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THEMA: Willkommen im Tollhaus der Crazy Kids
485 mal gelesen
- 4 mal empfohlen
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William Cutting
Filmkritik:
Empfohlen:
10.09.2003 10:12 Uhr
Status: Citizen Kane
geschrieben: 6018
Mitglied seit 17.02.2003 |
„Was machen wir hier eigentlich?“ fragt Elin (Alexandra Dahlström) Agnes (Rebecka Liljeberg) auf der warmen Rückbank des stehengebliebenen Autos, das die beiden eigentlich aufgrund von Langeweile und Aufbruchstimmung endlich aus diesem Drecks-Kaff Amal rausbringen soll. Im Hintergrund steigen die Töne von Foreigner „I want to know what love is“ gemütlich aus dem Radio.
I wanna know what love is/ I want you to show me/ I wanna feel what love is/ I know you can show me.
Plötzlich schwillt der Song an, durchflutet den Innenraum und Elin und Agnes küssen sich. „Ist das versteckte Kamera?“ wirft der leicht schockierte Autofahrer von vorne ein, der gerade nach dem Motor gesehen hat, weil der Wagen nicht anspringen wollte.
Die zwei elementaren Fragen für alle Regisseure von Coming-of-Age-Filmen, denn die Antworten definieren die Qualität und Aussagekraft der Filme des Genres.
Lukas Moodysson, 34-jähriger schwedischer Regisseur, der mit „Raus aus Amal“ sein Debüt gab, reiht sich mit seinen Antworten nahtlos in die exklusive Kette an großen Meistern der kleinen Filme über das Erwachsenwerden ein. Todd Solondz, Hans Christian Schmid und Larry Clark gaben alle die gleichen Antworten, natürlich mit jeweils einer ganz speziellen persönlichen Note, und heben sich weit von Spaßmacher-Klischeestudien aus Hollywood ab.
Ernsthaft den Versuch wagen, die Gefühlswelt Jugendlicher einzufangen, mit ihnen auf Augenhöhe, auf Sinnsuche zu gehen und dabei die „versteckte Kamera“ zu sein, das dritte Auge, das mal wie ein Freund, mal wie ein Feind an der der Seite der Protagonisten schwebt, aber immer ehrlich versucht, Wahrheit und Echtheit zu suchen.
Now this mountain I must climb/ Feels like a world upon my shoulders/ I through the clouds I see love shin/ It keeps me warm as life grows colder.
Es ist zwar Schweden und das kleine Städtchen Amal, das präsentiert wird, also Kronen, Eishockey und Bingo-Lotto, aber das Thema des Films ist universell und auf jeden Menschen mehr oder weniger übertragbar.
Es geht um Agnes, ein Mädchen, das sich in Elin, eine Mitschülerin, verliebt hat. Und es geht um Elin, ein Mädel, das sich vor lauter Schönheit zu Tode langweilt. Es geht also um zwei Typen von Menschen in der Pubertät, und wenn man ehrlich ist, gibt es dazwischen nicht wirklich noch etwas. Es gibt noch leichte Abstufungen und Kombinationen, aber ansonsten decken die beiden viele bis alle Probleme und Gefühle der schwierigen Phase ab.
Das Verliebtsein von Agnes, die Gleichgültigkeit von Elin, das Mobben von Andersartigen, Konflikte mit Eltern, Geschwistern und Freunden, Sinnsuche, erster Kuss, erster Sex, Selbstmordversuch und natürlich Verwirrtheit. Die Stärke von „Raus aus Amal“ ist, dass alle diese Punkte aufgegriffen werden, aber niemals zum belastenen Stolperstein für den Erzählfluss werden, sondern immer leicht neben der eigentlichen Handlung auftauchen und sich trotzdem ins Gedächtnis brennen.
In my life there`s been heartache and pain/ I don`t know if I can face it again/ Can`t stop now, I`ve traveled so far/ To change this lonely life.
Moodysson lässt häufig auf die Gesichter seiner Figuren zoomen, als wolle er noch tiefer in ihre Seele blicken, als er es ohnehin bereits getan hat. Er geht damit unter die Haut und ans Herz.
In Agnes Zimmer hängen drei Filmplakate lose verteilt an den Wänden. „Casablanca“, „Romeo und Julia“ und „Scream“; sie erzählen auf ihre Weise die Geschichte von Agnes und Elin bereits eindringlich. Nicht nur, dass sich die Träume und Alpträume der Pubertät mit diesen Filmen nahezu perfekt durch Horror, Angst und unerreichbarer Liebe beschreiben ließe, sondern, dass sich darin auch die Ereignisse des Films spiegeln. „Casablanca“ und „Romeo und Julia“ bilden dabei die doppelte Unterstreichung einer Beziehung, die so nicht zu sein hat. Bei Shakespeare die Gesellschaft, die alles verbaut, bei „Casablanca“ die Umstände. Denn bei allem allgemeingültigen bezieht sich „Raus aus Amal“ speziell auf homosexuelle Liebe in der heutigen Gesellschaft. Wundervoll aufgearbeitet wird das beispielsweise in einem Gespräch zwischen Agnes Mutter und ihrem kleinen Sohn, der von einem Freund gehört hat, dass jemand lesbisch sei, was das denn wäre. Die Mutter erklärt tolerant und sensibel dem Jungen, bis sie nachhakt und erfährt, dass es um Agnes geht. Das wiederum will sie einfach nicht wahrhaben.
