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THEMA: Deutsches Kinojuwel
1337 mal gelesen - 5 mal empfohlen
Chris Striker
Filmkritik:
Empfohlen: Filmkritik wurde 5 mal empfohlen.
29.10.2001 00:51 Uhr
Status: Insider
geschrieben: 4589
Mitglied seit 06.10.2001
Leben ist das Ergebnis einer Kette von Zufällen. Jeder einzelne Tag kann in unendlich vielen Variationen erlebt werden, aber nur eine davon wird realisiert. Von den anderen potentiellen Möglichkeiten haben wir nur hin und wieder eine dunkle Ahnung. Schon unsere eigene Existenz ist reiner Zufall. Wäre vor dem Zeitpunk unserer Zeugung irgendetwas anders verlaufen, es würde uns nicht geben, ebenso wie wir mit unserer Existenz, das Leben anderer Menschen beeinflusst, die wiederum nach dem Schneeballprinzip Einfluss auf das Leben anderer ausüben usw, usw.

"Lola rennt" erzählt auf unterhaltsamer Weise von den Möglichkeiten, die das Leben bieten kann. So ist es auch nur Zufall, dass die Geschichte von Lola erzahlt wird. Am Anfang des Filmes wird sie quasi aus einer Menschenmenge herausgegriffen. Es hätte auch die Geschichte von Frau Jäger, Herrn Meier, Herrn Schuster oder sonst jemanden erzählt werden können.

Es ist ein heißer Sommertag in Berlin. Manni hat Scheiße gebaut. Er ist Geldkurier für einen Gangster und vergisst in der U-Bahn eine Tüte mit 100.000 Mark. Wenn er die nicht in 20 Minuten abliefert, ist er ein toter Mann. Verzweifelt ruft seine Freundin Lola an. Die liebt Manni über alles und will ihm helfen 100.000 Mark aufzutreiben. Und so rennt Lola los, um ihren Vater, einen Bankdirektor, um Hilfe zu bitten.

Dreimal wird Lola ihren Lauf antreten, dreimal wird der Lauf durch Berlin anders verlaufen und enden. Jede Variation ergibt sich aus der Art und Weise wie Lola nach Mannis Anruf auf einen Jungen mit einem Hund im Treppenhaus des elterlichen Hauses reagiert. Dieser entscheidende Angelpunkt wird immer in einer Zeichentricksequenz dargestellt. Im weiteren Verlauf trifft Lola immer wieder auf die gleichen Personen, einmal ein paar Sekunden früher, einmal ein paar Sekunden später, wodurch Lolas Lauf schließlich immer wieder eine völlig andere Wendung nimmt, aber auch das Leben der Menschen, mit denen Lola zusammentrifft. Der Regisseur hat hier einen wunderbaren Einfall. Das zukünftige Leben dieser Menschen wird in einer kurzen Fotoreportage erzählt.

Parallel zu den Möglichkeiten des Lebens, zeigt Tykwer die Möglichkeiten des Films. So werden 35 mm, Video, Dia, Zeitlupe, Zeitraffer, Farbe, Schwarzweiß und Zeichentrick miteinander verwoben um Lolas Geschichte zu erzählen. Diese Vielfalt schenkte mir 1998 nach langer Zeit wieder ein Aha-Erlebnis, besonders in den Anfangssequenzen. Alles schien möglich zu sein. Erst bei "Amelie" und "Moulin Rouge" bin ich im Kino wieder in diesen seltenen Zustand des Staunens versetzt worden.

Außerdem reißt die Dynamik des Films einen mit. Die Schnittfrequenz ist hoch, teilweise rasant. "Moulin Rouge" schnellste Schnittfolgen wirken dagegen wie Zeitlupenaufnahmen. Das ganze wird mit Techno-Beats unterlegt. Selten bilden Soundtrack und Bilder so eine Einheit wie bei "Lola rennt". Der keuchende Atem, der Widerhall der Schritte und der Vorwärtsdrang von Lola spiegeln sich ideal in den Techno-Beats wieder. Ohne diesen Soundtrack würde "Lola rennt" an Wirkung einbüßen, ebenso wie der Film in der Flimmerkiste an Wirkung verliert. Wenn man Potente so durch die Straßen von Berlin laufen sieht, möchte man am liebsten selbst zu den Laufschuhen greifen und mitlaufen. Schon vom Zusehen steigt der Endorphinspiegel.

Der Film ist bis in die Nebenrollen glänzend besetzt. Die Angst die in Manni hochkommt, wird durch Bleibtreu förmlich greifbar. Potente stellt Lola voller Lebendigkeit dar, man nimmt ihr die Liebe zu Manni ab. Und so fiebert man dreimal mit Lola mit, dass ihr Lauf durch Berlin Mannis Leben rettet.

Ich kann keinen zweiten deutschen Film nennen, der mich so wie "Lola rennt" mitgerissen hat. Wer Spass an "Was wäre wenn"- Fragen hat, gerne beobachtet und Techno nicht abgrundtief hasst, für den ist "Lola rennt" sicherlich ein Highlight des deutschen Kinos. Ich habe damals das Kino glücklich verlassen.

