ansah. Es war unglaublich, wie schnell sie lernten. In nur fünf Monaten wurden sie zu Schauspielerinnen und Schauspielern. Als der brasilianische Schauspieler Matheus Nachtergaele, der im Film die Rolle Dimas’ spielt und auch Regisseur ist, den Drehbuchautor Luiz Bolognesi fragte, ob er sich vorstellen könne, mit denselben Indígenas nochmals einen Film zu drehen, antwortete Luiz ohne zu zögern: «Schauspieler spielen gewöhnlich in mehr als nur einem Film.»

Hintergrund: Bundesstaat Mato Grosso do Sul

Mato Grosse do Sul, was übersetzt so viel heißt wie »dichter Wald des Südens,« ist einer von 27 Bundesstaaten Brasiliens. 1977 ging dieser Staat aus einer Teilung Mato Grossos hervor – der ursprüngliche Bundessstaat umspannte ein riesiges Gebiet vom Regen wald des südlichen Amazonas über die tropische Savanne des Cerrado bis hin zum Feuchtgebiet des Pantanal. Mato Grosso do Sul liegt im Westen Brasiliens und grenzt im Nordwesten an Bolivien und im Südwesten an Paraguay. In den meisten Gebieten dieses Bundesstaats herrscht ein tropisches Klima vor, mit Regen im Sommer und trockenen Wintern, allerdings kommt es im Jahresverlauf zu erheblichen Temperaturschwankungen – abhängig von Region und Jahreszeit werden jährlich Temperaturen um 40°C,aber in einigen auch um 0°C gemessen.

Der Bundesstaat umfasst eine Fläche von fast 358.000 km² und ist damit ungefähr so groß wie Deutschland, hat jedoch mit etwas mehr als zwei Millionen Einwohnern eine der geringsten Einwohnerdichten Brasiliens (6,5 Einwohner pro Quadratkilometer, in Deutschland leben durchschnittlich 320 Menschen auf demselben Raum). Laut dem brasilianischen Institut für Geographie und Statistik (IBGE) machen Indigene, zum Groß teil Guarani, 1,7% der Bevölkerung aus. Wenn man jedoch bedenkt, dass viele Nachkommen der Indigenen in der großen Zensus-Gruppe der »Pardos« aufgehen (41%, eine vom IBGE verwendete Klassifizierung für »braune Hautfarbe«), erhält man eine Idee von der Bedeutung der Indi genen in der Region, die bis heute im Vergleich mit den anderen Bundes – staaten den zweithöchsten Anteil an Indigenen hat. Mit dem Bau der Eisenbahn 1914 und der verbesserten Erreichbarkeit Mato Grossos von São Paulo aus entwickelten sich Großstädte wie Campo Grande oder Três Lagoas. Bis heute ist Immigration der wichtigste Faktor beim Bevölkerungswachstum – die Einwohnerzahl des Bundesstaates verzehnfachte sich zwischen 1940 und 2008 von 238.000 auf über 2.300.000. Die Landwirtschaft ist der bedeu tendste Wirtschaftssektor der Region, die gekennzeichnet ist von extensiver Rinder zucht und dem Anbau unter anderem von Zuckerrohr, Soja, Maniok und Baumwolle.

Vor der intensivierten Kolonisierung im 19. Jahrhundert besiedelten die Guaraní weite Teile der Region (Schätzungen gehen von einer Ausdehnung von bis zu 40 % über das Gebiet des heutigen Bundesstaats aus). Die heute noch existierenden indianischen Ländereien stellen nur noch einen winzigen Bruchteil des einstigen Landes der Guarani dar. Dort leben die Indigenen auf engem Raum, an den Rand gedrängt von Großgrundbesitzern, die nun ihr angestammtes Heimatland besetzen.

Hintergrund: Das Volk der Guarani

Wie leben sie?