Die Handlung beschränkt sich auf eine missglückte Geburtstagsparty, Eishockey-Training und Bingo-Lotto schauen. Wir sind in Schweden, wir sind in Amal, und wir können es Agnes und Elin nachvollziehen, dass sie raus wollen, raus aus dieser Zeit. Umso erstaunlicher und offener lässt einen das Ende des Films zurück. Moodysson ist kein Todd Solondz, kein Larry Clark, für ihn gibt es Hoffnung, und das lässt mich für die Zukunft hoffen.
"Raus aus Amal" ist der leckerste Kakao seit Ewigkeiten.
I gotta take a little time/ A little time to think things over/ I better read between the lines/ In case I need it when I`m older.
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MC Frodo
10.09.03 - 16:21 Uhr
Status: Citizen Kane
geschrieben: 20240 Mitglied seit 29.10.01
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Sehr schön, wie du auf die Filmplakate eingehst, das ist sogar mir damals schon aufgefallen, hatte mich da aber nicht wesentlich mit beschäftigt, dass sie vielleicht gar eine so große Bedeutung haben, ist mir dann aber doch nicht aufgefallen, auf jeden Fall sehr interessant.
Schön geschrieben und passend zum Film, den du ja nun wirklich auch sehr schön fandest, das freut mich umso mehr, denn er war wirklich einer der schönsten die ich im letzten Jahr gesehen habe.
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William Cutting
10.09.03 - 16:58 Uhr
Status: Citizen Kane
geschrieben: 6018 Mitglied seit 17.02.03
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Ich meine, der Film beinhaltet so viele wichtige Elemente für Jugendliche. Auch Musik ist super-wichtig, deswegen gleichfalls für den Film. Die Textzeilen zwischen meinem Text sind aus Foreigner "I want to know what love is", was im Auto des Anhalters gespielt wird. Man kann es für Popgedudel mit inhaltslosen Floskeln von Hackfressen halten, aber als Jugendlicher kann man sich gerade in diesem Texten perfekt wiederfinden. Und irgendwie, finde ich, steckt in dem Song ne Menge Gefühl, und vor allem Gefühl an früher.
Den Kakao-Satz habe ich zusätzlich gerade erst drangeheftet, weil ich das Ende so toll fand ("Das wird dann immer eine ganz schöne Menge Kakao, aber das macht nichts.") und dem Text der letzte Ausschlag fehlte, der zeigt, wie sehr ich den Film mag. Danke für deine Antwort.
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Crust
26.05.05 - 12:12 Uhr
Status: Insider
geschrieben: 3261 Mitglied seit 23.05.03
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ein sehr schöner text zu einem tollen film. interessante gedanken zu den filmplakaten. habe die darsteller einfach nur geliebt. toll, was für performances manche regisseure immer wieder aus unerfahrenen jungschauspielern rauskitzeln können. man meint dann immer, das von dir auch angesprochene versteckte kamera prinzip wurde benutzt: so als hätte der regisseur einfach nur den tatsächlichen alltag der kids abgefilmt. das ist toll, einfach toll. ein unglaublich wohliges gefühl macht die szene am ende, wo die beiden mädchen aus dem klo rauskommen. meine hoffnung ist, dass viele jugendliche diesen mut in entsprechenden situationen aufbringen können. ein mut der verzweiflung, aus dem aber die genau richtige tat entsprang. "würdet ihr uns bitte durchlassen, wir haben jetzt bock auf einen fick." großartig! |
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William Cutting
27.05.05 - 14:19 Uhr
Status: Citizen Kane
geschrieben: 6018 Mitglied seit 17.02.03
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Danke. Wäre mal ganz spannend zu hinterfragen, warum wir es gerade so toll finden, wenn etwas "authentisch" und "echt" im Film rüberkommt. Eigentlich wissen wir ja, dass es ein Film ist. Aber trotzdem wollen wir gerne, dass im besten Fall der Schein der Realität erzeugt wird.
Das hier war übrigens nochmal der Versuch, mit Kritiken auf kino.de anzufangen, verebbte dann aber ganz schnell. Wenigstens gefällt mir die Kritik hier besser, als meine unglaublich unausgegorene, unendlich lange Inhaltsangabe bei "Prinzessin Mononoke". Am liebsten aus diesem Bündel von Texten habe ich immer noch die Kritik zu "Someone Like You" aka "Männerzirkus" mit der traumhaften Ashley Judd. Falls du mal pure Entspannung suchen solltest, dann sei dir der Film empfohlen. |
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Crust
28.05.05 - 19:55 Uhr
Status: Insider
geschrieben: 3261 Mitglied seit 23.05.03
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vielleicht ist so ein film für uns die einzige möglichkeit, wieder so richtig in das gleichsam wunderbare wie schreckliche party- und problemeleben pubertierender kids abzutauchen. wir sind nun eben nicht mehr ganz so jung, fühlen uns dieser zeit aber sehr verbunden. zumindest ist es bei mir so. filme wie "raus aus amal" berühren mich nicht vornehmlich mit dem stimulieren meiner imagination, sondern ganz besonders mit dem sanften hervorholen von erinnerungen. deswegen kann die adoleszenz m.e. eins der tollsten filmthemen überhaupt sein.
den "männerzirkus" behalte ich mal auf dem radar, hab ich noch nicht gesehen. |
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