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THEMA: Die Vergessenen
562 mal gelesen - 1 mal empfohlen
Knurrunkulus
Filmkritik:
Empfohlen: Filmkritik wurde 1 mal empfohlen.
13.01.2006 18:04 Uhr
Status: Filmexperte
geschrieben: 2484
Mitglied seit 07.09.2004
-= Achtung SPOILER: dieser Beitrag verrät etwas über den Inhalt des Films! =-


Der Krieg ist vorbei. Die Ölfelder brennen noch, die Leichenräumkommandos haben noch nicht wirklich gute Arbeit geleistet (sind wahrscheinlich noch am Feiern), aber ansonsten ist halt echt alles prima. Saddam komplett am Arsch, die Iraker in der Minderheit und längst in ihren Löchern verkrochen, diese feigen Idioten und ach ja, die Zivilbevölkerung. Ach ja, die gibt’s ja auch noch. Naja, die, ach, die schlägt sich schon durch, wird sich ihren Weg bahnen. Wüstenvölker und alles was dem ähnelt, sind ja schließlich resistent gegen Wind und Wetter und überhaupt, die sollen sich nicht anstellen.

Wie gesagt: Der Krieg ist vorbei. Anders gesagt: April, April!

„Three Kings“ beschäftigt sich mit den vergessenen Seelen der Kriege dieser Welt. Sinn und Unsinn des damit zusammenhängenden Militäreinsatzes der USA im ersten Golfkrieg wird dabei genauso in den Mittelpunkt gestellt wie der innerliche Wandel der Protagonisten, die nach dem eigentlichen Ende ihres Jobs in der Wüste ganz plötzlich erkennen, das da noch rein gar nichts wirklich zu Ende ist. Es ist ein wenig vergleichbar mit einem kleinen Jungen, der auf Geheiß seiner Mutter sein Zimmer aufräumen soll. Schnell wird alles in Schränke gequetscht, unter den Teppich gekehrt und als die Mutter zur Kontrollvisite kommt, da grinst sie der Junge an und sagt: „Guck mal, schon fertig!“ Als die Mutter schließlich, skeptisch wie sie ist, zum Schrank geht und ihn öffnet, da kommt ihr die ganze Scheisse entgegen. Man stelle sich nun anstelle des kleinen Jungen mal das Grinsen eines George Bush sen. vor, der seinen militärischen Truppen zuruft: „Guckt mal, schon fertig, der Krieg. Toll!“ Schmunzeln wird man sich dabei nicht verkneifen können, aber es ist eine dieser Schmunzelattacken, die man sich lieber verkneifen würde. Weiß man doch, dass im Falle eines George Bush damals wie auch heute der unaufgeräumte Mist nicht in Form von Kuscheltieren in irgendwelche wohlig warmen Schränke gepackt wurde. Hier geht es vielmehr um lebende Menschen, die sich unter unmenschlichen Umständen durchschlagen müssen. Und da kommt auch keine Mutter zum Kontrollbesuch und hilft ihnen aus der Misere. Da müssen erst drei Könige kommen, die noch Raum in ihrem Herzen haben. Und die Relevanz ihres Tuns erkennen.

Noch ein Vergleich: Man kennt sie im Volksmund als die drei Könige, doch laut Bibel waren es drei Sterndeuter, die von Herodes zu dem Kind Jesus in der Krippe geschickt wurden mit Geschenken: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Sie sollten auskundschaften, wo das Kind ist, ihrem Befehlshaber Bescheid geben und dann würde er es töten. Doch als sie da sind im Stall, da hören sie eine Stimme, die ihnen befiehlt, auf einem anderen Weg zurückzugehen und Herodes keine Meldung zu geben. Das tun sie. Sie weichen von ihrem eigentlichen Plan, begehen sozusagen Fahnenflucht und sind sich sicher, damit eine gute Sache getan zu haben. Ist dieser Vergleich weit hergeholt? Man weiß es nicht.

