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THEMA: Live free or die hard
1671 mal gelesen - 4 mal empfohlen
Thorongil
Filmkritik:
Empfohlen: Filmkritik wurde 4 mal empfohlen.
19.02.2008 23:17 Uhr
Status: Citizen Kane
geschrieben: 5348
Mitglied seit 13.09.2004
.

Live free or die hard


No Country For Old Men
(USA, 2007)


100%


Im wilden Westen wird man nicht alt. Sollte das versehentlich doch einmal der Fall sein, fragt man sich, was man im Leben erreicht hat, wieso man ausgerechnet in dieser staubtrockenen, heißen und unwirtlichen Gegend leben musste, warum man sich so derartig gequält hat. Letztendlich bleibt nicht viel übrig an Sinnhaftigkeit. Wie schön wäre es da, mal eben einen Koffer mit zwei Millionen US-Dollar zu finden, die eine Flucht aus der Ödnis ermöglichen. Um diesen Koffer voller Geld zu verteidigen, würde man alle Grenzen überschreiten ...

No Country For Old Men spielt 1980 im Süd-Westen von Texas. Der neue Film von Joel und Ethan Coen basiert auf dem Roman gleichen Titels von Pulitzer-Preisgewinner Cormac McCarthy. Llewelyn Moss (Josh Brolin) ist in der texanischen Steppe unterwegs. Er kommt an den Schauplatz eines fehlgeschlagenen Drogengeschäfts im großen Maßstab – viele Leichen und ein Koffer voller Dollar. Moss nimmt sich den Koffer und wird fortan gejagt. Unter den Jägern befindet sich auch Anton Chigurh (Javier Bardem), der sich als äußerst hartnäckig herausstellt. Eine blutige Hetzjagd beginnt.

Der Film ist eine schräge Mischung aus brillanter Action, abgrundtiefem Humor und philosophischen Einlagen. Für letztere ist hauptsächlich Sheriff Ed Tom Bell (Tommy Lee Jones) verantwortlich. Er versucht Licht ins Dunkel zu bringen, ergeht sich aber meist in sarkastischen Sprüchen und philosophischer Sinnsuche. Man könnte fast behaupten, jeder Satz sei ein Lacher, wenn nicht selbiger einem im Halse stecken bleiben würde beim Grübeln über die tiefere Bedeutung des Gesagten.

Bedeutung. Sinn. Bei den Coens hat für gewöhnlich alles einen Sinn. Grundlage schaffen eine penible Vorbereitung, großes Hintergrundwissen und eine präzise Vorstellung, wie eine Szene auszusehen hat. Die bildliche Umsetzung lag wiederum bei Roger Deakins, der völlig zurecht neben seiner Arbeit für Die Ermordung des Jesse James ... auch für seine fantastischen Bilder in No Country For Old Men eine Oscarnominierung erhielt. Die Verfolgungsjagden sind äußerst spannend inszeniert. Zuweilen geht es sehr brutal und blutig zu. Die Coens schaffen es aber hervorragend, die Balance zwischen Action, zynischem Humor und Philosophie zu halten. Neben vielen Filmzitaten finden sie auch hier ihren so eigenen und typischen Stil.

Ein typisches Merkmal in Coen-Filmen ist stets auch die leichte Überzeichnung der Figuren. Besonders faszinierend in No Country For Old Men ist die Figur des Psychopathen Anton Chigurh. Dieser Irre ist ein wandelndes Pulverfass, bei dem selbst ein normales Gespräch mit einem Tankwart zur Zerreißprobe wird. Aus diesem stoisch blickenden Mann mit Märchenprinz-Frisur kann die Gewalt ganz unvermittelt herausbrechen. Er bleibt mit seinen seltsamen Prinzipien stets mysteriös und Bardem versteht es ausgezeichnet, ihn nicht der Lächerlichkeit preiszugeben.

Die Coens spielen mit den Erwartungen des Zuschauers. Werden sie anfangs noch großherzig erfüllt, wird der Seher gegen Ende an der Nase herumgeführt. Höhepunkt dieses Spiels bildet der Schluss, den man so sicher nicht erwartet hätte. Neben Witz, Action, Suspense und Bildgewalt setzen die Coen also auch auf Verwirrung, aus der in den meisten Fälle ein Sinn erwächst, da sie zum Nachdenken anregt.

Nach dem etwas schwächeren Ladykillers ist No Country For Old Men nun das sehnlich erhoffte Meisterwerk. Dieser brillante Neo-Western versammelt die Stärken seiner Macher: den Humor aus The Big Lebowski, die Bildgewalt aus Millers Crossing, die Brutalität aus Fargo oder Blood Simple und das Verschrobene aus O Brother, Where Art Thou?. No Country For Old Men ist ein cineastischer Hochgenuss par excellence!
Knurrunkulus
19.02.08 - 23:26 Uhr
Status: Filmexperte
geschrieben: 2482
Mitglied seit 07.09.04
Na wunderbar. Dann siehst du das ja alles genauso wie ich und ich bewundere dich dafür, dass du es in so wenigen und auch nicht allzu blumigen Worten aufs Papier bringen konntest. Mir ist das vor einem Monat derart kurz und knapp nicht gelungen, mich hatte der Film viel zu sehr in den Bann gezogen und ich konnte der lobenden Worte tatsächlich gar nicht genug finden.