Die Guarani waren eines der ersten Völker, mit denen die Europäer vor etwa 500 Jahren bei ihrer Ankunft in Südamerika in Kontakt kamen. Es gibt etwa 42.000 Guarani in Paraguay, wo Guarani zusammen mit Spanisch Landessprache ist. In Brasilien sind die etwa 46.000 Guarani das größte indigene Volk des Landes. Weitere Guarani leben in den Nachbarstaaten Bolivien und Argentinien. Die Guarani sind ein sehr spirituelles Volk. Obwohl es verschiedene Untergruppen gibt, teilen sie alle dieselbe Religion, in deren Zentrum ihre Beziehung zu ihrem Land steht. Land ist der Ursprung allen Lebens und ist ein Geschenk des ›Großen Vaters‹ Ñande Ru. Jede Gemeinschaft hat ein Gebetshaus und einen religiösen Führer, den ›cacique‹, dessen Autorität mehr auf Prestige als auf formeller Macht beruht. Solange sie denken können, sind die Guarani auf der Suche nach einem Ort, der ihnen von ihren Vorfahren offenbart wurde, an welchem Menschen ohne Schmerz und Leid leben können. Sie nennen diesen Ort »Land ohne Übel«.Seit Jahrhunderten sind die Guarani auf der Suche nach diesem Land weite Strecken gewandert.

Welchen Problemen stehen sie gegenüber?

Die Guarani in Brasilien leiden sehr unter dem Diebstahl ihres Landes. Sie erfahren diesen, der fast ihr ganzes Land betrifft, als Beleidigung ihrer Religion und als Zerstörung ihrer Lebensform und ihres Lebensinhalts. Tausende von ihnen leben nun zusammengedrängt auf kleinen Landparzellen und ihr Lebensraum wird zunehmend von Rinderzuchtbetrieben und Plantagen bedroht. Ihr Land ist nicht mehr groß genug, um ihren Lebensunterhalt wie früher durch Jagen, Fischen und Wanderfeldbau zu sichern. Stattdessen werden sie von Ranchern und Plantagenbesitzern als billige Arbeitskräfte ausgebeutet. Die Guarani-Kaiowá in Brasilien leiden besonders unter diesen Verhältnissen, welche bei ihnen zu schweren Depressionen führen. Seit 1986 haben mehr als 517 Guarani, vor allem Kaiowá, Selbstmord begangen – der jüngste gerade einmal 9 Jahre alt.

Die Zerstörung des brasilianischen Regenwalds

Der Amazonas-Regenwald ist größer als Westeuropa und damit der größte tropische Urwald der Erde. Er gehört auch zu den artenreichsten: Wissenschaftler schätzen, dass dort rund die Hälfte aller an Land lebenden Pflanzen- und Tierarten vorkommen. Durch die Evolution hat sich der Amazonas Regenwald in tausenden von Jahren zu einem einzigartigen Lebensraum entwickelt: Aufeinem Hektar finden sich oft mehr Baumarten als in ganz Europa. Ein einzelner Baum beherbergt bis zu 70 Ameisenarten. Viele Pflanzen- und Tierarten sind voneinander abhängig und könnten ohne einander nicht existieren. Im brasilianischen Amazonas Gebiet leben außerdem über 400 indigene Bevölkerungsgruppen: Rund 180.000 Menschen folgen ihrer traditionellen Lebensweise. Für sie ist der Urwald Wohnzimmer, Küche und Apotheke zugleich.

Urwaldzerstörung in Amazonien – oft illegal

Der Amazonas-Urwald ist in Gefahr. Circa 1000 Pflanzenund Tierarten sind heute vom Aussterben bedroht. Bis August 2004 wurden innerhalb eines Jahres über 26.000 Quadratkilometer abgeholzt – eine Fläche von sechs Fuss ball feldern pro Minute. Das ist die zweithöchste Abholzungsrate aller Zeiten. Bis 1970 wurde lediglich ein Prozent des Amazonas zerstört. Inzwischen sind bereits über 15 Prozent dieses Urwaldes verloren. Forscher gehen davon aus, dass sich der Amazonas-Regenwald zur Steppe umwandeln wird, sollten erst einmal mehr als 40 Prozent zerstört sein. Die Holzmafia in Brasilien schlägt rund 90 Prozent des Holzes illegal ein. Die zweite große Bedrohung des Urwaldes ist die Sojabohne. Riesige Flächen werden gerodet, um Soja anzubauen. Dazu werden viele Eingeborene vertrieben oder erpresst. Sogar Mord und Sklaverei sind ander Tagesordnung.