Aber irgendwoher muss der Titel „Three Kings“ ja kommen. Und diverse Überschneidungen mit dem groben Thema der Rolle der drei Könige in der Weihnachtsgeschichte sind schon zu erkennen, wenn man sich den Film von David O’Russell so zu Gemüte führt. Vier im Irak stationierte Soldaten finden dort im Hintern eines gefangenen Irakers eine Karte, die den Standpunkt einer Ummenge Gold, das der Irak von Kuwait geklaut hat, beinhaltet. Nach dem Motto „Einmal Geklautes kann man auch ohne Gewissensbisse weiterverklauen“, das ich jetzt gerade mal eben erfunden habe, machen sie sich also auf den Weg, eben dieses Gold zu besorgen. Sie ahnen nicht, in welches Wespennest sie damit stoßen. Denn als sie das Gold haben und sich gerade auf den ruhmreichen Rückweg machen wollen, da erschießt auf einmal ein Iraker vor ihren Augen eine Rebellin und bittet die Amis, doch schleunigst zu verschwinden. Das Gold hätten sie ja jetzt, der Rest könne ihnen egal sein. Doch Archie Gates (sicherlich eine der besseren Rollen von George Clooney) lässt das nicht mit sich machen. Es endet in einer ungewollten Schiesserei, die vier Kameraden müssen sich mit den Rebellen auf die Flucht begeben und da sie nun den offiziellen Waffenstillstand gebrochen haben, stecken sie richtig tief im Mist. Außerdem wird Troy Barlow (Mark Wahlberg, bei David O’Russell scheinbar eine sichere Bank und immer in guter Spiellaune, wie er ja auch in „I Heart Huckabees“ kürzlich erst beweisen durfte) gefangen genommen. Da sich die Prioritäten nun also gleich mehrfach verschoben haben, gilt es, die Rebellen als Belohnung für ihre Unterstützung in den einigermaßen sicheren Iran zu schleusen und vorher Troy aus der Gefangenschaft zu befreien. Und ihre eigentlichen Auftraggeber dürfen davon nichts mitbekommen. Das Schleusen von Rebellen in die Sicherheit ist ja nun nicht unbedingt etwas, was die USA sich auf die Fahnen geschrieben haben. An ihrer Statt stelle man sich nun einmal Herodes vor. Zu abstrakt? Auch egal.

„Three Kings“ benötigt keine Diskussionen über seine Namensgebung, um als relevant und gut anerkannt zu werden. Mit nachträglich doch eher schwarz wirkendem Humor, einem mal wirklich coolen und gut ausgewählten Soundtrack (man denke an das gekonnt eingespielte „If you leave me now, you`ll take away the biggest part of me“ bei der Flucht einiger Iraker, die auf die Finte reingefallen sind, das Saddam auf dem Weg sei, um sie alle zu töten) und einer Schauspielergarde, die zwar nicht unbedingt vom Hocker haut, aber jetzt auch nicht wirklich zum Meckern veranlassen kann, ist schon einmal die Grundsubstanz gelegt. Was dann allerdings von der Masse abhebt, das ist die Thematik. Eindringliche Szenen gibt es zuhauf. Sei es nun im Verhör von Troy Barlow, der sich damit auseinanderzusetzen hat, das sein Folterer gerade seinen Sohn und seine Frau verloren hat und der diesem noch nicht mal widersprechen kann, als er behauptet, das die irakische Bevölkerung den USA doch völlig egal sei; sei es beim satirisch völlig überspitzten Anfang der ganzen Sache, als sich ein Soldat dazu entschließt, einfach mal zu töten, obwohl der Typ vor ihm nicht die geringste Gefahr darstellt; sei es bei den Verhandlungen mit den Rebellen um Fortbewegungsmittel und dem dabei erfolgenden Versuch, diese mit dem Slogan „George Bush wants YOU“ zur Herausgabe von Autos zu bewegen (nur das diese eben nicht auf solche leeren Slogans reinfallen, da sie die Wahrheit schon zu lange am eigenen Leib miterlebt haben): Die gezeigten Situationen wissen zu überzeugen und zu berühren. Ständig hat man sie im Hinterkopf, die ganzen Krisenherde dieser Welt und die ganzen damit verbundenen Kriege, die immer nur dann in den Vordergrund unseres Lebens rücken, wenn es gerade mal wieder ganz besonders medienwirksame Katastrophen zu verzeichnen gibt. Auch wenn es wehtut, den Vergleich zu dem völlig missglückten filmischen Machwerk „Die Vergessenen“ zu ziehen: Vergessene stehen auch bei Russell im Vordergrund, nur braucht es bei ihm keine kruden Storyhopser, um die Geschichte zu einem Ende zu bringen. Menschlichkeit reicht aus.