Was mich aber interessieren würde: Hast du die deutsche Version gesehen oder ist dir das Glück derart gewogen gewesen, dass du die Möglichkeit hattest, dir den Film im Original anzusehen? Ich frage deswegen, da es mich sehr interessieren würde, wie Bardem synchronisiert wurde.

Was ich da im Trailer hörte, das klang nämlich ganz grausam.
Und an ihm, an Bardem, hängt ja nun in diesem Film doch sehr viel.
Thorongil
20.02.08 - 00:47 Uhr
Status: Citizen Kane
geschrieben: 5348
Mitglied seit 13.09.04
E-Mail-Verfolgung eingeschaltet
@ Knurru

Habe nur die Synchro in der Sneak gesehen und musste so auf den spanischen (?) Akzent von Bardem verzichten. Der Film ist aber so gut, dass er es verkraftet, denke ich. Werde mir aber garantiert noch irgendwann die OV reinziehen ;-)

Ja, ich mag eher die Kritiken mittlerer Länge, habe aber nichts gegen einen längeren Gefühlsausbruch, den ich mir auch gern mal zu Gemüte führe. Also weiter so. Was ich allerdings ungern mache, ist das Lesen von Kritiken vor der Sichtung (massive Spoilerangst)!
LetThemEatCake!
20.02.08 - 10:31 Uhr
Dass der Film einen gewissen philosophischen Gehalt hat, sehe ich auch so und habe das unter Knurris Kritik ausgeführt. Allerdings sehe ich ihn nicht in den Worten des Sheriff Bell, sondern anderswo. Die Figur des Sheriff Bell ist doch angelegt als recht prototypischer älterer Mann, der mit den modernen Zeiten und dem angeblichen Wertverfall der Gesellschaft nicht klar kommt, weshalb er ständig sinniert, früher sei alles ...vielleicht nicht besser, aber für ihn zumindest verständlicher gewesen; frühe habe er die Menschen und ihr Handeln noch kapiert. Was daran jetzt philosophisch sein soll, weiß ich nicht. Das Motiv des alten Mannes, der seinen Stellenwert in der Gesellschaft hinterfragt und sich exkludiert fühlt, ist nicht sonderlich neu oder tiefsinnig, so dass ich jetzt nach "No Country" darüber großartig nachdenken müsste.

Ferner scheint mir im ersten Absatz der Filmbesprechung eine leichte Überinterpretation vorzuliegen, was die Gedanken- und Gefühlswelt des Moss angeht. Woran will man das belegen, frage ich mich.

Ansonsten aber Zustimmung. was die spannende Inszenierung der Coens, Deakins geniale Bilder und Bardems perfide Verkörperung des Soziopathen angeht. Na ja, vier von sieben Absätzen, die des Kuchenbäckers Zustimmung finden, ist doch schon mal was. smile
Thorongil
20.02.08 - 12:36 Uhr
Status: Citizen Kane
geschrieben: 5348
Mitglied seit 13.09.04
E-Mail-Verfolgung eingeschaltet
@ Cake

Danke für die "4 von 7" ;-)

Re: Philosophie
Bell ist natürlich nicht allein für die Philosophie zuständig, ich habe aus seinen bösen Witzchen für mich schon sehr viel Kritik, Reflexion und versteckte Analyse gezogen. Er bildet auch den Rahmen der Geschichte. Für mich war Bell das Offensichtliche. Da ich aber "hauptsächlich" schrieb, sehe ich auch in anderen Personen philosophischen Gehalt. Hier gehen die Coens aber versteckender zur Sache. Chigurhs seltsame Prinzipien sind für mich schwerer zu entschlüsseln. Moss ist da ein spezieller Fall. Ich habe über seine Motivation nachgedacht, was mich zu dem einleitenden Gedanken gebracht hat. Er geht ja am Anfang recht zögerlich zur Sache, wägt ab. Der Umgang mit seiner Familie und sein unbedingter Willen sind weitere Punkte für meine Vermutung. Zudem passt meine Einleitung natürlich hervorragend zum Titel des Films ;o)
LetThemEatCake!
20.02.08 - 13:35 Uhr
Jetzt, nachdem Du das nochmal erklärt hast, stimme dem sogar zu (besonders, was das "versteckter zur Sache gehen" angeht).

Re:
Chirurghs Prinzipien sind ja gerade deshalb so perfide, weil ein normal denkender Mensch sie nicht gutheißen oder ihren tieferen Sinn ergründen kann. Einfach deshalb, weil da kein tieferer Sinn ist. Der Mann ist schlicht ein Soziopath mit nihilistischer Attitüde.
Pul
07.03.08 - 12:13 Uhr
Status: Citizen Kane
geschrieben: 10650
Mitglied seit 23.03.01
Zustimmung, Thoro! *

Was die Philosophie anbelangt: Zum einen hat Cake natürlich recht, dass die Figur des frustrierten Alten (den ich spätestens mit dem Unfall übrigens auch in Chigurh angedeutet sehe) nicht neu ist. Aber das ließe sich vermutlich über jedes Topos und jeden Charakter sagen, die heutzutage auf der Leinwand angeboten werden, Cake!