Eine Bohne zerstört den Regenwald

Die Tage, an denen sich Milchkühe ausschließlich von Heu, Gras und frischem Klee ernähren, sind vorbei. Die eiweißhaltige Sojabohne ist heute ein wichtiger Rohstoff für die Tierfutterindustrie. Egal ob Schwein, Kuh oder Federvieh – zur Tierfütterung werden große Mengen Soja nach Deutschland importiert. Die Soja stammt häufig aus den USA, Argentinien und Brasilien. Mit der zunehmenden Nachfrage der Verbraucher nach Fleisch steigt auch die Nachfrage nach Soja.

Allein die Importe von Brasilien nach Deutschland haben sich in den vergangenen vier Jahren verdoppelt. Doch auch Fleischimporte sind auf dem Vormarsch, und deutsche Supermärkte bieten brasilianisches Rind und Geflügel an. Dabei ist der deutsche Markt keine Ausnahme. Es entstehen neue, rasant wachsende Märkte zum Beispiel in China, Russland und den arabischen Ländern. Unser Fleischkonsum braucht Fläche: riesige Felder zum Anbau von Sojabohnen.

So fressen sich die landwirtschaftlich genutzten Gebiete in Brasilien immer weiter in den Amazonas-Urwald hinein und zerstören das einzigartige Ökosystem. Mehr als ein Viertel des Urwalds, der im Jahr 2004 in Amazonien vernichtet wurde, geht auf das Konto der Sojaproduzenten. Nur großflächige Schutzgebiete können den Vormarsch der Monokulturen in das Herz Amazoniens verhindern.

Ein Netz von Schutzgebieten

Tausende von Menschen, die im Amazonas-Urwald leben, und Millionen Tier- und Pflanzenarten können nicht länger auf politische Entscheidungen warten. Schon jetzt existiert weltweit von den einstigen riesigen Urwaldflächen nur noch ein Fünftel in großen zusammen hängenden Gebieten. Um die Abholzung Amazoniens zu stoppen, bedarf es daher klarer Regeln und Gesetze – gegen die Abholzung und für Schutzgebiete.

Laut UN-Konvention zur biologischen Vielfalt (CBD) soll ein globales Netzwerk von Schutzgebieten eingerichtet werden, um weltweit den Verlust der Artenvielfalt deutlich zu verringern. Da die letzten Urwälder zwei Drittel aller an Land lebenden Tier- und Pflanzenarten beheimaten, sind solche Schutzgebiete in Urwäldern besonders wichtig. Greenpeace und andere Umweltschutzorganisationen haben bereits durchgesetzt, dass die brasilianische Regierung 2004/05 auf etwa 170.000 Quadrat kilometern Urwald Schutzgebiete ausgewiesen hat. Das sind jedoch nur rund 3,4 Prozent des gesamten Amazonas-Gebietes.

Um den Urwald langfristig zu erhalten, müssen diese Gebiete deutlich ausgeweitet werden. Doch auch in den schon ausgewiesenen Schutzgebieten läuft viel schief. Denn der brasilianischen Regierung fehlt der politische Wille, die illegale Abholzung zu stoppen. Die Umweltpolizei muss so ausgestattet werden, dass sie Verstöße sofort und wirkungsvoll ahnden kann. Ärmere Länder wie Brasilien brauchen dabei finanzielle Unterstützung. Reichere Länder wie Deutschland sind gefordert, ihre Entwicklungshilfe zu erhöhen, und damit verstärkt Schutzgebiete einzurichten – auch als Beitrag zur Armutsbekämpfung.

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