Chris
Nestor
17.07.02 - 18:28 Uhr
Das ist wirklich eine wundervolle Kritik, Chris. Ich kann jedem Wort deiner Kritik zustimmen. Auf jeden Fall ein * von mir.
Chris Striker
22.09.07 - 10:16 Uhr
Status: Insider
geschrieben: 4589
Mitglied seit 06.10.01
E-Mail-Verfolgung eingeschaltet
Was aus dir, Nestor, wohl geworden ist?

Ein Textauszug von Richard Dawkins, weil es so gut zum Thema des Filmes passt:

Wir alle müssen sterben, das heißt, wir haben Glück gehabt. Die meisten Menschen sterben nie, weil sie nie geboren werden. Die Männer und Frauen, die es rein theoretisch an meiner Statt geben könnte und die in Wirklichkeit nie das Licht der Welt erblicken werden, sind zahlreicher als die Sandkörner in der Sahara. Und unter diesen ungeborenen Geistwesen sind mit Sicherheit größere Dichter als Keats, größere Wissenschaftler als Newton. Das wissen wir, weil die Menge an Menschen, die aus unserer DNA entstehen könnten, bei weitem größer ist als die Menge der tatsächlichen Menschen. Und entgegen dieser gewaltigen Wahrscheinlichkeit gibt es gerade Sie und mich in all unserer Gewöhnlichkeit.

Moralphilosophen und Theologen messen dem Augenblick der Empfängnis großes Gewicht bei: Er ist in ihren Augen der Zeitpunkt, ab dem die Seele zu existieren beginnt. Und auch wer sich wie ich durch ein solches Gerede nicht rühren lässt, muss einen bestimmten Moment neun Monate vor der Geburt als das entscheidendste Ereignis seines persönlichen Schicksals betrachten. Es ist der Augenblick, in dem unser Bewusstsein plötzlich billionenmal genauer vorhersehbar wird als noch einen Sekundenbruchteil zuvor. Sicher, der embryonale Mensch, der nun existiert, hat noch viele Hürden zu überwinden. Die meisten Befruchtungsprodukte enden in einer frühen Fehlgeburt, bevor die Mutter überhaupt davon weiß, und wir alle haben Glück gehabt, dass es uns nicht so ergangen ist. Außerdem besteht die persönliche Identität nicht nur aus Genen – das erkennen wir an eineiigen Zwillingen. Dennoch war der Moment, in dem eine bestimmte Samenzelle in eine bestimmte Eizelle eingedrungen ist, in unserem persönlichen Rückblick von Schwindel erregender Einzigartigkeit. Damals verschob sich die Wahrscheinlichkeit, dass wir zu einem Menschen wurden, vom Astronomischen in den einstelligen Bereich.

Begonnen hat die Lotterie schon vor der Empfängnis. Unsere Eltern mussten sich kennen lernen, und ihre Empfängnis war ebenso unwahrscheinlich wie unsere eigene. Und so weiter rückwärts in die Vergangenheit über unsere vier Großeltern und acht Urgroßeltern bis in eine Zeit, an der wir nicht einmal denken mögen.



Auch der der kleinste mittelalterliche Bauer brauchte nur zu niesen, um irgendetwas zu beeinflussen, das etwas anderes veränderte, das nach einer langen Kettenreaktion schließlich dazu führte, dass einer meiner potentiellen Vorfahren nicht mein Vorfahre, sondern der eines anderen Menschen wurde. Ich rede hier nicht von der „Chaostheorie“ oder der ebenso modernen „Komplexitätstheorie“, sondern nur von der schlichten Statistik der Kausalbeziehungen. Der Faden des historischen Geschehens, an dem unser Dasein hängt, ist erschreckend dünn.

Auch in anderer Hinsicht haben wir Glück gehabt. Das Universum ist über 100 Millionen Jahrhunderte alt. Nach einem vergleichbar langen weiteren Zeitraum wird die Sonne zu einem roten Riesen angewachsen sein und die Erde verschlingen. Jedes dieser vielen hundert Millionen Jahrhunderte war zu seiner Zeit „das derzeitige Jahrhundert“ oder wird es sein, wenn die Zeit kommt. Interessanterweise können sich manche Physiker mit der Vorstellung von einer „wandernden Gegenwart“ nicht anfreunden: Sie ist in ihren Augen ein subjektives Phänomen, für das sie in ihren Gleichungen keinen Platz finden. Aber ich argumentiere hier durchaus subjektiv. Für mich – und ich nehme an, auch für andere Menschen – fühlt es sich so an, als ob die Gegenwart aus der Vergangenheit in die Zukunft wandert, wie ein winziger Scheinwerferkegel, der an einem riesigen Zeitlineal entlang kriecht. Hinter dem Lichtkegel liegt alles im Dunkeln, in der Düsternis einer toten Vergangenheit. Und alles vor dem Lichtkegel liegt in der Dunkelheit der unbekannten Zukunft. Die Chance, dass unser Jahrhundert gerade dasjenige ist, auf dem der Scheinwerfer ruht, ist ebenso groß wie die Wahrscheinlichkeit, dass ein zufällig in die Luft geworfener Pfennig auf eine ganz bestimmte. Auf der Straße von New York nach San Francisco krabbelnde Ameise trifft. Mit anderen Worten: Jeder von uns ist mit überwältigend großer Wahrscheinlichkeit tot.

Trotz dieser schlechten Chancen bemerken wir, dass wir in Wirklichkeit lebendig sind.



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