Das diese am Ende siegt, das ist zwar schön. Aber eventuell auch ein wenig naiv. Denn das es so auch in der Realität ausgehen könnte wie eben hier, das muss doch stark bezweifelt werden. Es ist eine Glattbügelung auf das Happy End, die „Three Kings“ letztendlich dabei im Wege steht, höhere Weihen zu erreichen. Das ist bei „Jarhead“ besser gelungen. Dieser wirkt im Zusammenhang mit „Three Kings“ sowieso fast wie ein Prequel. Während ersterer das Ende des Golfkriegs zelebriert, setzt eben letzterer dort wieder ein und zeigt, wie es wirklich ist. Dabei bezieht er deutlich Position, keine Frage. Dabei scheut er nicht vor Dingen zurück, die schwer im Magen liegen. Aber irgendwie fehlt dann doch der letzte Funke. Es ist als ob Russell am Ende dann doch eine klinisch saubere Wüste hinterlassen würde. In der es zwar Tote gab, aber gut: Jetzt ist ja Friede, Freude, Eierkuchen.

Er hätte wie das Kind ein wenig Chaos hinterlassen dürfen.
John Shooter
13.01.06 - 21:34 Uhr
Status: Insider
geschrieben: 3279
Mitglied seit 13.06.04
Ja. *.

Was mich an "Three Kings" so fasziniert, ist die Tatsache, dass, ähnlich wie bei "How I Won The War", der Film zuerst als Komödie (wenn auch recht derbe) startet, dann aber plötzlich so verdammt ernst und wichtig wird, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Und dass George Clooney großartig ist, weiß ja inzwischen auch jeder. Fand die Optik gar nicht so schrill und gewöhnungsbedürftig wie vielerorts behauptet, sondern ziemlich düster und dreckig, kurz gesagt: passend.
Ein untypischer Antikriegsfilm ist er dennoch, aber ich würde behaupten dass er für Menschen, die einigermaßen was in der Birne haben, zu den wirksamsten gehört.
Knurrunkulus
13.01.06 - 22:21 Uhr
Status: Filmexperte
geschrieben: 2484
Mitglied seit 07.09.04
E-Mail-Verfolgung eingeschaltet
Schönen Dank für das Sternchen.

Mir wurde vor dem Angucken auf der DVD sogar angesagt, das die Macher des Films teilweise dreckige Farben und visuelle Verrenkungen benutzt haben, um die Atmosphäre des Films zu unterstützen. Keine Ahnung, wieso die das auf die DVD gepackt haben, weil sonderlich aufgefallen ist es mir auch nicht, das da jetzt mit der Kamera irgendwas wahnsinnig Atemberaubendes getan wurde. Was nicht heisst, das es nicht gut gewesen wäre: Es war halt einfach ne äußerst runde Sache und hat gut hineingepasst. Schillernd aber war das bestimmt nicht, da stimme ich dir zu. Wer behauptet das denn?

Und um den Film wirklich so zu sehen, wie er es verdient hat, muss man schon ein bißchen mehr ertragen als nur Bumm-Bumm-Explosion-Bumm. Dann kann er aber auch wirklich wirksam sein. Beachtlich wirksam. Denn so hatte ich das nicht erwartet und war dann doch sehr angenehm überrascht. "Jarhead" aber ist und bleibt mein Spitzenreiter. Jawoll.

Ach so: Die Besprechung bezieht sich übrigens auf die OV.
Frank Raber
14.01.06 - 15:44 Uhr
Status: Kritiker
geschrieben: 546
Mitglied seit 10.01.06
Zu Anfang: Gute Kritik!

Ändert aber wenig daran, dass ich diesem Film kaum etwas abgewinnen kann. Er versucht verkrampft, Elemente einer Komödie zu integrieren und schreibt sich
durch den Titel Pseudosymbolik auf die Fahnen. Die Geschichte ist mir zu sehr geprägt davon, den Hauptdarsteller als "cool" und "Gutmenschen" zu huldigen.
Gleichfalls kann ich den Versuch, in den Kontext eines Krieges Elemente von moralischer Korrektheit zu pflanzen, nicht begrüssen. Nur in "Der Soldat James Ryan" kann ich erkennen, dass ein solcher Versuch gelungen zu sein scheint. Authentizität? Nun, der Film strengt sich an, diese zu erreichen - leider weitestgehend vergebens, meiner Ansicht nach. Gefallen haben mir dennoch an manchen Stellen Kameraführung und Bildgestaltung, was in Verbindung mit einigen Dialogen wenigstens stellenweise einen halbwegs realistischen Eindruck erzeugt.
Three Kings ist ein beliebiger, gewöhnlicher Unterhaltungsfilm. Zwar eigentlich kurzweilig, aber ohne Tiefe - was ja auch wohl, denke ich, gar nicht sein Anspruch war. Seinen Zweck als Hilfe zum Zeitvertreib erfüllt er jedoch.
Knurrunkulus
14.01.06 - 15:58 Uhr
Status: Filmexperte
geschrieben: 2484
Mitglied seit 07.09.04
E-Mail-Verfolgung eingeschaltet
Erstmal ein Willkommen in der Community an dich.