Stark aber, wie die Coens in scheinbar einfach nur absurd-lustigen Dialogen Denkanstöße verbergen, z.B. "Das sind Mexikaner... waren..." - "Waren oder sind? Vermutlich waren sie's, aber seit wann sind sie's dann nicht mehr?" enthält doch m.E. schon interessante Aspekte. Natürlich - und das ist das Angenehme am Coen-Stil - wird man nicht gedrängt, sie herauszuholen.
Anderes schönes Beispiel: Als der junge Cop sich kaum die Tränen verkneifen kann und Bell nur meint: "Ja, ich lache auch manchmal"


Und dann noch ein thumbup an Cake für die Klassifizierung Chirurghs als Soziopath mit nihilistischer Attitüde. Konzise wie selten.
Thorongil
07.03.08 - 12:55 Uhr
Status: Citizen Kane
geschrieben: 5348
Mitglied seit 13.09.04
E-Mail-Verfolgung eingeschaltet
Danke, Pul!

Ja, der Nihilismus! Wieder ein typisches Coen-Merkmal. Es ist schon faszinierend, wie die Coens in jedem Film vordergründig ein neues Feld bearbeiten, am Ende aber immer wieder zu ihren Themen finden und ihren ganz eigenen Stil ausbreiten.
Pul
07.03.08 - 14:20 Uhr
Status: Citizen Kane
geschrieben: 10650
Mitglied seit 23.03.01
Apropos "typisch Coen": Gab es dieses Gespann "sarkastischer alter Cop und naiver junger Cop" nicht schon in Fargo? Oder verwechsel ich das jetzt mit Vater und Sohn Cop in KILL BILL?
Thorongil
07.03.08 - 14:41 Uhr
Status: Citizen Kane
geschrieben: 5348
Mitglied seit 13.09.04
E-Mail-Verfolgung eingeschaltet
Mir kam auch eher der Gedanke KILL BILL und DEATH PROOF. Habe FARGO lange nicht gesehen, da ich den Film zwar gut finde, ihn von den Coenfilmen aber mit am wenigsten mag.
HeikoZZ9
momentan online
09.03.08 - 12:17 Uhr
Status: Citizen Kane
geschrieben: 7911
Mitglied seit 17.07.01
Was? Oh. Ich musste es noch mal nachlesen. Ich dachte gerade, du hättest Ladykillers als schwach bezeichnet. Aber du sagtest ja nur, er sei etwas schwächer gewesen. Dann kann ich dir doch zustimmen...

Schöne Kritik. Hast mich damit überredet ins Kino zu gehen... grin
Thorongil
09.03.08 - 18:31 Uhr
Status: Citizen Kane
geschrieben: 5348
Mitglied seit 13.09.04
E-Mail-Verfolgung eingeschaltet
Heiko, da bin ich aber froh, dass Du nicht dem Hype glaubst, sondern mir! grin
HeikoZZ9
momentan online
10.03.08 - 21:29 Uhr
Status: Citizen Kane
geschrieben: 7911
Mitglied seit 17.07.01
Man muss doch nur mal zwischen den Zeilen lesen. Wenn mir jemand erzählt, dass der Film schlecht ist wegen seiner ruhigen Bilder und seiner gediegenen Erzählweise, dann kann ich das nicht nachvollziehen. Bei Schüttelkamera und hektischen Schnitten überall könnte ich heute... wie auch immer. Jedenfalls konnte ich deine Argumente nachvollziehen.

Und was soll ich sagen? Du hast vollkommen recht. Super Film! Spannend und meisterhaft erzählt. Und die Soundkulisse! Ich musste an "Spiel mir das Lied vom Tod" denken. Nur dass die Cohens völlig auf Musik verzichtet haben. Atmosphärische Untermalung der Bilder allein durch Geräusche. Und es funktioniert perfekt!

Die Filmauswahl war aber auch einfach. Um die Zeit, als ich ins Kino kam, hatte ich nur die Wahl zwischen 8 Blickwinkel und No Country. Oder lange auf den nächsten zu warten. Na ja. 8 Blickwinkel ist ja vielleicht auch ganz nett. Aber ich habe da schon einiges von Schüttelkamera und hektischen Schnitten gelesen... grin
Thorongil
12.03.08 - 12:41 Uhr
Status: Citizen Kane
geschrieben: 5348
Mitglied seit 13.09.04
E-Mail-Verfolgung eingeschaltet
@ Heiko

Na ja. 8 Blickwinkel ist ja vielleicht auch ganz nett. Aber ich habe da schon einiges von Schüttelkamera und hektischen Schnitten gelesen...

Ich auch, wobei der Schnitt ja recht gut sein soll. Momentan wird mir die Enscheidung, ob ich in 8 BLICKWINKEL gehe oder nicht, vom öffentlichen Nahverkehr abgenommen, der in Berlin gerade streikt. Und morgen kommen schon wieder neue Filme heraus ...
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