Three Kings ist ein beliebiger, gewöhnlicher Unterhaltungsfilm. Zwar eigentlich kurzweilig, aber ohne Tiefe - was ja auch wohl, denke ich, gar nicht sein Anspruch war.

Wenn ich dir auch in deinen vorherigen Ausführungen schon noch einigermaßen folgen kann, da in Sachen Glaubwürdigkeit und Zelebrierung des Gutmenschentums ja gerade zum Ende hin tatsächlich Dimensionen betreten werden, die alles sind aber nicht mehr wirklich realistisch und die auch ein wenig vom bisherigen Geschehen des Films abweichen (das habe ich ja auch in der Kritik geschrieben), so ist dein Fazit für mich doch irgendwie unverständlich und dem Film gegenüber meiner Meinung nach sogar unfair.

Denn ein beliebiger, gewöhnlicher Unterhaltungsfilm; das ist doch nun wirklich mal etwas ganz anderes. Ein beliebiger Unterhaltungsfilm, das sind so Sachen wie "Mr. and Mrs. Smith" oder grenzdebile "Großer-Junge-macht-alles-kaputt"-Filme, wie sie uns so oft als Blockbuster-Filme angepriesen werden. Das ist ja nun nicht von vornherein gleich schlecht, aber "Three Kings" ist meiner Meinung nach sowieso auf völlig anderem Gebiet zu sehen. Das ist ja nun wirklich weit entfernt von Dingen wie "Och, jetzt sind wir schon mal im Krieg, dann können wir uns auch gleich auf die Explosionen beschränken". Ich erinnere mich noch sehr gut an den Film "In the Army Now", den ich vor inzwischen 10 Jahren mal gesehen habe: Das war beliebige Unterhaltung. Das war eine Actionkomödie, bei genauem Hingucken eigentlich nur albern und austauschbar. Und austauschbar ist "Three Kings" nun eben gerade nicht, da sich das Thema doch fernab von Hirnabschalten befindet. Deswegen halte ich ihn auch weiterhin trotz einiger nicht zu bestreitender Mängel für eine sehr mutige Angelegenheit, da angesichts der damals geschalteten Werbung wohl nur wenige Menschen damit gerechnet hätten, das sie in diesem "Spaß" mit George Clooney wirklich Tiefgang erwartet.

Und genau dafür möchte ich den Film dann auch würdigen.
Frank Raber
14.01.06 - 18:34 Uhr
Status: Kritiker
geschrieben: 546
Mitglied seit 10.01.06
Danke für das "Willkommen"!

Bitte versteh mich nicht falsch, ich wollte den Film nicht zerreissen. Auf mich selbst wirkt der Film eben eher mittelmässig - und "mean" ist gar nicht schlecht.Man kann sich mit dem Film anfreunden, muss aber nicht. Und, gar keine Frage, sicherlich gibt es wesentlich schlechtere Streifen. Sollte man mich nötigen, irgendwelche prozentualen Angaben zu machen, so würde ich aus meiner aktuellen Laune heraus exakt 55,55 % geben.

Als Antikriegsfilm mag er auch fungieren, aber in dem Moment, da er sich mit Referenzwerken messen lassen muss, wird klar, dass er meiner bescheidenen Meinung nach nicht in der Topliga mitspielen kann.
Ich kann verstehen, was Du konkret für Dich selbst an dem Film magst. Bitte erlaube mir aber die Möglichkeit, Deiner Ansicht nicht vollkommen zu folgen; ich selbst akzeptiere Deine Sichtweise zu diesem Film vollkommen, wenngleich ich sie nicht ohne signifikante Abstriche unterstreichen könnte.

Jeder Film wirkt von Zuschauer zu Zuschauer unterschiedlich. Three Kings kann ich persönlich zwar konsumieren, aber für mich selbst liegt die Grenze zum Genuss ein wenig höher. Zumal ich mich prinzipiell auch eigentlich in einem anderen Genre wohler fühle. Anyway.

Gruß,
Frank
Frank Raber
14.01.06 - 18:38 Uhr
Status: Kritiker
geschrieben: 546
Mitglied seit 10.01.06
Übrigens, mir ist gerade noch ein Gedanke durch die Hirnwindungen geschossen: Was haben Kreuzzüge eigentlich mit den Heiligen Drei Königen gemeinsam?
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